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malitsuki

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Re: crossfire || Amary & ich

von malitsuki am 05.11.2019 15:36

Mella

 "Das Wichtigste dabei ist, dass du deinen Halt nicht verlierst. Die meisten vergessen das, aber die richtige Fußstellung und Grundhaltung sind am wichtigsten. Sonst-"

"Sonst könnte mich selbst ein ambitionierter Achtjähriger umschubsen, ich weiß."
Lächelnd schüttelte ich den Kopf und ballte meine Fäuste leicht.
"Die Lektion hältst du mir nicht zum ersten Mal."
Sparring allerdings war etwas Neues. Von allein hätte er es vermutlich auch mie vorgeschlagen, schließlich war es bereits ein mächtiges Stück Arbeit gewesen, ihn hiervon zu überzeugen.
"Aber wenn du nie vernünftig mit mir übst, dann kann ich doch gar nicht wissen, ob mein Stand überhaupt in Ordnung ist."
Lachend warf Krasnikov seinen Kopf in den Nacken. Er war einer der wenigen Männer hier, deren Lachfalten man kilometerweit erblicken konnte.
"Melly, wenn ich mit dir so üben würde, wie ich das zum Beispiel mit deinem lieben Bodyguard machen könnte, dann würde mich dein Vater mich derart klein machen, dass nicht mal ein außerordentlich ambitionierter Achtjähriger mich wieder zusammenpuzzlen könnte. Von daher ... Bleibt das hier auch unter uns, nicht?"
"Aw, komm - wenn er dir je was antun würde, würde ich alles dran setzen, dich da rauszuboxen."
Ob nun mit oder ohne Boxhandschuhe - irgendwie würde ich das hinbekommen. Nicht, dass es je geschehen würde - Krasnikov und Pjotr gehörten immerhin zur Familie. Vielleicht würde ja auch Alexey eines Tages dazu gehören. An ... die anderen Möglichkeiten wollte ich nicht wirklich denken. Als Bodyguard der Tochter des Bosses konnte man nicht einfach so aufhören oder gar in den   Ruhestand gehen. Warum es dennoch so viele Anwerber für den Posten gab, würde ich wohl nie verstehen. Klar, Vater hatte theoretisch viel Geld anzubieten, doch ... Wieso? Wieso sollte sich jemand nach so viel Geld sehnen, wenn er sowieso nie die Zeit für geliebte Personen haben würde, mit denen er das Geld teilen könnte? 

 
"Dad? Wann haben wir nochmal das Treffen mit den Chinesen und Japanern?"
Es war unngewöhnlich, mal ein Mittagessen mit Vater zu verbringen. Aber um ehrlich zu sein, war es eigentlich ganz schön - könnte ruhig öfter geschehen ...
"In ... Drei Tagen, wenn mich nicht alles täuscht. Ich verwechsel immer das Datum - diese Chinesen und Japaner sind uns ja immer einen Tag voraus." Lachend nahm er einen großen Bissen von seinem Brot.
"Das ist aber auch das Einzige, was sie uns voraushaben."
"Ich weiß, ich weiß - sie beneiden euch alle unendlich, besonders dich, weil du so eine süße liebenswerte Tochter hast. Wird Yué eigentlich auch da sein?"
 "Hm? Yu... Ach, ich hab keine Ahnung, wie man ihren Namen ausspricht, daher ... Aber ich glaube schon, dass irgendjemand mit 'nem Yu kommt. Es wird schon okay sein, Liebling - wenn dir langweilig ist, kannst du dich einfach nach ein paar Stunden in dein Zimmer verziehen. Wir haben sie eh nur eingeladen, um Geschäfte zu machen."
Natürlich, so, wie immer. Freunde einladen war schließlich nicht drin ...
"Aber mal was anderes, Mella ... Ist dir in letzter Zeit etwas Merkwürdiges an deinem neuen Bodyguard aufgefallen? "Huh? Wie kommst du darauf?"
"Er kommt mir seltsam vor. Als ob er noch irgendwelche Hintergedanken bei der Sache hätte ..."
"Hm? Du glaubst doch nicht etwa- ach, komm schon, das ist doch albern. Er würde mich nie-"
"Das meine ich doch gar nicht, Schatz. Er kommt mir einfach so vor, als würde er ... Einen Vorteil daraus schlagen wollen, genau dich zu beschützen. Um deine Position als meine Tochter auszunutzen, weißt du?"  
Seufzend legte ich mein Besteck auf meinem Teller ab. War das sein Ernst?
"Du bist einfach ein bisschen paranoid, Papa. Du hast ihn doch selbst mit ausgewählt - und Krasnikov auch. Davon abgesehen, was sollte denn ein Literaturstudent damit anfangen können? Er ... Er ist einfach nur ein ganz normaler Junge, der ein bisschen Pech hatte."
Hoffentlich würde er von jetzt an mehr Glück haben. 
Aber wenn das Schicksal eben nicht so wollte, wie ich es mir dachte, dann musste ich da eben ein bisschen nachhelfen.
"Kraaaaasniii? Hast du zufällig Alexey gesehen?" 
"Hm?" Mit einem spöttischen Lächeln zuckte er mit den Schultern und legte den Kopf schief.
"Ich denke, der hat heute frei?"
"Ach komm, du weißt, was das bei Vater bedeutet - spätestens um 9 wieder zuhause sein."
"Und es ist ...?"
 "... halb Acht."
Lachend schloss er mich in den Arm, drückte mich fest an sich.
"Aw, Melly, bist du etwa ein bisschen einsam? Soll ich ein bisschen Zeit mit dir verbringen, damit du deinen Freund nicht vermisst?"
  M-moment, das- Warum? Ich- Mein Freund? Wieso musste denn Krushnikov jetzt auch noch damit anfangen? Das- Er-
Aber warum störte mich das so? Ich wusste doch ganz genau, dass ... Er das nur sagte, um mich zu ärgern. Er war definitiv nicht annähernd so paranoid wie Vater, dafür dreimal so dämlich.
"Ha-ha. Wirklich witzig. Aber immer wieder schön, von dir umarmt zu werden. Du bist ja schließlich auch so ein Kuschlikov. Dann geh ich eben nochmal ne Runde boxen, machst du ja eh nicht mit mir."
Und wenn mir Alexey noch ein paar Selbstverteidigungstricks beibringen wollte, dann sollte ich mich noch ein bisschen mehr vorbereiten. Boxen war ja schön und gut, aber wenn ich weder sonderlich stark noch bereit war, überhaupt zuzuschlagen ... Dann brachte es auch recht wenig. Und ich musste mich ja auch nicht komplett dämlich vor ihm anstellen.
Nach etwa einer halben Stunde mehr oder weniger erfolgreicher Schläge gegen den Sandsack und weiteren 30 Minuten auf dem Laufband huschte ich erneut durch die Flure unseres Quartiers. Inzwischen war es 8:39. Sollte ... Sollte Alexey nicht langsam zuhause sein? Also, nicht, dass das hier sein wirkliches Zuhause war, aber ... Vielleicht würde es sich ja irgendwann einmal so anfühlen.
Nach weiteren fünf Minuten der Unentschlossenheit entschied ich mich schließlich dazu, doch an seiner Tür zu klopfen. Entweder, er würde nicht antworten (... weil er noch nicht da war, natürlich) oder ich hätte endlich die Gelegenheit, ihn zu fragen, wie sein Tag war. 
"Alex...ey?", murmelte ich halblaut gegen seine Tür, nach einem kurzen Klopfen. Vielleicht hätte ich zuvor duschen sollen oder wenigstens meine Sportkluft samt knittrigem weißen Sportshirt und roten, weiß gestreiften Shorts gegen etwas Angemesseneres austauschen sollen. Aber nun war es eh zu spät, nicht wahr?
"Hast ... du schon was gegessen?"

Antworten Zuletzt bearbeitet am 05.11.2019 17:52.

malitsuki

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Re: 2er RPG Suche

von malitsuki am 18.10.2019 11:31

Ah, nais, so viele Mwldungen :) Jo, Probetexte wären sweet

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malitsuki

76, Männlich

  Hand-Model

Beiträge: 20

2er RPG Suche

von malitsuki am 16.10.2019 10:59

Suche jemanden für'n 2er RPG.
Idk wer von den Schreibern hier noch so da ist, also wär's cool, wenn ihr vllt 'ne Schreibprobe oder so was mitbringt. Hab verschiedene Storylines; Die, die ich atm am liebsten schreiben würde, baller ich mal hier rein. Wenn ihr denkt: Hm schon irwie cool aber noch nicht 100% meins, würd' gern mehr hören - ich hab noch andere Sachen also hmu uwu
Regelmäßigkeit: Minimum an 1-2Mal die Woche, Texte pls so 300Wörter aufwärts, ich les und schreib gern viel.

Aber jetzt zum Wichtigsten, die Storylines. Manches ist super lang gehalten, anderes minimal kurz - kann alles ausgebaut / umgeändert werden.

Dance With The Devil

 

Der Teufel ist gelangweilt, so, wie immer. Und so lässt er sich mal wieder auf die Erde herab, um sich über die Menschen zu amüsieren. Auf einem Ball findet er X - und aus irgendeinem Grund kann er einfach nicht seine Augen von ihr lassen. Er fordert sie zum Tanz, zum Gespräch auf, versucht, sie durch einen Pakt an sich zu binden - aber aus irgendeinem ihm unerfindlichen Grund, lässt sie sich einfach nicht auf seinen Charme ein ...



Ready to Fall

X hat mit dem Leben abgeschlossen - glaubt X zumindest. Eines abends beschließt X, sich auf das Dach der alten Manufaktur zu begeben und es einfach zu beenden. Ein einfacher Schritt, ein einfacher Sprung und es wäre alles vorbei. Doch bevor X es schafft, diesen einen Schritt zu gehen, hört X einen Schrei.
"Halt!"
X sieht nach unten, verwundert - doch da ist niemand. War das alles nur Einbildung? X nimmt erneut einen tiefen Atemzug und schließt die Augen. Nur dieser Schritt, dieser eine Schritt-
"Halt!"
Ein fester Griff zieht X nach hinten. Verwirrt öffnet X die Augen - nur, um kurzum mit einer fremden Person auf den Dachziegeln zu liegen.
Y, zufällig um 1 Uhr nachts im Wald spazierend, hat X entdeckt und konnte nichts anders - sein/ihr Körper hat sich von ganz allein bewegt.
Ein Gespräch über X, Y, Gott und die Welt beginnt, und über mehrere zufällige Treffen auf dem Dach entwickelt sich eine ganz besondere Beziehung, mit der keiner der beiden gerechnet hätte.


Suiciders

"Glaubst du ich hab es mir ausgesucht, ein Monster zu sein?"

Das Jahr 2315. Das Militär hat bereits große Fortschritte im Bereich der Wáffentechnik, bionischer Prothesen und Kríegsplanung gemacht. Man sollte meinen, dass sich die Welt nach all dem Elend, dass sie bereits durchmachen musste, einem Frieden annähern wollen würde.
Doch auf der Welt herrscht nach wie vor Kríeg und die U.S.A heben den totalen Kríeg auf ein ganz neues Level.
Seit etwa fünfzig Jahren wird in einer geheimen Forschungseinrichtung am Projekt "Suicider" gearbeitet.
Suicider sind einst im Labor geschaffene, menschenähnliche Wesen, welche sich mittlerweile auch fortpflanzen können. Sie werden als Wáffe für alle möglichen perfíden Zwecke eingesetzt.
Suicider sind gezwungen; sich immer und immer wieder in die Luft zu jagen. Sie können auf Wunsch (auch, wenn es eher aus Zwang ist), jegliche Körperteile abspréngen und regenerieren -aber sie zahlen einen hohen Preis dafür. Zwar sind sie in der Lage, viele Explosionen zu überleben, doch die Narben und emotionalen Wunden verfolgen sie für den Rest ihres Lebens. Je häufiger sie explodieren, desto schmerzhafter und gefährlicher wird es für sie. Suicider sind dazu verpflichtet, ein elektronisches Halsband zu tragen. Für gewöhnlich bekommt der Leiter ihrer Abteilung sowie seine Vertrauten eine Fernbedienung, mit welcher sie dem Suicider für "falsches Benehmen" Elektroschocks geben können.
Viele míssbrauchen dieses Machtspielzeug natürlich; Vergreifen sich an ihnen, grenzen sie aus, foItern sie, lassen sie Ieiden für all das Leid, das sie ihnen bereits angetan haben. Denn auch, wenn die meisten immer noch in Gefangenschaft leben, haben es bereits ein paar Suicider geschafft, auszubrechen. Sie sind gefüllt mit Háss und Leid, geplagt von all den Narben, traumatischen Ereignissen und schweißerfüllten Albträumen. Die meisten von ihnen wollen Rache. Manche haben sich aus Verzweiflung dem Feind angeschlossen, andere wollen auf eigene Faust ihre "Vendetta". Ein paar wenige, arme Seelen sind auch vom Feind entführt worden. Bisher weiß noch keiner von einem Suicider, der es geschafft hat, ein friedliches, glückliches Leben zu führen. Oder überhaupt ein halbwegs normales.
Hi, ich hätte sehr Bock auf ein 2er RPG in diesem Setting. Ich hätte gern etwas zwischen einem Suicider und einem SoIdat. Vielleicht herrscht anfangs eine angespannte Stimmung zwischen ihnen; Vielleicht hat der Soldat auch Mitleid mit dem Suicider oder Háss auf ihn/sie. Alles ist möglich.



But this is more than entertainment

All we are is entertainment
Tell us what to say and what to do
All we are are pretty faces.

Das Jahr 2262.
Urbanisierung, Globalisierung und all diese Teufel, die unsere Urururururururururgroßväter damals an die Wand gemalt haben, veränderten die Welt maßgeblich. Der Klimawandel konnte nicht zu hundert Prozent abgewandt, aber weithin verlangsamt werden. Extreme Veränderungen gab es hauptsächlich in unsagbar sengenden Wüsten und undankbar kalten Polargebieten, die nun noch weniger zu ertragen sind. Doch gibt es nach wie vor unzählige Probleme und Bedrohungen für unsere Welt: Überbevölkerung, Platzmangel, Armut, Krieg, Terrorismus ...
Doch das liegt außerhalb der Hauptstädte; Außerhalb der Metropolen. Diese Wissenschafts- und Technikzentren sind die Hochburgen des Fortschritts und der Zukunft. Jeder Wissenschaftler mit Rang und Namen verkehrt in einer Metropolis, die höchsten Tiere der Politik und Wirtschaft leiten jene Städte, die die Menschheit retten sollen. Die besten Universitäten und High Schools bilden die Elite von Morgen aus; Bereits im Kindergarten ist Leistung alles, was zählt. Kleinstädte und Dörfer sind fast komplett ausgestorben; Höchstens die Randbezirke der Metropolen, in denen Agrarflächen mit der neusten Technologie beackert werden, könnten als solche angesehen werden.
So produktiv und progressiv diese Städte auch klingen mögen – sie sind furchtbar langweilig. Keinerlei Art von Unterhaltung ist in den Metropolen gestattet. Keine Kinos, keine Bars, keine Theater, Konzerte, Festivals oder Erwachsenenvergnügen – all dies ist in Metropolen illegal, da sich die Bewohner der Stadt einzig und allein auf ihre Arbeit konzentrieren sollen. Selbst im Fernsehen werden nur Nachrichten und offizielle Stadtversammlungen angekündigt und ausgewertet.
Wer tatsächlich das genießen will, worum es doch im Leben eigentlich gehen soll, der muss hart arbeiten, um vielleicht die Erlaubnis zu erlangen, in eine der Unterhaltungsstädte zu reisen. Dort tummeln sich allerlei Künstler und Künstlerinnen, Musiker, Schauspieler, unkonventionelle Köche, Repräsentanten längst vergessener Kulturen, Artisten und sonstige Unterhalter. Die Büchereien bergen sogar fiktionale Literatur, anders, als die staubigen Sachbücher der Metropolen. Diese Künstlerstädte mögen wie ein Traum klingen; Doch sind sie dies nur für ihre Besucher.
Die Bewohner der Künstlerstädte werden wie der letzte Dreck behandelt. Vergesst second-class citizens; Es sind eher twenty-second-class citizens. Jegliche Art von Vergnügen und Unterhaltung wird als Zeitverschwendung angesehen. Es wird akzeptiert, sich ab und an bespaßen zu lassen, damit man sich danach wieder auf seine hochgradig wichtigen wissenschaftlichen Studien und Forschungen konzentrieren kann. Ein Job in der Entertainment-Industrie jedoch wird als der Abschaum des Abschaums betrachtet; Einzig und allein Huren und Bettler (von denen es in den Unterhaltungsstädten nur so wimmelt) werden noch niedriger eingestuft. Dementsprechend ist in den Städten der Unterhaltung nahezu alles erlaubt: Man hat Lust, sich einfach mal mit jemandem zu prügeln, der nicht zurückschlagen darf? Dann schlägt man einfach den lausigen Barpianisten zusammen. Solange es nicht einer der hochkarätigsten Künstler ist, die ihren Arbeitgebern tausende von Talern einbringen, wird sich niemand darum scheren. Sobald jedoch ein Bürger der Unterhaltungsstadt sich gegen einen Wissenschaftler erhebt, ist dies sein sofortiger Untergang. Je nach Schwere des Verbrechens wird er vielleicht nicht einmal exekutiert – aber er kann sich gewiss sein, dass nie wieder irgendjemand auch nur einen Cent zahlen wird, um seine Kunst zu sehen.
If I held my ground would you ask me to change
This drought bleeds on now we're dancing for rain
We drink the air but its still not the same
These worlds collide but the distance remains
Die meisten dieser „Unterhaltungsstädte" befinden sich in der Wüste oder in Polargebieten; Allgemein in unbarmherzigen Umgebungen, in denen die Künstler allein nicht lang überleben könnten. Natürlich kann man versuchen, aus der Stadt wegzurennen – aber wohin? Es gibt keinen anderen Ort. Wer nicht etwas produktives zum wissenschaftlichen Fortschritt beitragen kann; Wer nicht in die alten Eliten der Politik oder Wirtschaft hineinpasst, wird aus den Metropolen verbannt. Jeder, der nicht spätestens bis zur Vollendung seines 16. Lebensjahr zeigt, dass er „nützlich" ist, wird in die Unterhaltungsstädte deportiert. Natürlich muss nicht jeder ein hochintelligentes Genie sein, um in der Unterhaltungsstadt zu arbeiten: Schließlich braucht man auch Bauern, simplere Arbeiter und Handwerker sowie das Minimum an Service-Industrie, wie etwa Bibliothekare, Verkäufer, Lehrer oder auch systemgerechte Köche und Kellner. Doch, wenn man den Test zur „Systemtauglichkeit und -konformität" nicht besteht, wird man zu 99% Wahrscheinlichkeit die Metropole nie wiedersehen – es sei denn, ein paar Versuchskaninchen werden benötigt. Man kann sich auch nicht einfach so als Wissenschaftler ausgeben und fliehen - von den lächerlich strengen Sicherheitsmaßnahmen und Identifikationsprozessen mal abgesehen, bekommt auch jeder Künstler ein eindeutiges Tattoo von einer lachenden und weinenden Theatermaske.

Das wäre es so zum groben Setting. Ich hatte mir gedacht, man könnte daraus ein schönes RPG machen, das in der Unterhaltungsstadt spielt. Rollen wären dann hauptsächlich Künstler, aber auch Wissenschaftler, die die Stadt regelmäßig besuchen oder eine längere Aufenthaltsgenehmigung haben.

 

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malitsuki

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Re: dance with the devil || Amary & ich

von malitsuki am 08.09.2019 11:04

Elizabeth

 Dieser unverfrorene Mann musste doch wirklich von allen guten Geistern verlassen worden sein. Hatte er wirklich nichts Besseres zu tun?

Sicher, Männer waren äußerst arrogant - gerade die des Adelsgeschlechts, denn sie ruhten sich auf Reichtum aus, für den sie nie auch nur einen Finger krümmen mussten. Stattdessen blickten sie auf jene, die sich für ihr Überleben anstrengen mussten, herab.Es war einfach nur traurig.

Auf der anderen Seite ... Hatte ich eine bessere Wahl? Ich könnte Zeit mit Thomas verbringen, auch, wenn ich dann nur im Hintergrund dasitzen und stören wurde. Stumm, bewegungslos, einfach nur als Dekoration. Raus würde ich so definitiv nicht kommen. Die Möglichkeit, mit einem Pferd des Dukes Reißaus zu nehmen, war zwar äußerst gering, aber ... Der Gedanke daran war dennoch ein klein wenig hoffnungserregend.

Thomas hatte an dem Anblick vom Duke und mir keinen Gefallen gefunden. Selbst die Ausrede, dass er sich nur über meinen Gesundheitszustand informieren hatte wollen, hatte ihn nicht beruhigt. Wenigstens war ihm dieses Mal nicht die Hand ausgerutscht.   Dafür waren Vater und er zu sehr darauf fokussiert, noch immer in der Gunst des Dukes zu stehen.

Tatsächlich freute Vater sich auf meine "Verabredung" mit dem Duke. Ich wollte lieber nicht nachfragen, warum.


"Guten Nachmittag.", murmelte ich minderbegeistert und stemmte einen Arm in die Hüfte. Inzwischen trug ich eine weißes Gewand gepaart mit einem Paar  dunkelbrauner Hosen. Der Duke hatte tatsächlich allerlei Kleidungsstücke in meiner Kammer gelagert. Wollte er mich etwa damit überzeugen?

"Wohin wollt Ihr denn reiten? Ins Tal, in die Berge? Oder eher in die Stadt?"

Ich bezweifelte, dass er es sich wagen würde, in die Stadt zu reiten. Wobei, bei diesem Mann würde mich nichts mehr überraschen - jemand, der sich selbst den Teufel nannte und mit derartigen Feuerspielchen prahlte? 

"Übrigens ... Thomas und Vater fragen nach den Geschäften. Natürlich müssen wir uns darüber nicht unterhalten - solche Worte sind ja auch nicht bestimmt für mich Frauenzimmer. Doch ... Sie wünschten, dass Ihr mehr Zeit mit Ihnen verbringen würdet. Besonders mehr Zeit, als mit mir."

Antworten Zuletzt bearbeitet am 08.09.2019 16:40.

malitsuki

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Re: dance with the devil || Amary & ich

von malitsuki am 06.09.2019 17:01

Luce


Ich sah den Unmut in ihren Augen, als das Mädchen die Violine anlegte. Als sie jedoch ihren Bogen ansetzte und begann ihn kunstvoll über die Saiten zu ziehen, schlossen sich ihre Augen kurz. Sie schien es zu genießen, was mich freute. Jedenfalls irgendwo. Die klaren Geigentöne erfüllten die Luft um uns und ich genoss die sanfte Melodie. Es dauerte ein paar Minuten, bis Elizabeth wieder aufhörte zu spielen, doch als sie das tat, wurde ich von der Stille unwillkürlich aus meiner Trance zurückgerissen. Bedauernd sah ich zu, wie sie das Instrument absetzte. Sie spielte verzückend, was mich nicht wirklich verwunderte.
Was hatte ich schon groß erwartet?
Das Gerede der Menschen ignorierte ich größtenteils. Die Bedeutung ihrer Worte konnte ich wahrnehmen ohne zuzuhören. Es hatte doch Vorteile ein Gott zu sein. Als der Vater jedoch wieder begann vor sich hin zu schwafeln und ich von dem dröselnden, nasalen Gerede bald unglaublich genervt war, erhob ich plötzlich meine Hand. Der Mann verstummte, ebenso wie die Bewegung der Uhr an der Wand des Zimmers. Meine liebe Schwester sah wohl grade nicht zu, sonst hätte sie mich sofort davon abgehalten die Zeit ihrer Menschen zu manipulieren. Aber vermutlich hatte sie grade andere Probleme. Vorsichtig bewegte ich mich durch den Raum, an Vater und Ehemann von Elizabeth vorbei, zu ihr. Als ich fast direkt vor ihr stand, nahm ich erst wirklich war, wie fragil sie doch aussah. Aß sie nicht genug? Vermutlich nicht.
Bewundernd ließ ich meine Finger über ihr Gesicht streifen. Sie war erstarrt, so wie die beiden anderen Menschen im Raum, doch im Gegensatz zu den Männern sah sie nicht bizarr aus, in der Bewegung erstarrt, sondern wie eine Wachsfigur, eine Violinistin, auf einer Bühne. Das Bild einer Frau, mit einem besseren Leben. Ihre Haut war eben und hell, wie Porzellan, nur ihr Auge zerstörte die Perfektion ihres Gesichts. Sanft strich ich über die Verfärbung der Haut. Ich konnte spüren, dass es schmerzte, das Gefühl pulsierte durch meine Fingerspitzen wieder. Normalerweise genoss ich das Wissen, dass ein Mensch leidete, aber das hier gefiel mir gar nicht.
Ich legte meinen Zeigefinger und Ringfinger auf die Wunde und konzentrierte mich auf eine Fähigkeit, die ich seit Jahren nicht benutzt hatte. Es dauerte, Minuten, bis ich das Kribbeln in meinem Inneren fühlen konnte. Ich lockte es, flüsternd, bis es schließlich, endlich, bis in meine Finger vordrang. Vorsichtig, die Färbung nicht zu verändern, heilte ich den Schmerz, der von ihrem Auge ausging. Als ich zufrieden mit dem Ergebnis war, zog ich mich, mit einem letzten Blick auf Elizabeths Gesicht, wieder auf meine Stelle zurück und ließ die Zeit wieder ihren Lauf nehmen.
Sofort ging das Gerede des Vaters weiter, der es überhaupt nicht zu bemerken schien, dass mein Blick nicht auf ihm, sondern allein auf seiner Tochter lag.

Elizabeth

 

Wenigstens war mir ein Moment der Ruhe vergönnt gewesen. Doch jetzt war es wohl zu Ende, nicht? Die angenehme Stille, untermalt von der vertrauten Melodie meiner Violine. Vater und Thomas würden weiterhin versuchen, auf die gute Seite des Dukes zu gelangen, während ich mit einem stummen, erzwungenen Lächeln und geradem Rücken zusehen und nicken musste. Es war zwar besser, als ein aufgedrungenes Gespräch zu führen, doch ... Ihnen zuzuhören war nicht sehr viel besser. Vater hatte ein Talent dafür, solch langweilige, anstrengende Gespräche (oder eher Monologe) zu führen, dass es schien, als würde die Zeit nicht vergehen. Sie floss so zäh wie schwerer Honig, doch fühlte sich nicht annähernd so süß an.
Möglicherweise würde ein weiterer Tee mit einem Hauch von Honig mein Gemüt etwas besser stimmen. Wie es aussah, würde ich jedoch bis zum Abschied unseres Gastes, welcher sein Auge einfach nicht von mir abwenden wollte, warten müssen.
Wieso war sein Blick so ... heiß? Nein, das traf es nicht ganz, doch seine Augen trugen definitiv eine gewisse Wärme in sich. Doch warum war dann eine gewisse Kälte in ihnen gefangen?
Seufzend legte ich meine Violine in langsamen, ausgedehnten Bewegungen zurück in ihren Kasten. Vielleicht möchte ich es ja deswegen so gern, mit ihr zu spielen; Wir waren schließlich beide nicht allzu verschieden. Gefangen in einem kleinen, dunklen, unbequemen Gefängnis, bis sich jemand an unserer schönen Melodie für einen kurzen Moment erfreuen wollte. Danach jedoch ging es zurück in den Käfig, sonst könnten sich schließlich am Ende noch unsere wahre Laune zeigen. Während Vater weiterhin Thomas und den Duke mit der Geschichte dieses Hauses langweilte, riskierte ich einen kurzen Blick in die spiegelnde Fläche des Fensters. Die Farbe meines Auges hatte sich kein Stückchen verändert, doch ... Merkwürdigerweise fühlte es sich anders an. Es fühlte sich ehrlich gesagt nach gar nichts mehr an. Vielleicht hatten Violinen ja doch heilende Kräfte?
"Ah! Apropos, werter Duke, es trifft sich nur zu gut, dass Ihr hier seid. Sagt, Ihr wärt nicht zufällig daran interessiert, in eine der erfolgreichsten aufstrebenden Handelsfirmen Englands zu investieren? Rutherford Corporation würde sich glücklich schätzen, einen Mann ihres Calibers einen Partner nennen zu können."
Oh, das musste doch ein schlechter Scherz sein. Es musste so sein - Vaters Witze waren nie gut.
"Uhm,Vater,der Duke ist sicher ein sehr beschäftigter Mann, ich denke, er wird mit seinen eigenen Geschäften mehr als genug zu tun haben.", warf ich ein.
Er konnte doch unmöglich Zeit dafür haben, unnötigerweise in unserem Haus herumzugeistern. Außerdem liefen die Geschäfte auch so schon schwierig genug - was dachte sich Vater nur dabei?

Luce

Ich beobachtete Elizabeth, während ihr Vater vor sich hin schwafelte, ganz genau. Sie erschien schüchtern, aber ich bezweifelte, dass ihr wahres Wesen tatsächlich so stumm war, wie sie vorgab zu sein. Erst als Ihr Vater von seinem Gesprächsthema des Hauses abwich, um mich direkt zu adressieren, blickte ich von ihr weg zu ihm.
Ob ich daran interessiert war in seine Firma zu investieren? Was war das denn für ein lächerlicher Mensch? Ich kannte ihn ja kaum. Andererseits war mir die Währung der Menschen nun wirklich Nichts wert.
Ich überlegte noch, wie man als Duke wohl auf solch eine Frage reagieren würde, als Elizabeth plötzlich etwas sagte. Ich blickte überrascht zu ihr. Sie schien nicht zu wollen, dass ich in das Geschäft ihres Vaters involviert war.
"Nun, mein guter Freund, ich wäre einem solchen Geschäft unter keinen Umständen abgeneigt und so beschäftigt bin ich auch nicht meine Liebe," richtete ich mein Wort an Elizabeth, "Natürlich würde ich mich allerdings freuen, wenn mir eine Art von Sicherheit für mein Investment geboten werden würde. Vielleicht könnten wir uns regelmäßig hier treffen um gemeinsam die Buchhaltung zu besprechen, die in ihrer Firma geführt wird? Dann wäre ich auf jeden Fall an einem Geschäft interessiert." Ich sah mich schnell um, das Blick des Mannes zeigte pure Gier, "ich bin mir sicher, dass wir über dieses Geschäft beide noch einmal nachdenken sollten. Lasst uns doch darüber schlafen und diesen schönen Tag nicht mit Gesprächen von Geschäften verdrießen," schloss ich langsam. Der Vater sah nicht aus als wolle er lange darüber nachdenken mir mein Geld abknüpfen zu wollen, aber ich wollte ihm das nicht einfach versprechen. Er musste schon etwas dafür arbeiten.
Als der Mann schon wieder zu reden begann, sah ich mich neugierig um. Ob es wohl einen Weg gab mich mit Elizabeth zu unterhalten? Ich müsste die beiden Männer irgendwie ablenken.
"Nun Mrs. Hemingway, ich hoffe ich erscheine nicht distanzlos, wenn ich sie darum bitte, mich mit ihrem Vater und Ehemann allein zu lassen. Ich habe ein Geschäft zu besprechen, das für die Ohren einer wohlerzogenen Frau wohl kaum angemessen ist," rezitierte ich lächelnd, und leicht von oben herab, den Satz, den Männer in ganz England schon in meiner Präsens zu ihren Töchtern, Frauen und Schwestern gesagt hatten. Ich fragte mich immer, ob diese Männer je die Wut oder die Liebe einer Frau gekannt hatten. Solch eine Kreatur zu unterschätzen war ein törichter Fehler, denn ihr Gott, meine Schwester, favorisierte das weibliche Geschlecht allgemein. Aber der Hochmut eines Mannes war wohl oft der Grund für seinen Fall und ich genoss es wenn Menschen fielen.

Elizabeth

Das konnte doch unmöglich wahr sein. Wie ... wieso musste Vater ausgerechnet diesen unhöflichen, unverfrorenen vermeintlich charmanten Duke in seine Geschäfte miteinbeziehen? Davon abgesehen, glaubte Vater wirklich, dass ein Mann seines Kalibers in diese Firma investieren wollte? Zwar gab es viele Männer in unseren Kreisen, welche zwar reich an Geld doch nicht reich an Weisheit waren, aber dieser Mann hatte bereits bewiesen, dass er wusste, wie er sich zu geben hatte, um an das zu gelangen, was er wollte. Jedoch konnten Anteile an dieser Firma unmöglich von Interesse für ihn sein!
Thomas sah ähnlich wie Vater viel zu begeistert darüber aus, dass der Duke nicht sofort mit höflichem Respekt ablehnte. Nein, stattdessen ließ er sogar verlauten, dass er eventuell Interesse an seinen Geschäften hegte - dabei wusste er doch kaum, womit sich Vater überhaupt beschäftigte! Das hier konnte doch unmöglich wahr sein. Merkte Vater denn nicht, dass dies eine furchtbare Idee war?
Der Duke wusste es bestimmt, aber ließ sich trotzdem auf mögliche weitere geschäftliche Gesprächr mit Vater ein. Eine Nacht darüber schlafen? Sie würden garantiert nicht schlafen, bis sie seine Antwort erfahren hatten. Hoffentlich würde mir wenigstens etwas Ruhe vergönnt werden. Wenn ich mich in mein Gemach verzog, sollte ich wenigstens von diesen außerordentlich wichtigen Geschäftsgesprächen verschont werden, nicht?
"Hm?", murmelte ich leise, als sich der Duke erneut an mich wandte. Moment - er wollte mich wegschicken? Konnte er etwa meine Gedanken lesen oder störte ihn meine Anwesenheit auf einmal? Dabei war er doch vor Kurzem noch so begeistert von unserem Tanz gewesen.
"Natürlich. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Aufenthalt - ich werde mich in mein Gemach zurückziehen.", verabschiedete ich mich mit einem höflichen Knicks und einem erzwungenen Lächeln, bevor ich mich endlich von Ihnen abwenden konnte. Meine Schritte trugen mich jedoch nicht sofort in mein Zimmer, sondern in die Bibliothek. Vater mochte es zwar nicht, wenn ich in seinen Büchern las, da es sich für eine junge Dame nicht ziemte, doch ... Er war schließlich beschäftigt, nicht? Mit einem Gespräch, das für die Ohren einer wohlerzogenen Frau nicht geeignet war?
Was genau sollte das denn bedeuten?
Er hatte doch nicht etwa vor, mit zwei verheirateten Männern über derartige Geschäfte zu reden? Das ...Nein. So unverfroren konnte er doch unmöglich sein ... Oder?

Luce

Elizabeth verschwand so schnell aus dem Zimmer, dass ich das Gefühl nicht loswerden konnte, dass ihr meine Anwesenheit irgendwie lästig war. Aber gut, dass war ja doch irgendwo verständlich. Der Ehemann und der Vater sahen mich neugierig an. Hatte ich ihre Namen mal gewusst? Vermutlich. Sie waren mir egal. Sie fragte sich wohl worüber ich reden wollte, welches Thema es wohl zu besprechen gab, vor dem man die Ohren einer Frau schützen musste. Ich wusste es selbst nicht ganz. Die gesellschaftlichen Regeln der Welt in der ich mich befand waren mir nur bedingt geläufig. Ob ich wohl eine Konversation über Geschäfte beginnen sollte. Sicherlich trauten diese Männer ihren Frauen nicht zu so einem Gespräch zu folgen.
"Meine Freunde," begann ich, fast säuselnd, "Ich wollte sie bitten mir einen Moment ihr Gehör zu schenken..." Die Beiden sahen mich erwartend an, genervt darüber, dass ich keine Ahnung hatte, wie ich die beiden loswerden sollte, und unsicher darüber, wie viel ich mir erlauben konnte, ließ ich einen der Kerzenständer, dem die beiden ihre Rücken zugewandt hatten, umfallen und auf dem schweren Stoff der Vorhänge landen.
"Um ehrlich zu sein brauche ich ihre Hilfe," zog ich die Aufmerksamkeit der beiden auf mich, während ich das Feuer hinter ihnen blitzschnell in die Höhe wachsen ließ. Die Flamme verschlang grade den Vorhang als endlich der ältere der Beiden, offensichtlich der Klügere, etwas bemerkte, ob Hitze oder Geruch, und sich umdrehte. Ein Schrei entwich ihm und er begann sich nach etwas umzusehen. Vermutlich einem Weg das Feuer zu löschen. Auch der Ehemann von Elizabeth hatte sich nun umgedreht und ein spitzendes Schnappgeräusch von sich gegeben.
Während die beiden noch entsetzt herumstanden, glitt ich an ihnen vorbei und in den Gang, in dem Elizabeth verschwunden war. Ich konnte ihren Herzschlag durch die Wände hören und betrat schnell das Zimmer, in dem sie sich offensichtlich befand.
Als ich die Tür hinter mir schloss, fiel mein Blick nicht auf ein Bett, so wie ich es erwartet hatte, sondern auf Reihen von Bücherregalen, hinter denen Elizabeth stand und in einem der Bücher las.
Ich räusperte mich und trat an sie heran.
"Meine Dame," Flüstere ich und sah sie an, "Ich wollte mich nach ihrem Wohlbefinden erkunden. Sie erscheinen mir etwas abgeneigt, diesem ganzen Treffen gegenüber."
Vorsichtig strich ich eine ihrer Haarsträhnen hinter ihr Ohr und sah sie an. Sie war wunderschön. Ob sie das wohl wusste? Ob ihr Mann ihr dies sagte?

Elizabeth

Wie kam dieser Mann nur immer auf solch wundervolle Ideen? Dieser Thomas Nashe war ein wahrhaftes Genie ...Warum konnten die Thomases die ich kannte nicht über solch Verstand und Intellekt verfügen? Ihn interessierten ja kaum irgendwelche der Bücher - nicht einmal die, über die fantastischen Geschichten über die Kolonien! Wie konnte es ihn nicht interessieren? Eine neue Welt wartete auf uns! ... Oder zumindest auf all die Männer, die sie erkunden durften.
Mein Mann wäre dazu vermutlich kaum in der Lage - er kannte sich schließlich nicht einmal auf der englischen Karte aus. Wie sollte er dann hinter den Horizont blicken können, oder was auch immer es war, das dieser Kopernikus entdeckt hatte. Nein, nicht ... Nicht Kopernikus. Wer war es noch gleich? Kolumbus oder so? Vielleicht könnte Charles mir ja damit helfen. Ob ich Thomas zu einem kleinen Spaziergang an der Themse überreden könnte? Vielleicht-
"Meine Dame ..."
Was zum-
Was machte dieser unverfrorene Gentleman hier? Wie- Wie hatte er diese Räumlichkeiten überhaupt gefunden? Vater und Thomas waren doch gar nicht hier. Warum war er nicht bei ihnen? Sollten sie nicht ein Gespräch unter "Gentlemen" führen? Es-
Wie konnte er es nur wagen? Wie konnte er es wagen, mich zu berühren und mit seiner "Silberzunge"einlullen zu wollen? Dieser-
"Fasst mich nicht an." brachte ich mit unterdrückter Wut hervor. "Bitte.", fügte ich noch mit einer süßlichen Stimme hinzu, "Meine Haut verträgt sich momentan fürchterlich ... Deswegen würde ich es vorziehen, wenn Sie mich nicht berühren - nicht, dass Sie sich diese Unannehmlichkeiten auch noch einfangen. Das verstehen Sie doch hoffentlich."
Mit einem langen Schritt trat ich etwas zurück, um ein wenig Distanz zwischen uns zu bringen. Hatte er das Buch wahrgenommen? Rasch stellte ich es zurück an seinen Platz.
"Ich wollte nur ein bisschen diese Bücher entstauben ... Sie sehen sehr hübsch aus, es wäre doch schade, wenn sie so einstauben.", log ich vor mich hin. Wobei, gelogen war es ja nicht direkt. Manche der Bücher sahen sehr kunstvoll aus. Nur war der Inhalt dieser Werke weitaus kostbarer als ihre bloße Erscheinung.
"Aber vielen Dank für ihre Besorgnis, es geht mir ausgezeichnet. Habt ihr etwa bereits eure Geschäfte mit Vater und Thomas erledigt?"
Warum zum Teufel unterhielt ich mich überhaupt noch mit diesem Mann?

Luce

Warum sie wohl log? Ich hatte sie doch lesen sehen. Ob sie das nicht durfte? Welcher Mann verbot denn seiner Frau zu lesen?
"Ja unsere Geschäfte sind ganz und gar erledigt," grinste ich und blickte zu ihr. Sie hatte sich von mir distanziert. Ekelte ich sie so an? Vielleicht sollte ich mein Aussehen verändern? Ich vernahm den Geruch von Flammen aus dem anderen Zimmer. Die beiden Männer hatten es wohl nicht Geschäft das Feuer zu löschen. Wie lächerlich.
"Elizabeth, ich sehe, dass ihr Angst habt, auch wenn ich nicht weiß wovor. Ich möchte euch nicht zu Nahe treten und ich will euch auch nicht beleidigen, aber ich glaube ihr habt etwas besseres verdient als euren Mann, als euer ganzes Leben. Ich sehe, dass ihr nichts von mir haltet, was wohl auch eine gesunde Einstellung ist, aber mein Angebot steht immer noch. Ihr müsst nur einen Wunsch aussprechen, irgendeinen und ich kann ihn euch erfüllen," ich blickte der Frau tief in die Augen und hoffte, dass sie wusste, dass ich es ernst meinte. Ich wollte nicht, dass sie ihr Leben in Unterdrückung leben musste.
Als ich die Stimmen der Männer vernahm, die das Dienstpersonal auf die Straße scheuchten, weil das Feuer zu groß wurde, ließ ich die Flammen auch in der Bibliothek sprießen. Durch meinen Willen wuchsen sie schnell. Bald war der Raum mit Rauch gefüllt und dann, auf einen meiner Blick hin, kollabierte Elizabeth auf den Boden. Es war ja vermutlich auch vollkommen unmöglich in diesem Kleid zu atmen und erst recht dann nicht, wenn der halbe Raum in Flammen stand und schwarzer Rauch alles Licht verdeckte.
Ich nahm sie vorsichtig hoch, in meine Arme, und trug sie aus der Bibliothek. Die Flammen wuchsen hinter mir, die Bücher und Regale ein gefundenes Futter.
Ich trat grade auf die Straße, als aus einem Seiteneingang auch der Mann und Vater von Elizabeth stürmten. Der jüngere sah mich und eilte sofort hinüber.
"Eliza...Elizabeth," stammelte er. Ich sah ihn unwillig an, übergab ihm seine Frau dann jedoch schließlich. Sie war so leicht, dass selbst er sie ohne Probleme tragen konnte. Ich stellte sicher, dass es ihr gut ging und weder Rauch noch Flammen Schäden hinterlassen hatten, dann sah ich wieder auf das Haus, das grade in Flammen aufging. Vorsichtig versteckte ich mein Grinsen und wandte mich dem Vater zu.
"Wie schrecklich. Ich hoffe allen Angestellten und ihnen geht es so weit gut? Ich möchte mein Anwesen herzlichst als Unterkunft für sie und ihre Familie, sowie ihr Dienstpersonal anbieten... Wenn sie Interesse haben würde ich sie nur zu gerne dort begrüßen."

Elizabeth

Warum ... warum fühlten sich meine Augen nur so furchtbar schwer an? Ich hatte doch nur in der Bibliothek gelesen. Sicher machte dies irgendwann müde, aber wohl kaum so schnell, oder? Ich konnte doch unmöglich in der Bibliothek eingeschlafen sein. Hatte mich etwa das Korsett abgezwängt? Womöglich, doch das hätte ich schon vorher gemerkt ...
Moment. Ich trug mein Korsett doch überhaupt nicht mehr. Es- Wieso? Wieso konnte ich frei und unbeschwert atmen - Wieso zogen mich meine schweren Gewänder nicht zu Boden?
Erschrocken fuhr ich auf und öffnete meine Augen. Der Raum, in dem ich mich befand, war mir fremd. Er war in einem samtenen Rot gekleidet sowie mit einer hölzernen Kommode, Stühlen, einem Tisch und einem weiten seidigen Himmelbett bestückt. "Ah, Ihr seid auf.", bemerkte eine blonde Frau mit einem freundlichen Lächeln. Wo kam sie denn auf einmal her?
"Ich werde dem Herren sofort Bescheid sagen gehen. Bewegt Euch nicht vom FIeck, okay?"
"I-ich ... Okay.", stammelte ich, noch immer ein klein wenig überrumpelt. Das hier war definitiv keines unserer Gemache ... Oder? Aber wenn ich nicht zuhause, wer war dann bitte diese Frau? Und von welchem Herren sprach sie?
Erschöpft atmete ich aus und blickte an mir herab. Mein Leib war in ein leichtes, weißes seidenes Kleid gehüllt, welches mir bis zu den Knien reichte. Meine Kleidung lag sauber zusammengelegt auf der Kommode. Auf dem Tisch stand eine wunderschöne blau verzierte Porzellanvase, welche rote Rosen behauste. Auf dem Tisch lag ein Buch, dessen Titel ich nicht erkennen konnte. Dank des großen Fensters schien die warme Nachmittagssonne in das Zimmer, damit ich wenigstens nicht in der Dunkelheit tappen musste. Die Kerzen waren nicht angezündet.
"Der Herr ist gleich bei Ihnen.", meldete sich die Frau schon bald noch einmal bei mir und reichte mir eine Tasse Tee.
"Ich hoffe, Ihr mögt Darjeeling."
"S-sicher. Vielen Dank."
Sie stellte schließlich ein Tablett mit Tee und Gebäck auf den Tisch und wandte sich der Tür zu.
"Keine Sorge, Eurem Mann und Eurem Vater geht es gut."
Es- Moment. Mein Mann und mein Vater? Das- ... Moment-
Natürlich. Natürlich musste er es sein, der durch diese Tür eintrat. Natürlich musste es dieser TeufeI sein!
"Wa-was treibt Ihr hier? Wo- ... W-wo bin ich? U-und warum trage ich dieses Kleid?"

Luce

Ich saß auf meinem Balkon und blickte zu den Sternen hinauf. Die Männer hatten mein Angebot angenommen, womit ich ja auch gerechnet hatte, aber die Beiden nervten mich trotzdem jetzt schon. Ob ich sie wohl mit irgendetwas aus meinem Haus locken könnte? Aber dann würden sie Elizabeth bestimmt mitnehmen. Es würde mir nicht helfen, wenn die beiden merkten, dass ich sie nur wegen der Frau in ihrem Leben tolerierte. Vielleicht konnte ich ja wenigstens ihren Mann von einer Kutsche überrollen werden lassen?Das wäre doch lustig.
So überlegte ich hin und her von einem Szenario zum nächsten, wie ich Elizabeth am besten für mich allein haben konnte, bis sich die Sonne über den Rand meines Sichtfeldes schob und ich mich erhob.
Grade als ich die Türen des Balkons hinter mir schloss kam eine blonde Dienerin zu mir um mich zu informieren, dass Elizabeth wach war. Ich hatte ihr aufgetragen nur mir zu berichten, sobald das Mädchen sich regte. Ihren Mann hatte ich extra weit von ihr weg einquartiert. Ich hatte nicht das Gefühl gehabt die beiden würden sich vermissen.
Ich schickte die Dienerin zurück um sich um Elizabeth zu kümmern, um mich noch etwas "präsentabler" zu machen.
Ich hatte keine Ahnung was Elizabeth in einem Mann attraktiv fand. Vielleicht sollte ich mich mehr nach dem Bild ihres Mannes richten? Aber ich hatte noch kein Anzeichen von ihr gesehen, dass sie den besonders mochte. Unzufrieden seufzte ich und schob mich am Spiegel vorbei und in Richtung des Zimmers in dem sich Elizabeth befand.
Kaum das ich das Zimmer betrat, wurde ich auch schon mit Fragen überschüttet. Wie süß...
"Nun meine Liebe, es gab ein schreckliches Unglück," erklärte ich, "euer Haus ist abgebrannt und die Bibliothek in der ihr euch befunden habt, hat so viel Rauch produziert, dass ihr ganz und gar ohnmächtig wurdet. So trug ich euch also nach draußen und bot eurem Vater und eurem Mann mein Haus als Unterkunft an. Und nun sind wir hier." ich lächelte.
Ich ließ ihre letzte Frage bewusst unbeantwortet. Sollte sie in der Hinsicht doch denken, was sie wollte. Ich hatte sie nicht ausgezogen, dass waren Angestellte von mir gewesen, aber das musste ich ihr ja nicht lang und breit erklären. Sollte sie doch ein bisschen wütend sein. Dann war sie am attraktivsten.
"Mrs Hemingway ich würde mich unglaublich freuen, wenn ihr mich in meinen Garten zum Tee begleiten würdet. In diesem Schrank sind ein paar Kleider, solche mit und ohne Korsett. Sucht euch doch eins aus und findet mich auf der Terrasse wenn ihr fertig seid," schlug ich vor, lächelte und ging dann aus dem Zimmer. Ich hoffte sie würde nicht nein sagen und tatsächlich auftauchen, aber das konnte selbst ich nicht einschätzen.

Elizabeth

Wie konnte dieser Mann mich nur mit solch einem unverfrorenen Lächeln begrüßen? Und dann auch noch so tun, als ob nichts weiter wäre? Als wäre es das Normalste der Welt? Dieser Scharlatan! Wirklich, es ... Das konnte doch nicht wahr sein!
Mit einem äußerst ungehaltenen Blick bedachte ich ihn während seinen Ausführungen. Es- ... Aber das konnte doch unmöglich stimmen. Hatte es tatsächlich gebrannt? War meine geliebte Bibliothek tatsächlich von erbarmungslosen Flammen verschlungen worden?
Jedoch wäre ich wohl kaum hier, wenn dem nicht so wäre. Der Duke würde doch wohl unmöglich die Unverschämtheit besitzen, mich aus meinem eigenen Hause zu entführen. Nein, das traute ich selbst jemandem wie ihm nicht zu. Dennoch, wie konnte er nur so gelassen darüber sprechen, als wäre es so alltäglich wie ein Nachmittagstee? Und dann erlaubte er sich noch, mich zu fragen, ob ich ihm bei diesem Gesellschaft Ieisten würde?
Seufzend biss ich mir auf die Lippe. Wenigstens war er genauso schnell verschwunden, wie er auch gekommen war. Dennoch war ich alles andere als begeistert von der Tatsache, dass ich wohl für eine Weile in einem Haus mit diesem Mann leben musste. Thomas und Vater dachten sicher, dass es doch eine äußerst freundliche und großzügige Geste war, aber ... Warum fühlte es sich dann so kalkuliert an? So ... geplant?
Jedoch würde ich keine Antworten auf irgendetwas bekommen, wenn ich weiterhin hier herumsaß. Zwar war ich kein Freund von dem Duke, doch ein bisschen Tee und ein Happen zu Essen wären vielleicht ganz gut für mich. Zumal ich dann auch die Gelegenheit haben würde, den Duke über das Feuer und die verbleibenden Geschäfte mit meinem Vater auszufragen. Ich bezweifelte zwar, dass er mir die ganze Wahrheit geben würde, doch irgendwo musste ich ja anfangen. Meine werte Familie würde mir schließlich gar nichts sagen.
Langsam stand ich auf und wandte mich dem Schrank zu. Natürlich musste er mit wunderschönen Kleidern gefüllt sein, die alle vermutlich ein halbes Vermögen gekostet hatten. Natürlich musste es das.
Meine Augen durchsuchten all die Gewänder nach einem möglichst schlichten Stück Stoff, bis mir schließlich ein samtenes smaragdgrünes Kleid auffiel. Es reichte knapp unterhalb meiner Knie und bedeckte glücklicherweise meinen Oberkörper sowie meine Arme mit einer angemessenen Menge an Stoff. Erstaunlicherweise spürte ich das Gewicht des Kleides kaum - fast, als wäre es aus Papier.
Nachdem ich ein Paar schwarzer Schuhe übergestreift hatte, begab ich mich schließlich auf die Suche nach dem Duke. Trotz des riesigen Anwesens führten meine Füße mich beinahe mühelos in Richtung des Garten.
"Wie ist das Feuer entstanden?", hakte ich argwöhnisch nach, bevor er überhaupt die Gelegenheit bekam, mich zu begrüßen. Ich setzte mich zu Tisch, ließ jedoch keineswegs zu, dass er meinen Stuhl für mich zurückzog oder gar meine Hand küsste. Für solchen unverfrorenen Unfug hatte ich keine Zeit - schließlich musste ich herausfinden, ob überhaupt irgendetwas von meinen Besitztümern möglicherweise noch zu retten war.

Luce

Es war nicht allzu viel Zeit verstrichen, da öffnete sich die Tür zum garten und Elizabeth trat heraus. Bevor ich überhaupt ein Wort darüber sagen konnte, wie wunderschön das Grün des Kleides ihre Haare komplimentierte, oder darüber, dass mir die Länge des Rockes gefiel, verlangte sie schon nach Antworten. Na gut, wenn sie das Spiel so spielen wollte, würde ich mich nicht querstellen.
"Das Feuer, ja, das ist ein großes Mysterium, nicht wahr?" Ich lächelte leicht und sah mich um, die Dienerin, die grade noch tee und Scones auf den weißen Gartentisch gestellt hatte, war im Haus verschwunden. Wir waren allein. Mit einer schnellen Bewegung hielt ich meine Hand, mit der Handfläche gen Himmel gestreckt, über den Tisch und ließ Flammen aus meinen *** sprießen, wie rote Blumen, die im Wind flackerten. Ich ließ das Feuer ein paar Sekunden an meinen FIngerspitzen tanzen, bevor ich meine Hand schloss und den kleinen Trick damit beendete.
"Der Punkt ist, Elizabeth, deine Verwandten, die beiden Männer, sie vertrauen mir mehr als dir, nicht wahr? Obwohl ich sie nur ein paar Stunden kenne. Das kann sich nicht besonders gut anfühlen. Verdienst du nicht auch etwas Respekt?" Ich "vergaß" die formale Anrede mit Absicht. Ich wusste, dass sie mich nicht mochte, dass konnte ich wohl so schnell nicht ändern, aber ich wollte, dass sie wusste, dass ich mich nicht an diese lächerlichen gesellschaftlichen Normen hielt und, dass ich sie, wenigstens zum Teil, durchschaut hatte.
"Ich will dir nicht wehtun. Und ich weiß, dass du die Bücher in der Bibliothek schätzt. Ich möchte dir meine Bibliothek anbieten und wenn du ein Buch begehrst, dass nicht da ist, dann musst du nur mich, oder einen der Diener informieren und sie werden es dir sofort besorgen. Und wenn du einen Wunsch aussprechen möchtest, einen der nicht mit meinem Verschwinden zu tun hat, dann stehe ich dir immer noch zur Verfügung. Du musst nur einen Handel mit mir eingehen."
Ich blickte zu Elizabeth. Ob sie verstand wer ich war? Oder glaubte sie nicht an den ***? Unsicher lehnte ich mich in meinem Stuhl zurück. Ich wollte nicht, dass sie ihrem Mann von unserer Unterhaltung erzählte. Nicht, dass er ihr glauben würde, aber es würde mich trotzdem stören. Ich wollte sie ja nicht in seine Arme treiben.

Elizabeth

Er sollte es ja nicht wagen, diesen Tee unnötig in die Länge zu ziehen. Ich verstand seine Fixierung auf mich ohnehin nicht - war er etwa nach wie vor beleidigt wegen des Balles? Sollte jemand wie er nicht darüber stehen? Außerdem trug er doch selbst schuld daran, wenn er solchen Kauderwelsch von sich gab. Wirklich, hatte er denn gedacht, dass ich auf so ein plumpes Angebot eingehen würde? Zumal ... Was für ein Angebot sollte das überhaupt sein?
Wenigstens ließ er sich keine Zeit mit den Antworten - doch der nötige Ernst schien ihm wohl auch zu fehlen. Wollte er mich etwa zum Narren halten? Das- ... Das konnte doch unmöglich echtes Feuer sein, das über seine Fingerkuppen tanzte. Er musste doch bestimmt irgendsoeinen Trick vom Zirkusvolk gelernt haben, um diese Illusion vorzuführen. Aber wie sollte er das bitte indieser kurzenZeit geschafft haben? Oder führte er so häufig Gespräche über das Feuer?
Dennoch, seine Unhöflichkeit überraschte mich, obwohl mich an diesem Mann eigentlich nichts mehr überraschen sollte.
Nervös biss ich mir auf die Lippe und zog leicht am Saum meines Kleides. Wieso musste er denn ausgerechnet die Bibliothek ansprechen? Meine liebsten Bücher waren darin verbrannt - selbst meine kleinen Pergamente, auf denen ich als Kind das schreiben geübt hatte, waren verloren gegangen. Glaubte er wirklich, dass selbst die größte Halle voll mit Büchern das ersetzen könnte? Zwar wusste ich nicht wirklich, ob er etwas mit dem Feuer zu tun hatte, aber ... Diese verfIuchten Augen sagten doch alles!
"Ein Handel?", fragte ich schlussendlich so unschuldig, als hätte er noch nie etwas dergleichen vorgeschlagen. "Oh, nun, ach ich weiß nicht ... Ehrlich gesagt wusste ich nicht, was ich Ihnen geben könnte, damit ein fairer Handel entsteht. Wie Ihr wisst, verfügen mein Mann und mein Vater über all das Geld und unsere Besitztümer, also gibt es wirklich nichts, mit dem ich euch zurückzahlen könnte."
Aber würde er wirklich unverfroren genug sein, um mir zu offenbaren, was wirklich hinter seinen Forderungen steckte?
"Ich meine, was könnte ein Duke von Eurem Kaliber bitte mit einer einfachen holden Dame wie mir wollen? Ich glaube einfach nicht, dass dabei ein fairer Handel für euch entstehen würde."

Luce

Grinsend hörte ich der Frau beim sprechen zu. Sie war geschickt, ihre Worte vorsichtig gewählt. Aber dieses Spiel konnten Zwei spielen.
"Das einzige, was ich von einer Dame wie dir erwarten würde," hauchte ich, während ich mich vom Tisch erhob, "wäre ein bisschen Zeit, in diesem Leben...oder im Nächsten."
Ich fuhr ihr mit der Hand über die Schulter, während ich den Tisch umrundete. "Ein bisschen Aufmerksamkeit, einen Deal." Ich lachte leise.
"Ich weiß, dass du klug genug bist um zu erkennen, dass das ein gutes Angebot ist. Deswegen biete ich es dir an und nicht deinem Vater oder deinem Mann. Du bist klüger als Beide. Nicht? Das weißt du doch auch."
Ich strich mit der linken Hand über den weißen Rosenbusch, der neben der Terrasse sprießte. Die Blüten verwelkten sofort. Ich zog ein paar der vertrockneten Blütenblätter ab und hieß den Wind sie davonzutragen.
Dann drehte ich mich wieder Elizabeth zu.
"Naja, denk darüber nach. Die Regeln der Menschheit limitieren mich nicht. Und das müssen sie bei dir auch nicht tun, wenn du meine Hilfe annimmst."
Ob ihre Seele so gut schmecken würde, wie ich sie mir vorstellte? Vermutlich. Und ich brauchte nur ein bisschen, nur einen kleinen Teil und dann würde sie mir für immer gehören. Ich würde sie nicht quälen, nach ihrem Tod. Ich wollte nur, dass sie mein Reich sah, dass sie dort mit mir blieb. Menschen vergingen so schnell und Elizabeth war zu spannend, als das ich sie gerne an das Reich meiner Schwester verloren hätte.

Elizabeth

Sollten wir dieses Gespräch wirklich führen? Natürlich hatte er seinen Gefallen daran, das konnte ich ja sehen, aber ... Es würde definitiv ein paar Probleme mit sich bringen, falls jemand davon erfuhr. Besonders, wenn Thomas oder Vater den "Du bist klüger als sie. Das weißt du doch, nicht wahr?"-Teil mitbekamen. Sicher war ich mir bewusst, dass ich mit Klugheit gesegnet war, aber anders würde ich mit meinem sturen Kopf auch nicht durchs Leben kommen. Zu dem konnte ich ohnehin nichts, das aus aus seinem Mund kam, tatsächlich ernst nehmen. Seine Silberzunge versuchte doch seit dem Augenblick, an dem wir uns das erste Mal gesehen hatten, mich von irgendetwas zu überzeugen.
Mit einer skeptisch gehobenen Augenbraue beobachtete ich den Rosenbusch, den er verderben ließ. Es war schade, denn der Anblick dieser Pflanzen gefiel mir definitiv besser, als ihm ins Gesicht zu sehen.
Lachend schüttelte ich den Kopf und erhob mich ebenfalls aus meinem Stuhl.
"Die Grenzen der Menschheit limitieren Euch nicht? Oh, sagt das ja nicht zu laut, sonst landet Ihr noch auf dem Scheiterhaufen. Wobei das bestimmt ein interessantes Schauspiel werden würde, meint ihr nicht?"
Inzwischen war es ja sowieso egal, wie unverfroren ich mich ihm gegenüber verhielt. Wenn er wöllte, könnte er dieses Gespräch so zu seinem Geschmack verbiegen, wie es ihm passte.
"Ihr solltet nicht so ungestüm mit euren Rosen umgehen." Vorsichtig pflückte ich eine der frischen, blühenden Blüten und steckte sie in mein Haar.
"So sind sie doch viel schöner, oder? Man muss nur wissen,wie man sie sich zu Nutzen macht."
Aber das wusste er wohl besser als ich. Er konnte unmöglich nur "ein bisschen Aufmerksamkeit" für seine Dienste, was auch immer das bedeuten sollte.
"Sagt, wie kann es eigentlich sein, dass Ihr noch nicht verheiratet seid, hm? Ihr könnt mir doch nicht erzählen, dass Euch bisher keine einzige Dame ihre Hand angeboten hat. Warum so wählerisch, wenn Ihr doch so einsam seid, dass Ihr selbst von einer fremden, bereits verheirateten Frau Aufmerksamkeit verlangt?"

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malitsuki

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Re: dance with the devil || Amary & ich

von malitsuki am 06.09.2019 16:56

Luce


Irgendwann langweilt man sich selbst in der Hölle. Nach ein paar tausend Jahren sind auch die Schreie gequälter Seelen einfach nur noch monoton. Wann immer sich also meine unendliche Zeit mal wieder zu lange hinzieht besuche ich meine besten Freunde: Die Menschen.

 

Sobald ich einen Fuß in die Straßen Londons setzte drang mir der Geruch von menschlichen Seelen in die Nase. Mein Magen zog sich fast schmerzhaft zusammen. Ich hatte seit Jahrhunderten keine Seele mehr gegessen. Meine Schwester hatte mir verboten ihre Menschen auch nur anzurühren. Und die, die sich auf meinen Vertrag einließen, verdarben ihre Seele damit. Eine unreine Seele schmeckte nicht. Genervt lief ich über das Kopfsteinpflaster. Ich hatte eine grüne Kniehose an, darüber eine Weste und einen Rock in der selben Farbe. Irgendwo hier musste doch etwas passieren...

Ich war noch nicht allzu lange durch die Straßen der Stadt gestrichen, als ich endlich eine Ansammlung von mehreren Menschen wahrnahm. Auch Speisen und Alkohol konnte ich riechen. Der perfekte Nährboden für ein Samenkorn An Sünde. Mit meinem charmantesten Lächeln und einem Schwenker meines Handgelenks näherte ich mich dem Wächter der Pforte. Ich hatte mir vor ein oder zwei menschlichen Jahren eine Persönlichkeit in den adligen Kreisen Londons errichtet, dort war ich auch bekannt als
Duke Lucian Weston of Suffolk, ein Titel, den ich dem eigentlichen Würdenträger abgekauft hatte. Als ich diesen Titel dem Wächter nannte, zuckte er kaum merklich zusammen und öffnete mir dann sofort die Tür. Es hatte auf jeden Fall seine Vorteile ein Duke zu sein.

Der Ball, der bereits in vollem Gange war, fand in einem hohen Saal statt. Die hunderten von brennenden Kerzen lockten mich frech ein Inferno zu starten, aber ich unterdrückte das Verlangen danach, diesen Raum in einen Ofen zu verwandeln, denn meine Augen wurden plötzlich auf Jemanden am anderen Ende des Raums gezogen. Dort, fast schon verdeckt von den Schatten eines massiven Vorhangs, standen zwei junge Menschen. Der eine war definitiv eine Frau, der andere vermutlich ein Mann. Neugierig bewegte ich mich in die Richtung des, offensichtlich in einer Meinungsverschiedenheit verstrickten, Paares. Die Frau hatte wunderschöne rote Haare. Schon wieder fühlte ich das Verlangen alles in Flammen aufgehen zu lassen, aber auf eine andere Art und Weise als sonst. Die Frau war auf einen seltsamen Weg anziehend, ihre Wangen leicht gerötet. Der Mann der neben ihr stand, besaß keinen solchen natürlichen Charme. Er redete leise, doch bestimmt auf das Mädchen ein. In seiner Stimme lag etwas bestimmtes und vor allem etwas herablassendes. Er klang als redete er mit einem Kind. Kurzentschlossen tippte ich dem Mann auf die Schulter und hielt ihm meine Hand entgegen. Ich stellte mich mit meinem ausgedachten Namen vor und tat als würde mich seine Antwort darauf interessieren. Ich konnte die Irritation in seinem Gesicht sehen.
"Dürfte ich ihre bezaubernde Begleitung wohl um einen Tanz bitten?" säuselte ich breit lächelnd. Ich wartete weder auf die Antwort des Mannes, noch auf die Antwort der Frau, sondern zog sie einfach mit mir zu den anderen Paaren, die sich grade für ein Menuett aufstellten.
"Wie lautet ihr Name?" fragte ich die Frau an meiner Hand, kurz bevor ich sie losließ um die Startposition des barocken Tanzes einzunehmen.

Elizabeth

Mein Vater war ein absoluter Narr. Nein, Narren taten manchmal auch gute Dinge, trafen gelegentlich die richtigen Entscheidungen und erheiterten den Hof. Auf meinen Vater passte keine dieser Beschreibungen, oh nein. Er war ein geldgieriger, gnadenloser Mann, dem das Ansehen seiner Familie wichtiger war als ihr Wohlergehen. Es sollte mich eigentlich nicht wundern, dass der Gentleman, den er für mich erwählt hatte, dieselben Züge aufwies. Sogar der Ton, in dem er zu mir sprach, glich dem meines Vaters, mi***r auch manchmal dem meines Bruders.

"Elizabeth, ich will endlich einen Sohn! Wofür habe ich deinem Vater denn sonst die Mitgift von tausend Goldstücken gegeben? Ich will meinen gebürtigen Erben und ich will ihn jetzt." Männer hielten sich für so intelligent, doch sie schienen immer noch nicht begreifen zu können, dass der weibliche Körper nicht sofort nach jeder Hochzeitsnacht ein Kind kreieren wollte.
"Du bist doch nicht etwa unfruchtbar, oder? Habe ich mein Geld wirklich so sehr verschwendet?", setzte er nach, in einem äußerst garstigen Ton, als würde ich ihm den Sohn mit Absicht verweigern. Meiner Meinung nach war es besser, dass sich noch kein Kind in meinem Bauch gebildet hatte. Thomas würde nicht zufrieden sein, wenn er erfuhr, dass unsere Familie seit jeher mehr Frauen als Männer zur Welt brachte ... Dabei hätte heute ein so schöner Abend sein können. Nach ein paar Gläsern Wein hätte er mich womöglich sogar zum Tanz aufgefordert, doch ... In dieser Fassung schien mir dies unmöglich zu sein. Dabei trug ich sogar dieses schreckliche Korsett, in dem ich kaum atmen konnte, sobald ich auch nur drei Schritte tat. "Ich kann nicht glauben, dass ich jemanden wie dich geheiratet habe ..." Wobei ich überhaupt kaum glauben konnte, tatsächlich geheiratet zu haben. Es fühlte sich auch viel mehr so an, als wären Mutter und Vater mit ihm verheiratet, während ich nur ein kleines Schmuckstück an seiner Seite war. Wieso nur musste ich mir so etwas bieten lassen? Er-
Nanu? Das- ... Wer war denn dieser junge Mann hier?
Erneut hatte ich keine Wahl, doch ... Im Moment war es vielleicht gar nicht so schlecht. Am Ende hätte ich mich noch für meinen Mann entscheíden müssen, doch dieser schien genauso überrascht und verwirrt zu sein wie ich.
Der Duke Lucian Weston of Suffolk also? Warum hatte ich noch nie von ihm gehört, geschweige denn ihn auf einem Ball angetroffen?
"Mein Name ist ... Margot Hemingway." , stellte ich mich mit dem Namen meiner Mutter vor. Es war nicht die ganze Wahrheit, doch auch keine Lüge. Für einen Tanz würde dieser Name auf jeden Fall reichen.
"Wissen Sie, ich glaube, mein Mann ist nicht allzu erfreut darüber, dass sie mich einfach so von ihm stehlen." Leise seufzte ich, begIeitet von dem Hauch eines Augenrollens.
"Immerhin hat er ganze tausend Goldstücke bezahlt, um meine reizende Anwesenheit für den Rest seines Lebens genießen zu können."
Der Duke schien auf jeden Fall zu wissen, wie man einen netten Tanz führte ... Anders als Thomas. Natürlich wusste er es in der Theorie, schließlich war es ein wichtiger Teil seines Unterrichts gewesen, doch ... Es schien, als würde er sein Wissen nicht allzu gern mit mir teilen wollen.
"Nun, werter Duke, dürfte ich erfahren, was Sie auf diesen Ball treibt - und das ganz allein? Sie suchen doch nicht etwa nach einer Duchess, oder?"

Luce

Margot Hemmingway. Der Name passte nicht zu der jungen Frau, aber das äußerte ich nicht. Am ende hätte sie das noch als Beleidigung angesehen. Ich lächelte leicht, als sie begann über ihren Mann zu sprechen.
"Ganze tausend Goldstücke?" fragte ich leicht ironisch nach, "Welch absolut angemessener Preis für eine junge Dame." Ich lachte leise. "Nun auf der Suche nach einer Duchesse bin ich natürlich immer," log ich. Menschliche Frauen interessierten mich absolut gar nicht. "Und ich war fast schon der Meinung ich hätte Jemanden gefunden. Aber leider seid ihr ja schon verheiratet," kokettierte ich. "Wobei man natürlich allem und jedem Abhilfe schaffen kann," überlegte ich mit gesenkter Stimme, "Verraten sie mir doch, was ist es, das sie am meisten begehren? Ein frühzeitiges Ende ihres Mannes? Oder einen Sohn? Vielleicht die Liebe eines anderen Mannes, vielleicht sogar die Liebe einer anderen Frau?" fragte ich leise nach, schelmisch. Meine Stimme war samten und beruhigend. Um wirklich das Vertrauen der Frau vor mir zu gewinnen begann ich jetzt noch ein Hormon in die Luft strömen zu lassen, das in Menschen Wärme und Glücksgefühle auslöste. Über die Jahre war mir oft aufgefallen, dass dies der Punkt war, an dem viele der Menschen sich fallen ließen. Selten widerstand Jemand meinen Überzeugungskünsten und noch seltener waren es junge Menschen mit mehr Wünschen als Gehirnzellen.
Ich lächelte die Frau an und wirbelte sie zu der Musik der Geigen durch den Raum. Jeder Mensch hatte einen Herzenswunsch, etwas, dass dieser Mensch mehr als alles andere auf der Welt wollte. Man musste ihn nur finden, diesen Wunsch, dieses Verlangen.
Oft waren es b***e Dinge: Liebe, Gesundheit, Geld.
Das wirklich bizarre an Menschen war jedoch die Tatsache, dass ich ihnen keine Grenzen auferlegte und sie dies weder begriffen noch ausnutzten. Ich würde vielleicht keinen dieser Idioten zu einem Gott machen, aber hätte einer von ihnen die Kontrolle über das Wetter verlangt, dann hätte ich sie ihm nicht vorenthalten. Aber nein, Menschen wollten lieber erfolgreich als unsterblich sein. Es war lächerlich. Und sie zu überzeugen war lächerlich einfach. Erneut drehte ich meine Partnerin schwungvoll und lächelte sie an.
"Ich kann ihnen all diese Sachen geben. Ich kann ihnen sieben Söhne geben oder sieben Töchter, ich kann ihnen einen neuen Mann besorgen, oder ihnen das dritte Auge schenken. Sie müssen nur einen Wunsch aussprechen," inzwischen flüsterte ich fast, die Distanz zwischen unseren Körpern war grade noch genug um nicht unhöflich zu wirken.
"Vielleicht einfach nur einen schlimmen Fall von Gelbfieber im Körper ihres charmanten Mannes?" fragte ich noch einmal nach. Ich konnte die Wünsche von Menschen nicht sehen, aber dieses Mädchen schien mir relativ offensichtlich unglücklich in ihrer Ehe zu sein. Also warum nicht ein Philanthrop sein und ihr behilflich werden?


Elizabeth

Wieso ließ ich mich noch gleich auf einen Tanz mit einem mir völlig fremden Mann ein? Vermutlich, da der andere, mir völlig fremde Mann, welcher sich mein Ehemann schimpfte, nie für einen Tanz mit mir zu haben war. Würde ihn eine der jüngeren Magden fragen, würde er sicherlich nicht verzagen, mit ihr das Tanzbein zu schwingen und ihr ein paar "Schritte" zu zeigen. Ohnehin war es unglaublich, dass er von mir verlangte, ihm einen Sohn zu gebären, wenn er mich sonst nie mit auch nur einem Auge betrachtete. Was dachte er denn, wie Kinder entstanden?
Der Mann, welcher mich so elegant über das Parkett führte, schien wohl die Ansichten meines Gatten zu teilen. Natürlich, tausend Goldstücke waren absolut angemessen für eine junge Dame wie mich. Und - was hörte ich da? Scherzte er wirklich darüber, mir den Hof zu machen? Ein Scharlatan war er alle Male, wenn auch mit einer überraschend silbernen Zunge ausgestattet. War er wirklich ein Duke oder nur ein äußerst begabter Schausteller?
Jedoch ein äußerst frecher Schausteller. Was für "Wünsche" unterstellte er mir da? War er einer von Thomas' Freunden, die ihm helfen sollten, meine Treue zu prüfen? Es war eine Beleidigung, dass er tatsächlich glaubte, mich ungestraft so etwas fragen zu können. Jedoch war momentan nicht der richtige Augenblick, um diesen Mann mitzuteilen, wie ich über seine verlockenden Vorschläge dachte.
Schwach schüttelte ich den Kopf, schenkte ihm ein sanftes, wenn auch nicht allzu ernstes Lächeln.
"Ihr könnt mir wirklich jeden Wunsch erfüllen?", hakte ich noch einmal nach, während ich mich ein weiteres Mal von ihm herumwirbeln ließ. Er war ein durchaus talentierter Tänzer, doch leidet schien der richtige Ton im Gespräch mit einer Lady eher zu seinen Schwächen zu zählen.
"Wenn dem wirklich so ist, dann- Ach, nein ... Ich weiß nicht so recht. Das erscheint mir doch ein wenig viel, verzeiht ... Allein der Gedanke daran ..." Doch er ließ nicht nach, vermutlich gerade, weil ich es ihm so vermeintlich einfach machte. Es war fast schon niedlich, der Blick in seinen Augen ... Aber noch viel schöner würde es sein, wenn ich erst die Enttäuschung in seinem Gesicht sehen würde.
"Na schön, wenn Ihr darauf besteht ... Es ist auch ein Wunsch, den wohl nur ein Mann wie Sie erfüllen kann. Wenn Ihr mir diesen Wunsch tatsächlich erfüllen könntet, wäre ich Euch auf ewig dankbar." Langsam trat ich einen Schritt näher heran und legte meine Lippen an sein Ohr.
"Ihr dürft diesen Wunsch auf gar keinen Fall verraten, ja? Es ist unser kleines Geheimnis ..."
Sanft lehnte ich mich wieder zurück und schenkte ihm ein geheimnisvolles Lächeln.
"Okay, also ... Was ich mir am sehnlichsten wünsche, ist ... Das Ende dieses Tanzes mit euch, und zwar jetzt sofort."

Luce

Die Frau schien auf meine lockenden Worte eingehen zu wollen. Voller Neugier lehnte ich mich nach vorn um ihren Wunsch zu hören. Als sie ihn jedoch aussprach sank meine Stimmung sofort. Was für eine freche Göre war das denn? Ich grinste die Frau, vollkommen unamüsiert, an und ließ dann von ihr ab.
"Wie ihr wünscht. Aber ihr solltet nicht überrascht sein, wenn solch undurchdachte Worte nicht ohne Konsequenzen bleiben," wisperte ich noch einmal, leise, dann drehte ich mich um und ging auf den Mann des Mädchens zu.
"Ihr solltet euch in eurer Ehe wohl mehr durchsetzen. Ihr Weib hat mir erzählt, dass sie euch mit Absicht den Wunsch nach einem Erben verwehrt, da sie der Meinung ist, dass sie es nicht wert sind ein Kind mit ihr zu zeugen. Es klingt als wäre sie in dringender Not einer wahren Lektion," log ich munter vor mich hin. Um sicher zu stellen, dass meine Worte auch den gewünschten Effekt hatten, ließ ich noch etwas Testosteron in die Luft fließen. Ein Mann der, von seiner eigenen Männlichkeit überzeugt, so in seinem Stolz verletzt wurde war niemals lange friedlich. Grinsend drehte ich mich um und verließ den Raum. Auch wenn der Abend, vermutlich, in einem Triumph für mich geendet hatte, hatte mir die Frau die Lust auf die Menschen verdorben. Sobald ich außer Sichtweite des Wächters an der Tür war, verschwand ich im Schatten eines hohen Gebäudes. Dann verschwand meine menschliche Form in der eines Schattens und ich fuhr zurück hinab in mein Heim.

Ein paar menschliche Tage waren vergangen und die verdammte Frau war mir nicht aus dem Kopf gekommen. Ich hatte seit Jahrzehnten niemanden mehr getroffen, der sich meinen Versprechungen widersetzt hatte. Im ersten Moment war ich wütend gewesen, aber bereits nach ein paar Minuten wurde mir klar, dass ich mich dem menschlichen Fehler des Stolzes hingegeben hatte. Sie hatte mich gekränkt, dabei suchte ich doch bereits seit Jahren nach einem Menschen der mir auch nur annähernd die Stirn bieten konnte. Und da war sie, direkt vor mir gewesen und hatte genau dies getan und ich hatte es nicht erkannt.
Ich war seit diesem Tag nicht mehr auf der Erde gewesen, aber als ich jetzt in der Straße materialisierte, nieselte es auf mich hinunter. Die paar Menschen die auf der Straße herum eilten hatten ihre Hüte tief ins Gesicht gezogen und sahen generell miserabel aus. Ich dagegen war fast schon ekstatisch. Die Witwe eines kürzlich verstorbenen Kaufmannes hatte mir sein Stadthaus an der Themse verkauft und ich hatte Kontakt mit jemandem aufgenommen, der mir bei meiner Suche nach Margot Hemingway sehr behilflich sein würde. Ihrem Vater. Er war ein bekannter und einflussreicher Mann, der vor Kontakt mit englischer Nobilität nicht zurückschreckte. Da ich nicht wusste, was der Name ihres Mannes war, hatte ich mich an ihrem Nachnamen orientieren müssen.
Ich hatte dem Vater fast sofort einen Brief geschrieben in dem ich mich als lang verschollenen Sohn des eigentlichen Dukes ausgegeben hatte, eine Geschichte die ich auch mit dem alten Mann ausgemacht hatte, falls sich einer seiner alten Freunde bei ihm über mich erkundigen würden, der, jetzt wo er als adliger, junger Mann alleine in London lebte, nach Vertrauten suchte. Mr. Hemingway war sofort darauf angesprungen und hatte mich am Sonntag zum Tee mit seinem laut ihm "Hoch gebildeten Sohn und gehobenen Schwiegersohn" eingeladen. Ich nahm an, dass sein Schwiegersohn der Mann von Margot war und sie vielleicht sogar mitbringen würde. Ich hoffte es zumindest.

Elizabeth

"Steh gerade, Darling! Du willst doch nicht schon wieder Schmach über dieses Haus bringen. Du kannst überhaupt froh sein, dass wir dich hieran teilhaben lassen. Der Duke ist ein sehr wichtiger Mann und du hast mich auf dem Ball vor ihm gnadenlos beschämt."
Zitternd biss ich mir auf die Lippe und atmete tief ein und aus - einerseits, weil das Korsett mir wieder einmal die Luft abschnürte und andererseits, da ich mich noch allzu gut an den werten Duke erinnerte. Da hatte ich ein einziges Mal versucht, ehrlich zu sein und mir von einem unhöflichen Mann nichts sagen zu lassen, weil ich naives Ding gehofft hatte, dass mein Mann zu mir halten würde ... Wirklich, wie konnte ich nur so eine Narrin sein? Das war doch einfach nicht gerecht, nein. Gerechtigkeit kannte dieses Haus ohnehin nicht.
"Du dumme Gans! Ich habe dir doch gesagt, dass du noch mehr Puder auftragen sollst!"
Vater und Thomas waren sich wie immer darin einig, wie sie es am besten schafften, meinen Willen zu zerschlagen.
"Ich- ... Verzeiht. Ich werde mich sofort daran setzen."
Den vermeintlich adligen violetten Ton auf meinem rechten Auge würde man dennoch sehen, aber mit ein bisschen Glück interessierte es den werten Mann nicht, was er angerichtet hatte. Wie konnte er es nur wagen, meinem Gatten so eine Lüge zu erzählen - und wie konnte es sein, dass jener ihm auch noch mehe glaubte, als seinee eigenen Frau!
"Müssen wir wieder mit den Büchern üben? Nun stell dich endlich wie eine richtige Dame hin oder du bleibst in deinem Gemach."
Wie gern ich das doch tun würde. Stumm nickte ich, denn Widerspruch würde mich besonders in dieser Situation in die HöIIe schicken.
Tief ein- und ausatmen. Beruhigen. Es war nur ein Tee - im schlimmsten Fall würde ich von Kopfschmerzen klagen und mich rasch vom Tisch entschuldigen, damit ich niemandem mehr eine Last war (und niemand mich belasten konnte).
"Duke Weston, was für eine Ehre, Sie in unserem kleinen aber bescheídenem Heim willkommen zu heißen.", begrüßte mein Vater den Mann mit einem warmen Lächeln.
"Es ist schön, Sie wiederzusehen, mein Herr.", stimmte Thomas hinzu, während ich lediglich ein gezwungenes stummes Lächeln von mir brachte, mein Blick leicht nach unten gerichtet.
"Kommt doch herein, wir haben einen wundervollen Tee für Euch vorbereitet - ich hoffe doch, dass Ihr schwarzen Tee mögt. Aber wir haben natürlich noch eine Menge anderer Variatäten, falls es Ihnen nach etwas anderem verlangt."
Langsam (hauptsächlich, weil es mir die Luft abschnürte), schritt ich hinter meinem Mann her und setzte mich an der Tafel neben ihm.
Ich hätte gern eines der köstlichen Macarons gehabt, doch ich würde wohl Glück haben, wenn ich überhaupt ein Schlückchen Tee bekommen würde. Mein Auge schmerzte nach wie vor ein klein wenig, aber da konnte man ja nichts machen.
"Und, werter Duke? Was treibt Euch so in die Stadt? Irgendwelche dringenden Geschäfte, bei denen wir Euch behilflich sein können?"

Luce

Die menschlichen Tage verflogen schnell und als ich am Sonntag vor der massiven Haustür des Landhauses stand, in welchem Mr. Hemingway lebte, fühlte ich zu ersten Mal seit langem so etwas wie Vorfreude. Ich hatte lange keine Herausforderung mehr gehabt.
Kaum, das ich den Türklopfer einmal gegen das Holz geschlagen hatte, wurde die Tür auch schon geöffnet. Mir stand ein ernst aussehender Mann gegenüber, in einem schwarzen Rock und einer weißen Weste, der mich, nachdem ich mich vorgestellt hatte, sofort in das Haus bat. Der Butler führte mich durch einen Gang ins Esszimmer, in dem Mr. Hemingway, der Mann von Margot und Margot selbst standen. Ich erwiderte die Begrüßungen der beiden Männern mit ähnlich falschen Worten. Ich hatte noch nie verstanden, warum Menschen so verdammt höflich sein mussten. Als wir uns an den Tisch gesetzt hatten und der Tee aufgetragen wurde, wanderte mein Blick zu der Frau die mich auf dem Ball so fasziniert hatte. Erst jetzt fiel mir die violette Färbung ihres Auges auf. Ich fühlte mich nicht schuldig, ich konnte keine Schuld empfinden, aber der Anblick gefiel mir dennoch nicht. Ich hatte einen Moment der Schwäche gehabt, hatte mich von einem Menschlein kränken lassen und sie bestraft. Das hatte mir nicht zugestanden. Natürlich quälte ich die Seelen der Menschen, die sich auf einen Vertrag mit mir einließen, aber Margot hatte ja genau dies nicht getan. Ich fühlte Reue, nicht wegen dem Mädchen, sondern weil ich mich nicht benommen hatte, wie es von einem Gott zu erwarten wäre.
Ich ließ das Gerede des Vaters über mich ergehen und antwortete hier und da. Als er mich nach meinen Geschäften in der Stadt ausfragte, kam mir eine interessante Idee.
"Nun, tatsächlich bin ich hier um nach einer Gemahlin Ausschau zu halten. Ich nehme an sie haben nicht noch eine Tochter, die es mit der Schönheit dieser hier aufnehmen könnte?" fragte ich, nur ganz leicht ironisch, "Oder kennen sie vielleicht eine junge Frau, die an dem Leben als Duchess interessiert wäre? Nichts würde mich glücklicher stimmen als meine Reichtümer mit einer Familie teilen zu können."
Ich konnte die Gier fast schon in den Augen des Mannes vor mir lesen. Ich war mir sicher, dass Thomas ein etablierter, reicher Gentleman war, aber ein Duke war eben doch der höchste Ehrenträger, nach dem König, und damit konnte er, vermutlich, nicht mithalten. Er hatte sich mir zwar nie vorgestellt, weshalb ich mir im Bezug auf seinen Titel nicht sicher sein konnte, aber er erschien mir doch etwas zu demütig mir gegenüber, als das er auf der sozialen Leiter über mir stehen würde.
Innerlich grinsend nahm ich mir einen der Macarons und biss hinein, meine kleine Anspielung auf ein gewisses Interesse an Margot würde sie wohl kaum in Schwierigkeiten bringen. Und selbst wenn, dann hatte ich dies zumindestens nicht mit der Motivation sie zu bestrafen ausgelöst.
Ich biss in ein weiteres der süßen, französischen Gebäckstücke. Der Zucker zerging mir auf der Zunge und ich meinte den neidischen Blick der Frau auf mir zu spüren.
"Diese Macarons sind ausgesprochen deliziös," lobte ich, bevor ich die P*** zu Margot schob, "ihr solltet einen probieren werte Dame," sagte ich höflich. Durfte sie in so einer Situation überhaupt ablehnen? War sie wohl wütend auf mich?
"Apropos, ich glaube nicht, dass wir uns bereits wahrhaftig vorgestellt worden sind," sagte ich, an sowohl sie, als auch ihren Mann gerichtet.

Elizabeth

Es war mir immer noch schIeierhaft, was für Geschäfte mein Vater mit diesem Mann trieb. Ohne Frage musste er eine Menge Gold und Silber besitzen, sonst wäre Vater vermutlich gar nicht an ihm interessiert. Zwar gab es eine gewisse Macht, welche die soziale Stellung des Mannes versprach, doch für meinen werten Herr Vater war Reichtum mehr wert als Macht, wobei der Duke sicherlich beides in üppigen Mengen besaß.
Dennoch war mir fremd, weshalb die beiden Männer überhaupt darauf bestanden hatten, dass ich dieser Sitzung beiwohnte. Zwar war es möglich, dass Vater den Mann mit seinem "hübschen Kind" den Duke Weston beeindrucken wollte, doch ... Wäre das am Ende nicht ohnehin nur Trug und Schein? Schließlich war ich bereits verheiratet und unserem Besucher war das durchaus bewusst, denn er hatte mich ja erst vor Kurzem meinem Gemahlen auf dem Ball gestohlen.
Mit einem spöttischen Lächeln (dabei konnte er mir nichts vormachen; dieser Mann verspottete mich definitiv), schob mir der junge Duke ein paar Macarons zu. Ich erwiderte sein Lächeln, wenn auch hoffentlich ein wenig authentischer und lehnte höflich ab. In diesem Aufzug würde ich keinen Bissen herunter bekommen - nicht umsonst nahm ich meine Mahlzeiten zumeist vor einem Ball ein.
"Apropos, ich glaube nicht, dass wir uns bereits wahrhaftig vorgestellt worden sind."
Sofort räusperte sich mein Mann und nickte wichtigtuerisch, bevor er mit einem Lächeln fortfuhr.
"Natürlich, verzeiht ... Mein Name ist Thomas Hemingway, Sohn Arthur Hemingways. Ich hoffe inständig, dass Ihr bereits von den Geschäften meines Vaters gehört habt. Und das hier ist meine wunderschöne Frau, Elizabeth Margot Hemingway."
Besonders auf seinen Namen legte er großen Wert. Jedes Mal, wenn er uns vorstellte, betonte er eben diesen am stärksten.
"Es freut mich sehr, erneut Eure Bekanntschaft zu machen.", log ich so sittenhaft wie möglich, bevor ich meinen Mund wieder schloss. Ein gutes Mädchen sollte schließlich nur gehört und nicht gesehen werden, richtig? Jedes Mädchen, das sich nicht daran hielt, würde nur Schande über seine Familie bringen.
"Wie würde Euch eine kleine Führung des Hauses gefallen? Natürlich nicht sofort, wir wollen schließlich noch unseren Tee genießen, doch ich würde Euch nur zu gern unser Anwesen zeigen.", klinkte sich Vater wieder ein, bevor er sich einen Macaron gönnte. Ich hingegen ergriff sanft meine Teetasse, spreízte den kleinen Finger leicht ab und nahm einen leichten Schluck. Wenigstens der Tee war vorzüglich, doch gegen die Süße eines Macarons hätte ich wirklich nichts einzusetzen.
"Seid Ihr ein Freund der Musik, mein Herr?", fragte Thomas, vermutlich mehr, um ihn zu beeindrucken als aus Interesse. Würde er mich denn meine Violine spielen lassen, wenn der Duke sie gern hören würde?

Luce

Ich versuchte dem Mann zuzuhören, während er mir seinen Namen nannte, aber etwas an seiner Stimme machte ihn so unglaublich langweilig, dass es mir tatsächlich ziemlich schwer fiel. Das er jedoch keinen Adelstitel hatte, prägte ich mir ein, genau wie den Namen seines Vaters, bei dessen Erwähnung ich so tat als fände ich es unglaublich spannend, mit seinem Sohn an einem Tisch zu sitzen. Was natürlich nicht der Fall war, aber wenn er so viel Geld erwirtschaftet hatte, dass sein Sohn mit der Frau eines so offensichtlich geldgierigen Mannes verheiratet worden war, dann war er unter den kläglichen Menschen bestimmt äußerst bekannt. Ich nickte also und lächelte. Ich war tatsächlich so konzentriert auf meinen Gesichtsausdruck, dass ich fast die Erwähnung seiner Frau verpasst hatte.
Elizabeth Margot Hemingway.
Hatte sie mich angelogen, als sie sich mit Margot vorgestellt hatte? Oder nutzte sie ihren Zweitnamen als Rufnamen? Nein das wäre doch sehr verwunderlich. Nun, jedenfalls in Begleitung ihres Ehemanns würde ich sie wohl sowieso mit Mrs. Hemingway ansprechen, um nicht distanzlos zu erscheinen. Trotzdem... Irgendwann würde ich sie fragen, welcher denn nun ihr wahrer Vorname war. Elizabeth passte ohne Frage deutlich besser zu ihr.
Die Frau sagte etwas, aber ich hörte ihr nicht richtig zu. Ihre Stimme rann durch meine Sinne, über meinen Rücken und brachte die Luft zum Knistern. Verdammt. Das konnte ja wohl nicht wahr sein, sie war doch nur ein Mensch.
Nur ein Mensch.
Aber warum hallte der Klang ihrer Stimme dann so in meinem Mund nach? Warum konnte ich ihre Haare aus dem Augenwinkel lodern sehen? Ich hatte mich erst einmal so gefühlt, so von einem Menschen fasziniert, als mich ein gewisser englischer Dichter verführt und ausgetrickst hatte. Jetzt lebte er in der Unterwelt und blickte aus meinem Schloss auf die Menschen in den Flammen. Allein der Gedanke an die Art wie er Worte verdrehen konnte, brachte mich zum schmunzeln. Er war mit Abstand der Mensch, der, von all jenen die ich getroffen hatte, am geschicktesten mit seiner Zunge war. Auf mehrere Arten.
Aber Margot, Elizabeth, hatte mich ja noch einmal ausgetrickst, wir hatte noch nichtmal eine wahre Konversation geführt. Also hatte ich keinen Grund mich so von ihr beeinflussen zu lassen.

Genervt verbannte ich das Gefühl aus meinem Kopf und lächelte ihr zu. Sie hatte keine Frage gestellt, dafür sah sie zu uninteressiert an meiner Antwort aus. Generell schien ihr Fokus jetzt auf ihrer Teetasse zu liegen weshalb ich meinen Blick von ihr abwandte.

Als der alte Mann wieder zu sprechen begann drehte ich mich langsam zu ihm. Ich war dankbar für die Ablenkung, auch wenn mich eine Tour ihres menschlichen Hauses nun wirklich ganz und gar nicht interessierte.
"Nun wie kann man so ein verlockendes Angebot abschlagen? Ich bin ein großer Freund der Londoner Architektur" sagte ich, leise lachend. Der Mann sah zufrieden aus. Sofort wurde die nächste Frage auf mich abgefeuert. Musik? Musik mochte ich tatsächlich, sie war eine der wenigen Erfindungen der Menschen die ich bewunderte.
"Ja. Ich genieße besonders den Klang von Streichinstrumenten," gab ich, dieses mal voll und ganz ehrlich, zu. Ob sie wohl ein Cello auf ihrem Anwesen hatten? Oder gar eine Violine? Ich hatte mich an beiden Instrumenten versucht, aber, mit einer so fest verankerten Verachtung für die Menschheit, war es schwer einen Lehrer zu finden, den ich respektierte, weshalb ich beide male relativ schnell gescheitert war. Warum ich als Gott, nicht über die Kapabilitäten des Instrumente Spielens verfügte war mir ein Mysterium, aber ich konnte es nun mal nicht.

Elizabeth

Das hier war absolute Zeitverschwendung. Weshalb wollte Vater denn unbedingt solche guten Beziehungen mit dem Duke pflegen? Die Heiratsangelegenheiten waren doch bereits geklärt, und ob dieser Mann nun tatsächlich den Geschäften meines Vaters helfen könnte ... Ich bezweifelte das doch eher stark. Sicherlich wusste er schon, was er tat, nur ... Musste er wirklich versuchen, den Namen dieser Familie mit so einem Mann aufzuwerten? Es war einfach nur ermüdend, zu mal ich bei all ihren Gesprächen dabei sein musste, obgleich ich ohnehin nichts sagen durfte.
Wenigstens war der Tee angenehm, doch leider konnte er mir nicht diesen Nachmittag versüßen - selbst ein Macaron hätte das nicht geschafft, wobei ich nach wie vor versucht war, es zu probieren. Würde ich das jedoch, bekäme ich später noch ein blaues Auge.
Seufzend nahm ich einen weiteren tiefen Schluck, während Vater aufgeregt dem Duke zuhörte. Er schien sich also für Musik zu interessieren, ja? Insbesondere Streichinstrumente? Was für ein Zufall - ein Zufall in der Tat, oder? Er hatte das doch unmöglich wissen können. Wie denn auch? Außer Thomas und Vater wusste es nur mein Lehrer. Zumindest durfte es eigentlich nur er noch wissen, aber ... Wie es aussah, würde sich das genau in diesem Moment ändern.
"Ihr seid also ein Freund der Streicher? Das ist ja vortrefflich! Meine Tochter spielt gern auf der Violine herum - es ist nichts besonderes, natürlich, aber wenn Ihr möchtet, könnt Ihr das gute Stück gern einmal unter die Lupe nehmen. Mein Vater hat es damals von einem von Beethovens Violonisten geschenkt bekommen!"
War es denn wirklich von Bedeutung? Die Geige war ein Qualitätsstück, ein wunderschönes Einzelstück, das niemals in die falschen Hände geraten durfte.
"Dann würde ich sagen, lasst uns einmal das Musizierzimmer aufsuchen! Wenn Ihr euch für Architektur begeistern lasst, wird euch die Einrichtung unseres Musizierzimmers besonders gut gefallen."
Warum sollte er sich für die Architektur des Raumes interessieren? War es denn nicht viel wichtiger und interessanter, all den wunderschönen Instrumenten Beachtung zu schenken? Eine Violine, ein Cembalo, eine Laute, eine Bratsche ... Tatsächlich spielten nur Thomas und ich, aber mit seinen Instrumenten konnte Vater trotzdem angeben. Vielleicht sollte er sich demnächst mehr mit den Investitionen beschäftigen, die ihm tatsächlich auch etwas brachten.
Mit einem Lächeln hielt Thomas mir die Hand hin und half mir auf, was in diesem Kleid zwar nicht nötig war, aber wenigstens bemühte er sich darum, ein Gentleman zu sein. Vermutlich war das auch nur, um dem Duke zu imponieren.
"Darling, möchtest du uns begIeiten? Oder ist es bereits Zeit für-"
"Natürlich möchte sie uns begIeiten! Es wäre doch äußerst schade, wenn sie unseren Gast schon jetzt verlassen müsste. Elizabeth hat schließlich auch mit der Einrichtung des Musizierzimmers geholfen, ich bin mir sicher, dass sie gern Eure Meinung dazu hören wollen würde."
Seufzend nickte ich, mein Lächeln könnte kaum gezwungener sein. Warum? Vater interessierte sich sonst doch auch nicht dafür. Wieso konnte ich nicht einfach auf mein Gemach? Vater hatte doch nicht etwa wirklich vor, mich und diesen Mann zu verbandeln?

Luce

Sie spielte also gerne Violine? Irgendwie wurde das hier immer schlimmer. Ob sie gut spielte? Hoffentlich nicht, ich brauchte nicht noch mehr Gründe, die Frau zu bewundern. Sie hatten eine Geigen von einem von Beethovens Violine geschenkt bekommen? Ich kannte den Namen des Mannes, aber er befand sich nicht in meiner Unterwelt. Ich nahm an ein Mensch wäre von so etwas beeindruckt, weshalb ich mein Gesicht so verzog, dass es hoffentlich Bewunderung ausdrückte. Dabei interessierte mich das Instrument nun ja wirklich gar nicht. Ich wollte wissen wie sie spielte.
Wir erhoben uns und, während der alte Mann weiterhin über Architektur erzählte, wendete ich meinen Blick nicht von der Frau vor mir ab. Sie sah gequält aus, wie sie so dasaß, den Rücken grade, das Gesicht starr. Wie eine seltsame Puppe. Als ihr Mann ihr seine Hand reichte, sah ich weg. Ich kam mir lächerlich vor, wie ein Schuljunge, der seine neugefundenen Gefühle noch nicht verstand, geschweige denn kontrollieren konnte. Ich mochte das Gefühl ganz und gar nicht.
Aus dem Augenwinkel nahm ich wahr, dass sie seine Hand ergriff und sich von ihm aufhelfen ließ. Mein Gebiss verkrampfte sich unwillkürlich.
"Die beiden sind verheiratet" lachte eine Stimme in meinem Kopf, "sei doch bei so etwas nicht eifersüchtig, sie schlafen in einem Bett"

Ich räusperte mich, und verdrängte die Gedanken an das junge Paar in einem gemeinsamen Schlafgemach aus meinem Kopf. Daran musste ich jetzt wirklich nicht denken. Leicht genervt, folgte ich dem Alten Vater durch ein angrenzendes Zimmer in einen kleinen Saal, in dem sich Instrumente befanden. Ein Mensch hätte wohl gestaunt, in Anbetracht der reichen Ausstattung des Raumes, aber mir war diese egal. Ich wollte jetzt Jemanden Musik spielen hören. Herausfordernd blickte ich die Frau an:
"Wollt ihr mir nicht etwas vorspielen?" ich wandte mich dem Vater zu "Es ist wirklich ein wunderschönes Zimmer, und die Instrumente sind ebenfalls sehr beeindruckend," log ich. Ich sah ihn stolz lächeln und entschied, dass dieser Mann wohl die Sozialkompetenz einer Tomate besaß, wenn er nicht einmal durch solch offensichtliche Lügen blicken konnte. Nun gut, es war besser für mich. Leise lächelnd blickte ich wieder zu Thomas und Margot (Elizabeth?), die hinter uns standen. "Nun meine Liebe ich habe nicht den ganzen Tag," sagte ich gönnerhaft zu Elizabeth und lächelte sie an, zuckte jedoch so übertrieben auffällig mit dem Kopf in Richtung der Instrumente, dass meine Ungeduld hoffentlich kaum übersehbar war. Man konnte ja nie wissen wie dumpf diese Menschen waren.

Elizabeth

Seufzend richtete ich meine Kleider und folgte den drei Herren mit hoffentlich überdeckter Langeweile. Zwar würden mich nach dieser Führung auch keine schöneren Aufgaben erwarten, doch wenigstens konnte ich mich von diesem Mann fernhalten. Wieso beschäftigte er sich mit uns? Er war doch am Ball noch so beleidigt gewesen. Hatte er etwa vor, sich an mir zu rächen? Dabei hatte er das ja bereits erreicht. War er noch nicht befríedigt? Wollte er es tatsächlich noch auf die Spitze treiben?
"Oh, ich weiß wirklich nicht, ob ihr etwas von mir hören wollt. Vielleicht könnte Thomas ja-"
"Ach Darling, jetzt stell dich doch nicht so an. Wir haben einen Gast, der dich freundlich gebeten hat, etwas vorzuspielen. Jetzt spiel gefälligst!" Mit einem Lächeln wandte er sich an den Duke. "Glaubt mir, sie könnte genauso gut eine Spielfrau sein."
Eine Spielfrau? Wollte er mich damit etwa beleidigen? Vermutlich, doch ich würde ihm nicht die Genugtuung geben. Das Spielvolk lebte davon, dass es gut spielen konnte - war das denn nicht das größte Kompliment? Zwar war es ein harter, undankbarer Beruf, da die meisten Fürsten einem nicht den vereinbarten Lohn zahlten, doch ... Wenigstens lebten sie frei.
Ja, frei. Vogelfrei..
"Wenn Ihr es unbedingt hören wollt ... Aber ich muss euch warnen, ich habe eine Weile nicht mehr spielen können - es könnte jetzt etwas schmerzhaft für Ihre Ohren werden."
Aber herausreden konnte ich mich trotzdem nicht mehr, was?
Mit einem erneuten Seufzen legte ich die Violine an mein Kinn und setzte meinen Bogen an. Durchatmen, ein und aus, so tief, wie es mir in diesem gottlosen Korsett möglich war. Männer müssten diese mal tragen, dann wüssten sie, was für unnötige Schmerzen sie uns bereiteten. Wie sollte ich mich denn so frei bewegen? Zwar war ich es mittlerweile gewohnt, in einem Korsett zu spielen, doch ... In meinen gemütlichen Schlafkleidern spielte es sich viel besser, wenn auch Thomas das nicht erfahren durfte. (Schließlich war ich schon kaum erlaubt am Tage zu spielen, geschweige denn bei Nacht.)
Doch während dieses wundervollen Stückes konnte ich wenigstens für einen Moment meine Augen schließen und meinen Gedanken freien Lauf lassen. Sangen nicht die einfachen Leute manchmal so ein Lied? "Die Gedanken sind frei"? Aber sie mussten doch selbst wissen, dass selbst dies nicht der Wahrheit entsprach.
Nach etwa drei weiteren Minuten legte ich schließlich mit einem zauberhaft falschen Lächeln meine Violine ab. Nun gut, möglicherweise funkelte tatsächlich für einen kurzen Moment so etwas wie Freude in meinen Augen, doch das war allein der Musik und diesem wunderschönen Instrument geschuldet.
"Verzeiht, ich bin wohl etwas eingerostet.", entschuldigte ich mich, obwohl es keinen Grund dafür gab - ich hatte das Stück fehlerfrei gespielt,
für alles andere würde ich schließlich büßen müssen. Doch eine Frau sollte schließlich stets tugendhaft und demütig sein, nicht wahr?

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malitsuki

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dance with the devil || Amary & ich

von malitsuki am 06.09.2019 16:52

Und hiers Nummer 2 :)


Steckbriefe

Name: Luzifer (Luc Weston)

 

Alter: Irgendwann hat er aufgehört zu zählen

Aussehen: Luzifer kann sein Erscheinungsbild relativ beliebig ändern, meistens sieht er jedoch aus wie ein junger, englischer Gentleman, so um die 23. In dieser Form sind seine Augen blau, seine Haut ziemlich blass und seine Haare sind dunkelbraun. Er ist hochgewachsen und trägt gerne elegante Kleidung. Wenn sich Luzifer in die Hölle begibt, lässt er sich gerne schwarze Flügel und Hörner wachsen. Man kann ihn auch relativ regelmäßig in der Form eines Geiers antreffen. Manchmal läuft er da unten auch mit einem furchteinflößendem Mischwesen rum, einem wunderschönem Mann mit scharfem Schnabel und Vögelfüßen.

Sonstiges: Da das hier mein Teu'fel ist ändere ich einfach alles so ein bisschen. Luzifer ist nicht, wie oft angenommen wird, ein gefallener Engel Gottes. Tatsächlich ist Gott eigentlich Luzifers Zwillingsschwester (und sie heißt Noctavi). Die beiden haben sich jedoch wegen ein paar minimalen Meinungsverschiedenheiten (Luzifer kann ein ganz schöner Sad'ist sein und Noctavi findet das doof) Auseinandergelebt. Da Luc aber nun mal ein nachtragender Gott ist, versucht er seitdem die Menschen zu verführen die Noctavi so am Herzen liegen. Sonst ist die Hölle relativ so wie wir sie uns vorstellen. Es gibt allerdings ein paar Menschen die Luc ausgetrickst haben und in ihrem Vertrag mit ihm vereinbarten, dass sie ein gutes Leben in der Hölle führen werden würden.

Name: Elizabeth Margot Hemingway

Alter: 20

Aussehen: Eliza's Haar hat sie schon von kleinauf in Schwierigkeiten gebracht und wäre sie nicht aus reichem Haus, wäre sie vermutlich auf dem Scheiterhaufen längst verbrannt worden. Ihre seidig lockige rote Löwenmähne ist kaum zu bändigen, zum Leidwesen ihrer Eltern, denn gepuderte Perücken lassen sich darauf nur schlecht setzen.
Ihre Augen sind in einem tiefem smaragdgrün, welche von ihrem Ehering komplimentiert werden, da dieser ebenfalls einen kleinen Smaragdstein besitzt. Sie ist für die damalige Zeit recht groß, etwa 1,70m, mit langen hellen Beinen. Seit sie ein kleines Mädchen ist, wollte ihre Mutter sie in ein Korsett zwingen -zumeist hat es nur bei äußerst festlichen Veranstaltungen geklappt. Ihre Lippen sind schmal und meist zu einem Lächeln verzogen, ihre Wimpern voll und lang und ihre kleine Stupsnase leicht schief.

Sonstiges: Sie ist seit 2 Jahren mit dem Sohn eines sehr reichen Bankkaufmanns verheiratet, Thomas Hemingway. Die Ehe ist, wie zu erwarten, nicht sonderlich erfüllend. Noch hat sie kein Kind bekommen, weshalb es momentan auch zwischen den beiden arg kriselt. Davon abgesehen laufen momentan auch die Geschäfte ihres Mannes sowie ihres Vaters eher weniger gut ... Am liebsten würde sie einfach davon rennen und als einfache Musikerin für den Rest ihres Lebens durchs Land reisen.

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malitsuki

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Re: crossfire || Amary & ich

von malitsuki am 06.09.2019 16:50

Alexey


Ich hörte Mella aufmerksam zu, aber sie sagte nichts über die Italiener, sondern erzählte mir nur über die Zeit als sie von Zuhause weggelaufen war. Die Phase hatte ich auch mal gehabt. Ganz leicht grinsend dachte ich an die Woche in der ich mit Matteo aufs Land abgehauen war. Wir hatten Essen und ein Zelt mitgenommen und unsere Handys weggeschmissen. Wir hatten natürlich nie vorgehabt wirklich lange wegzubleiben, aber die Woche hatte sich trotzdem toll angefühlt. Das war vor fast genau vier Jahren gewesen. Am ersten Tag hatten wir uns die Tattoos stechen lassen. Leider waren wir relativ schnell erwischt und wieder eingefangen. Mein Vater war unglaublich wütend und hatte vorgehabt Matteo zu erschießen, weil er mich nicht aufgehalten hatte, ja sogar mitgekommen war.
Das war das einzige Mal, dass ich je geweint hatte, jedenfalls soweit ich mich erinnern konnte. Es war ein seltsames Gefühl gewesen, diese schreckliche Angst um meinen besten Freund zu haben. Mein Vater war ein grausamer Mann, aber diese Wut hatte sich noch nie gegen mich gerichtet und auch nicht gegen meine Freunde. Er hatte mich geschlagen, als er mich weinen sah, aber das nahm ich ihm nicht übel, denn immerhin hatte er Matteo in Ruhe gelassen. Jedenfalls so halb. Er hatte uns fast fünf Monate von einander fern gehalten, bis zu meinem achtzehnen Geburtstag. Ich hatte ihm noch nie erzählt, dass mein Vater ihn hatte umbringen wollen. Das wäre idiotisch gewesen. Immerhin musste er mir gegenüber, und somit auch meinem Vater gegenüber, loyal sein.

Als Mella begann über ihre Rolle und ihr Leben zu sinnieren, konzentrierte ich mich wieder auf ihre Worte. Sie hatte wohl Recht, ihr Leben wäre als Junge deutlich mehr in das Geschäft ihres Vaters eingebunden, aber ob das wirklich so viel schlimmer gewesen wäre? Für Mella vermutlich schon, aber ich war mir ziemlich sicher, dass es meinen kleinen Schwestern als Jungen besser gegangen wären. Denn so würden sie an Jemanden verheiratet werden, den sie nicht kannten und vermutlich auch nicht liebten, um die Familie zu stärken. Nun jeder trug seinen Teil zu unserer Organisation bei.
"Es ist gar nicht so schwer. Das Töten, meine ich. Klar am Anfang ist es brutal, aber man gewöhnt sich schnell dran," sagte ich, halb aufmunternd, halb informierend. Ich konnte mich hier jetzt nicht von der Mob-Prinzessin voll-heulen lassen, dass sie niemanden töten könnte, das tat ja fast schon weh.
"Ich könnte es dir beibringen," bot ich an, wenn auch eher ironisch. Diese Schwäche von Mella war für mich immerhin ein Vorteil. Aber ein guter Bodyguard würde das wohl anbieten, richtig? Vor allem, da das Mädchen ja offensichtlich nicht einmal den Gedanken zu ende bringen konnte, ohne sich schlecht zu fühlen. Sie war schon irgendwie ganz schön erbärmlich.

Mella

War es eigentlich eine gute Idee, dass ich so ausführlich mit ihm darüber sprach? Natürlich, er war mein Bodyguard, er würde mehr oder weniger alle meine intimsten Momente mitbekommen (leider), aber ... Sollte ich so etwas nicht für mich behalten? Vater sagte immer, dass ich zu offen und gutmütig war, zu naiv. Doch ... War er es denn nicht eigentlich sowieso offensichtlich? Ich war nicht besonders stark, deswegen brauchte ich doch auch einen Bodyguard. Zwar hatte jeder in diesem Geschäft einen Bodyguard, aber ... Es ... Ich war lediglich nicht stark genug. Nicht annähernd, obwohl ich es sein sollte. Ich- Moment.
"Es ist gar nicht so schwer. Das Töten, meine ich. Klar am Anfang ist es brutal, aber man gewöhnt sich schnell dran. Ich könnte es dir beibringen, wenn du willst."
War das sein Ernst? Er- Nein. Das ... Das konnte er doch nicht- Aber er wollte wirklich- Was- An wem- Wie? Wie konnte er so etwas einfach nur so sagen?
"Ich- ... N-nein. Nein. Auf gar keinen Fall. Es- Nichts für Ungut."
Verlegen kratzte ich mich an der Wange und schluckte. Okay. Ruhig bleiben. Er hatte es ja nicht irgendwie böse oder gar ernst gemeint - Das war wohl eher ein kläglicher Versuch, mich aufzuheitern, wenn ich das richtig verstand.
"Uhm, also ... N-nein, Tötén könnte ich nicht. Selbst, wenn es noch so einfach wäre, wie wenn man einem Baby den Schnuller wegnimmt. Ich ... Ehrlich, ich will nicht, dass jemand wegen mir stirbt. Es wäre mir eigentlich auch lieber, gar keinen Bodyguard zu haben, aber dann darf ich nie wieder rausgehen, also ... Werde ich da wohl in den sauren Apfel beißen."
Es- Gott. Klang das abgehoben? Schließlich war das immer noch sein Job, über den ich mich hier so ausließ. Freiwillig hatte er sich das bestimmt auch nicht ausgesucht, doch ... Trotzdem. Das war wahrscheinlich das letzte, was man hören wollte. Okay, durchatmen. Hoffentlich hatte er das nicht bereits als Beleidigung aufgefasst.
"Eh, also, ich ... Sorry. So war das nicht gemeint, es ... Entschuldige."
Vielleicht wäre es besser, gar nichts zu sagen? Oder doch eher das Thema zu wechseln, wobei er ohnehin eher zur weniger gesprächigen Sorte Mensch zählte. Allerdings konnte er unter Menschen, die er mochte und schätzte (und die nicht jederzeit dafür sorgen könnten, dass er starb) vielleicht auch super gesprächig sein. Mitbekommen würde ich es vermutlich sowieso nicht - er schien sich ja nicht gern zu unterhalten, besonders nicht über sich selbst. "Ehm, aber- Jedenfalls ... Training wäre vielleicht gar nicht so verkehrt! Ich hab mal ein bisschen Selbstverteidigungstraining gehabt, aber nachdem ich mir meinen Arm gebrochen hatte, war Vater eher weniger begeistert davon. Aber ... Wenn wir vorsichtig sind, kriegen wir das bestimmt hin - n-natürlich nur, falls du willst. Ich ... Fänds gut, wenn ich mich nicht nur auf dich verlassen muss, sondern auch selbst etwas tun und dir vielleicht sogar helfen kann."

Alexey

Das war ja wohl die voraussehbarste Antwort die das Mädchen mir hätte geben können. Aber gut, umso besser für mich. Vermutlich würde sie, würde denn der Fall eintreffen, dass ich sie nach Italien verschleppen müsste, sich noch bei mir entschuldigen, während ich sie in ein Flugzeug zerrte, weil sie mich aus Selbstverteidigung gekratzt hatte, oder so.
Das sie keinen Bodyguard wollte passte allerdings auch überhaupt nicht zu dem Charakter den man so einem Mädchen zuschreiben würde. Wäre ich so klein und hilflos wie sie würde ich mich ganz sicher nicht oft aus dem Haus trauen, und ganz sicher nicht alleine. Dennoch, irgendwie machte dieses Verlangen nach Freiheit, danach zu gehen wann und wohin man wollte, ohne immer überwacht und verfolgt zu werden, auch sinn. Ob sie das je gekonnt hatte? Vermutlich nicht, mit einem Vater wie dem ihren. Aber warum auch? Ich war auch nie frei gewesen. Das stand uns nicht zu. Es gab schlimmeres.
Also kein Mordtraining. Aber Selbstverteidigung wollte sie lernen. Nun das konnte ich ihr schlecht abschlagen, auch wenn sie für mich natürlich einfacher zu entführen wäre, wenn sie sich nicht wehren konnte. Aber gut das konnte ich ihr ja schlecht sagen. Stattdessen nickte ich. "Ich bring dir was bei, aber falls du angegriffen wirst, darfst du trotzdem nicht versuchen dich selbst zu verteidigen. Du musst dich auf mich verlassen, aber ich kann dir ein paar Taktiken zeigen, damit du Angreifer so lange abhalten kannst, bis ich bei dir bin."
So ähnlich hatte Matteo seine kleine Rede formuliert als wir zehn gewesen waren. Damals hatte er noch die Aufgabe gehabt mich zu beschützen, aber ich hatte ihn relativ schnell von seiner Bodyguard Rolle befördert. Außerdem hatte ich ja am Ende doch gelernt mich selbst zu verteidigen. Schon irgendwo seltsam.
Ich fühlte ein kurzes Kribbeln in meinem Bauch. Ich vermisste den Italiener, aber das hatte ich bis jetzt gut verdrängt. Ihn so zu sehen und nicht umarmen zu können war fast schon schmerzhaft.
Als ich meinen Blick wieder auf Mella richtete, schoss mir eine Frage durch den Kopf, die ich ihr eigentlich schon gestern hatte stellen wollen: "Sag mal, wie genau soll ich dich eigentlich ohne eine Waf'fe verteidigen? Warum hat mir noch niemand wenigstens eine Pistole gegeben? Das erscheint mir irgendwo komplizierter als es sein müsste." Ob sie mir nicht genug trauten? In Italien bekam jeder Soldat von seinem jeweiligen Capo eine Schuss***, sobald er tatsächlich beigetreten war, aber hier schien das offensichtlich anders zu sein. Wobei ich natürlich eigentlich gar nicht als Soldat klassifiziert war. Trotzdem, eine Wa'ffe hätte ich gerne. Fast schon unterbewusst zog ich Mella etwas näher an mich heran, als wir uns wieder auf eine große Menschenmasse zubewegten. "Wehe du verschwindest jetzt wieder," sagte ich lachend und legte meinen Arm um ihre Schulter.


Mella

Wir sollten wirklich das Thema wechseln. Selbstverteidigung war zwar nicht ganz so schlimm wie Tötén, aber ... Ich würde mich gern normal mit ihm unterhalten. Natürlich war es nochmal eine andere Frage, was "normal" für uns bitte schön heißen sollte, aber konnte ich nicht wenigstens so tun? Ein kleines bisschen wenigstens?
Seufzend schüttelte ich den Kopf und hörte ihm weiterhin zu. Okay, also ... Er würde mir etwas zeigen, ja? Wenigstens das. Dann hatte ich ja auch etwas zu tun, wenn wir später nach Hause kamen - wobei ich nicht so recht verstand, wieso ich mich nicht selbst verteidigen durfte. Aber er hatte bestimmt schon seine Gründe und im Notfall musste ich eh selbstständig handeln, also von daher ...
Allerdings sah es so aus, als ob wir von dem Thema nicht ganz so schnell abkommen würden, was? Die Frage verstand ich ja sogar, immerhin war es ein recht gefährlicher Job und er könnte eine Wáffe garantiert gebrauchen. Ich hatte Vaters Methóden noch nie so richtig verstanden, um ehrlich zu sein.
"Ich- ... Ehrlich gesagt weiß ich das nicht so recht. Ich vermute mal, dass das damit zu tun hat, dass du noch ziemlich neu bist. Mit einer Wáffe scheinst du ja umgehen zu können, aber ... Vielleicht will er auch erst mal testen, wie du dich ohne schlägst? Wobei ich bezweifle, dass er das in der Öffentlichkeit machen würde. Uhm, also wenn du möchtest, kann ich ihn ja deswegen mal fra- Hey!"
Lachend schüttelte ich den Kopf und schnipste ihm leicht gegen die Stirn, als er mich ein Stückchen zurückzog.
"Wenn du mich schon so herausforderst, muss ich doch gIatt mal eine Runde Verstecken mit dir spielen! Aber ... Davor noch was anderes. Ehm, sag mal ... Du bist doch zur Schule gegangen, oder? Wie ... Wie war das denn eigentlich so?"
Ich wäre auch gern einmal gegangen, aber Vater hatte nicht mit sich reden lassen. Es war verständlich irgendwo, natürlich, doch es war dennoch unfair. Ehrlich, das ... Hilfe. Hatte Vater eine normale Schule besucht? Oder hatten Großvaters Geschäfte ihn daran gehindert? Allerdings war das Geschäft erst so richtig gewachsen, als Vater endlich Einfluss genommen hatte. Doch die viel zu beschützerische Ader von Großvater hatte er definitiv von ihm geerbt.
Hoffentlich hatte Alexey wenigstens von der Schulzeit ein paar schöne Erinnerungen! Es wäre auf jeden Fall ein angebrachteres Thema, insbesondere, wenn man in Betracht zog, dass wir uns mehr und mehr den Läden näherten und es vielleicht nicht allzu optimal wäre,wenn man uns über Wáffen reden hörte. Schließlich waren hier doch auch nur ganz normale Jungen und Mädchen, die sich ein paar Klamotten kaufen wollten, um vielleicht ihren Schwarm oder so etwas zu beeindrucken. Es- Vielleicht sollte ich ihn das einmal fragen? Ob er schon mal verliebt gewesen war? Wobei, es ... Wahrscheinlich war das ein bisschen zu persönlich. Am besten wäre es wohl, wenn ich erst mal auf seine Antwort wartete und mich danach auf meine To-Do-Liste konzentrierte.

Alexey

Also vertrauten sie mir wohl doch nicht so richtig. Das erschein mir zwar etwas naiv, immerhin könnte ich jederzeit in Mellas Zimmer schleichen und sie mit einem Kissen ersticken, aber ich nahm an, so würde ich immerhin nicht auch noch viele der Männer umbringen können, oder so. Na gut irgendwann würde ich schon noch eine Wa'ffe kriegen. Wenn ich denn überhaupt noch allzu lange hier bleiben sollte. Ich musste irgendwie an die Informationen an dieser Adresse kommen.
Die Menschen vor uns schnatterten laut vor sich hin, und als ich Mella zuhörte, zog ich sie instinktiv noch mal etwas näher an mich, "Wag es ja nicht", zog ich sie spielend auf und musste grinsen. Das war ja eklig, da lief ich neben der Tochter des russischen Mob Bosses durch die Moskauer Innenstadt und lachte mit ihr, über etwas, dass mich sehr wohl das Leben kosten konnte. Verdammt eigentlich konnte mich hier alles das Leben kosten, dass war mir gar nicht so klar gewesen. Mein Grinsen erstarb, nicht nur wegen der ständigen Bedrohung meiner Existenz, sondern auch wegen Mellas überraschender Frage. Nein, in einer richtigen Schule war ich nie gewesen, ich hatte Privat'unterricht gehabt, aber das würde ich ihr wohl schlecht sagen können. Ich erinnerte mich dunkel an den Namen der High School auf die Alexey Danshov gegangen sein sollte, die somit also vermutlich in meiner Akte vermerkt war, aber der Name würde sie vermutlich nicht zufrieden stellen.
"Äh ja ich war auf einer richtigen Schule," log ich vor mich hin, "Es war ziemlich langweilig. Nicht besonders viel ist passiert. So richtig gefeiert habe ich erst auf dem College. In der Schule war ich eher ein Streber. Die meisten wussten nicht mal, dass ich MMA gemacht habe. Ich hatte einen ganz guten Freund, aber sonst war ich eher ziemlich uncool. Aber es war jetzt nicht schlimm oder so, kein Mobbing. Es hat ehrlich gesagt einfach kaum jemand mit mir geredet. Der Unterricht war jetzt nicht super. Du bist wahrscheinlich deutlich gebildeter als ich," ich lachte leise, so für dramatischen Effekt, "von Politik und so verstehe ich nicht besonders viel. Naja, ich bin froh da weg zu sein, es war ganz schön monoton."
Ich strich mir durch die Haare. Das würde sie doch hoffentlich überzeugen, richtig? Ich meine was konnte man denn von seiner Schulzeit erzählen?


Mella

Lächelnd schüttelte ich minimal den Kopf und sah Alexey ein wenig schief an. Er sollte also ein Streber gewesen sein, ja? So sah er nun wirklich nicht aus. Aber man sollte ja niemanden nach dem Äußeren beurteilen, richtig? Intelligent musste er ja auch sein, wenn man bedachte, dass er studierte und sich bis zu diesem Posten gekämpft hatte. Vater nahm nicht einfach nur den stärksten Mann, den er auf die Schnelle finden konnte - da gehörte wirklich ein bisschen mehr dazu.
"Echt? Monoton? Aw, das ist schade ... Irgendwie hab ich mir das lustig vorgestellt, so mit anderen Leuten, Freunden ... Aber das kommt wohl immer darauf an, wo man hinkommt, nicht wahr?" Allmählich näherten wir uns dem Ziel.
"Aber gebildeter bin ich glaub ich nicht - wir haben einfach nur ganz verschiedene Dinge gelernt! Und auch, wenn du das vielleicht anders siehst, würde ich in manchen Sachen schon mit dir tauschen wollen ... A-aber na ja, auch egal. Mal was anderes ... " Hm, was könnte ich noch mit ihm bereden? Möglichst etwas Leichtes, etwas, das in einem Laden nicht allzu wirklich auffiel ...
"Also, falls du sonst irgendetwas brauchst, kannst du's natürlich einfach sagen. Ich weiß ja nicht, wie's mit deinem Gehalt aussieht, aber ... Vater weiß eh nie, was ich kaufe."
Okay, das war jetzt nicht unbedingt besser, aber- Himmel. Es- Das- ... Okay.
"Du kannst übrigens ruhig ein bisschen Abstand halten ...", murmelte ich ihm leise zu, "Hier sind eh so viele Leute, dass ich bezweifle, dass irgendjemand etwas versuchen würde. Und abhauen werde ich schon nicht, versprochen. Ich- Oh!"
Mit großen Augen rannte ich auf die Kleider zu. Wie wunderschön sie nur waren! Aber ... Warum sahen sie alle so ... So festlich aus? Natürlich brauchte ich etwas Festliches, aber ...
"Oh, das weiße Kleid ist so schön ... Aber das sieht aus wie ein Hochzeitskleid.", murmelte ich vor mich hin und schüttelte minimal den Kopf. "Vielleicht ... Das schwarze?" Sofort hüpfte ich nach oben, um es irgendwie zu fassen, doch letzten Endes half mir eine der Verkäuferin, es herunterzuholen.
"Alexey? Ich geh mich umziehen, ja? Kommst du mit?"
Ach, das würde er schon - sobald ich eine Umkleide gefunden hatte. Es war tatsächlich ein bisschen schwieriger als geplant, doch letzten Endes schaffte ich es, mir das schwarze Blumenkleid überzuziehen.
"Und, was meinst du? Oder ist das zu dunkel?"

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Alexey

Unbehaglich lief ich neben Mella auf den Laden zu. Sie schien mir meine Lüge geglaubt zu haben. Zum Glück redete sie immer soviel. Ihre Gedanken mussten so sehr hin und her springen, dass ihr bestimmt gar nicht auffiel wie nervös mich dieses kleine Verhör grade gemacht hatte.
"Also eigentlich brauch ich soweit nichts. Und das mit dem Gehalt hat noch niemand mit mir besprochen. Aber das wird schon noch kommen. Solange ich was zu Essen habe bin ich glücklich," lachte ich und versuchte die Tatsache zu ignorieren, dass mir der Komfort meines italienischen Lebens deutlich mehr fehlte, als ich je gedacht hätte. Ich war ja vollkommen verwöhnt...
Als wir den Laden betraten und Mella mich langsam wohl doch loswerden wollte, nahm ich meinen Arm von ihrer Schulter und verschränkte die Arme vor der Brust. Schade eigentlich, sie war eine perfekte Stütze gewesen.
Das Mädchen hüpfte gradezu auf die Kleider zu. Das sie überhaupt noch shoppen ging nach dem was Gesten passiert war, überraschte mich, aber ich entschloss mich das lieber nicht zu erwähnen. Sie plapperte vor sich hin, über Kleider und Farben, während ich meine Augen über den Laden schweifen ließ. Er wirkte nicht bedrohlich, aber das hatte die Boutique gestern auch nicht, und wir wussten ja wie das ausgegangen war. Als sie versuchte an ein Kleid zu kommen, dass sie offensichtlich auch durch hüpfen nicht erreichen konnte, überlegte ichkurz ihr zu helfen, aber sie sah so süß aus, wie sie sich vergeblich streckte und versuchte an den Stoff zu kommen, dass ich wartete bis sich ihr eine größere Verkäuferin erbarmt hatte. Fast sofort, davor rief sie mir noch etwas zu, stürmte das Mädchen schon wieder los. Resigniert trottete ich ihr hinterher, in Richtung Umkleiden.
Es dauerte gut zehn Minuten bis Mella wieder aus der Umkleide kam, ihre Alltagsklamotten durch das festliche Kleid ausgetauscht. Es stand ihr wirklich süß, wobei sie mir etwas zu dünn aussah. Sie wirkte so zerbrechlich, dass ich sie automatisch hochheben und an mich drücken wollte... Also natürlich nur, weil ich so in meiner Rolle versunken war. Eigentlich war sie mir natürlich egal. Ich schloss kurz die Augen, zählte bis drei und atmete tief durch. Dann blickte ich sie wieder an, lächelte und sagte voller Überzeugung: "Steht dir echt gut. Siehst zum Anbeißen aus. Viel besser als ein Hochzeitskleid. Und durch die Blumen wirkt es auch nicht zu dunkel."
Dann drehte ich mich demonstrativ in eine andere Richtung und scannte den Laden nach irgendwelchen, nicht existenten, Bedrohungen ab, damit sie das leichte rot auf meinen Wangen nicht erkennen konnte.

Mella

Aah, das Kleid war wirklich so unglaublich süß. Aber ... War das denn nicht doch zu dunkel? Zu traurig? Schließlich war das nichts für eibe Trauerfeier. Allerdings passten die Blumen auch nicht unbedingt zu einer Trauerzeremonie. Es- Hilfe. Warum war das denn nur so schwer? Dabei war es so schön und umgänglich ...
"Steht dir echt gut. Siehst zum Anbeißen aus."
Uhm- Was? Das- ... D-das-
Lachend schüttelte ich den Kopf und grinste, aber das leichte Rot in meinen Wangen konnte ich dennoch nicht verhindern.
"Was meinst du mit Anbeißen? D-du hast wohl doch noch nicht genug zu Essen bekommen, was? Sag mir einfach mal dein Lieblingsessen, dann können unsere Chefs das sicher mal einen Tag kochen."
Oder vielleicht würden wir das sogar selbst hinbekommen! Ich war zwar nicht die begabteste Köchin (und er vermutlich auch nicht), doch gemeinsam würden wir das sicher (mit ein bisschen Hilfe) schaffen.
"Aber danke für das Kompliment! Dann nehm ichs natürlich auf jeden Fall. Vielleicht haben sie noch irgendwelche Schuhe hier ... Ah, ich geh mich erst mal umziehen."
So kam man sicherlich besser durch den Laden. Schnell zog ich die Vorhänge zu und wechselte meine Kleidung. Er hatte sicherlich keine Lust, allzu lang zu warten - vielleicht konnten wir ja danach in einen Laden gehen, der ihm gefallen würde? Aber ... Was würde das denn sein? Vielleicht ein Buchladen? Als Literaturstudent sollte das doch eine Möglichkeit sein!
Wären schwarze Schuhe eine gute Idee? Oder doch lieber welche in der Farbe der Blümchen? Beides sah sicher süß aus, aber ... Am Ende sollte es auch nicht all zu schön sein. Schließlich war dieses Outfit ja nicht nur für mich ... Leider.
"Mhh, okay ... Hm ... Die sehen süß aus! Oder- Nein, die sind zu hoch, da fall ich noch hin ... Ah, die sind schön! Ob sie die in meiner Größe- yesss! Das haben sie!"
Wie ein glücklicher Pudel streifte ich mir die Schuhe über und lief ein paar Schritte.
"Jupp, das sollte funktionieren! Tanzen sollte auch gehen ..."
Grinsend nahm ich seine Hand und machte eine Drehung mit ihm. "Uuund 1 und 2 und 3 und 4! Ja, das klappt. Du bist ja ein toller Tänzer, haha."
Ach, er war echt süß. Ob er wohl gern Tschechov las? Oh! Vielleicht hatten sie auch irgendwelche Bilderbuchbänder über die Welt? Er war ja gestern so fasziniert vom Film gewesen. Vielleicht etwas über die Landschaften Italiens?
"Gut, dann wären wir mit dem ersten Geschäft fertig - nur noch schnell bezahlen. Es sei denn, du möchtest noch ein Kleidchen haben, huh?"

Alexey

Mella plapperte vor sich hin, aber ich vermied den Augenkontakt mit ihr. Mein Lieblingsessen... lauter italienische Gerichte gingen mir durch den Kopf, aber das schien bei den Russen ja nicht grade auf der Speisekarte zu stehen. Und ich würde mein Cover ganz sicher nicht wegen ein bisschen Lasagne gefährden. Sie war süß wie sie sich so verhaspelte. Aber wenn man so schnell sprach, dann war das wohl zu erwarten.
Mella hatte sich inzwischen den Schuhen zugewandt. Ihre Sätze brachte sie gar nicht erst zu Ende, so begeistert war sie von den Schuhen vor ihr. Als sie plötzlich meine Hand ergriff und ein paar Tanzschritte mit mir machte, war ich schließlich vollkommen überrumpelt. In Italien hatte ich oft Tanzunterricht gehabt, ich konnte auch Geige und Klavier spielen. Die Tage waren lang, wenn man zuhause unterrichtet wurde. Durch die vielen Stunden die ich mit Waltzer und Tango, Rumba, Foxtrott und Swing verbracht hatte, fiel es mir leicht auch so kurzfristig mitzutanzen. Vermutlich war es nicht besonders klug Mella zu zeigen, dass ich tanzen konnte, aber sie hatte so plötzlich damit angefangen, dass meine Muskeln ganz von alleine reagiert hatten. Als sie mich wieder loslässt, jagt Mella schon weiter, zur Kasse und redet übers nächste Geschäft.
"Nein ein Kleid brauch ich nun wirklich nicht," lache ich und blicke mich um. In meinem Augenwinkel sehe ich eine junge Frau, die mich beobachtet. Ob sie für Feinde von Mellas Vater arbeitet? Sie ist schön, typisch russisch, groß und elegant. Sie trägt ein enges Kleid, ein bisschen zu kurz, und blickt mir arrogant, aber nicht abweisend in die Augen. Seltsam.
Als Mella bezahlt hat, verlassen wir das Geschäft. Ich nehme ihr die Tüte mit dem Kleid ab und wir tauchen wieder in die Menschenmenge des Platzes ein. Die Frau, die mir eben noch aufgefallen ist, bewegt sich ebenfalls aus dem Geschäft hinaus. Ich spanne mich an, aber ich kann sie wohl kaum angreifen, wenn sie noch kein wirkliches Zeichen gegeben hat, dass sie uns gegenüber aggressiv gestimmt ist. Die Tatsache, dass ich, weder in ihrer Nähe, noch hinter irgendwelchen Ecke, Männer entdecken kann, die uns angreifen könnten. Auf diesem Platz bewegt sich alles und jeder und mit dieser einen Frau könnte ich es locker aufnehmen. Also, wenn das hier keine Falle, kein Hinterhalt, war, warum starrte sie uns dann so seltsam an? Ich richtete meinen Fokus wieder auf Mella, die immer noch vor mir durch die Menge huschte. Sie schien relativ zielstrebig, was ich für ein gutes Zeichen hielt.
"Kannst du vielleicht ein bisschen schneller laufen. Ich glaube uns folgt jemand," bat ich sie leise und sah mich nervös um. Die Frau war immer noch hinter uns, aber sie schien mir näher gekommen zu sein. Verdammt, das war gar nicht gut.
Unsicher drängte ich mich durch die Menschen, eine Hand schützend auf Mellas Schulter gelegt. Ich würde sie jetzt nicht wieder entführt werden lassen. Ich hatte gar keine Lust zu sterben.


Mella

Brauchte ich sonst noch etwas für heute? Schließlich würde ich wahrscheinlich nicht so schnell wieder die Gelegenheit bekommen, so sehr in die Öffentlichkeit zu gehen. Vater übertrieb ständig, weshalb allein das hier schon ein kleines Wunder war - würde er allerdings davon herausfinden, hätten wir ein klitzekleines Problemchen ... Vielleicht sollten wir (nun, ich) uns ja doch ein wenig beeilen. So weit war es ja nicht mehr bis zum Buchladen.
Alexey übernahm meine Taschen ohne zu fragen. Sollte ich ihm sagen, dass ich es auch selbst hinbekam? Vermutlich eher nicht, er sah irgendwie ... Angespannt aus. War er nicht gern in der Öffentlichkeit mit so vielen Menschen? Oder ... War irgendetwas nicht in Ordnung? Dabei sollte es doch eigentlich keine Probleme geben. Wer würde denn hier etwas versuchen? Mit all den Leuten, all den Hindernissen? Unsicher biss ich mir auf die Lippe und konzentrierte mich darauf, den Buchladen zu finden. Wenn etwas war, würde er es mir ja schon mitteilen, nicht wahr?
Als hätte er meine Gedanken gelesen, bestätigte er meine Zweifel keine Sekunde später. Warum musste das bitte jedes Mal passieren?
"Wer folgt uns?", fragte ich leise und beschleunigte meine Schritte, damit er nicht das Gefühl hatte, mich durch die Massen schieben zu müssen.
"Ich bin bald fertig, muss nur noch ein paar Bücher abholen - aber wenn uns wirklich jemand folgt, können wir eh nicht sofort nach Hause."
Das sollte ihm natürlich selbst klar sein, aber ... Wo sollten wir diese Person abschütteln? Vielleicht hatte Pjotr eine Idee, aber wenn er davon mitbekam würde er garantiert Vater darüber berichten, und dann war Alexey geliefert, egal, was ich sagen würde. Aber hey, vielleicht war es ja auch nur ein kleines Missverständnis und er war etwas paranoid? Konnte doch gut sein, besonders nach dem, was gestern passiert war. Da konnte man doch nur ein klein wenig übervorsichtig werden. Und da wir uns mittlerweile im Buchladen befanden, sollte sich das ganze sicher bald geregelt haben.
Allerdings wollte ich Alexey überraschen - sollte ich die Bücher dann nicht lieber ohne ihn holen? Aber jetzt, wo uns jemand verfolgte, würde uns er meine Seite wahrscheinlich für keine Sekunde verlassen. Was sollte ich denn bitte sagen? Wenn ich sagen würde, dass es eine Überraschung sein sollte, wüsste er ja davon - vermutlich würde er es mir noch ausreden wollen. Ich könnte mir was ausdenken, klar, aber was denn? Dass es peinliche Bücher waren und ich nicht wollte, dass er es sah? Aber was für Bücher sollten das bitte sein? Himmel. Warum war das denn so schwer? Es sollte doch eigentlich einfacher sein ...

Alexey

Mella betrat einen Buchladen und ich huschte hinter ihr durch die Tür. Innen roch es modrig, nach alten Büchern und dem Staub, der sich auf den Regalen sammelte. Unsicher beobachtete ich die Tür, durch die wir eben noch gekommen waren. Mella hatte natürlich Recht. Direkt nach hause konnten wir nicht, aber hier waren wir wohl erstmal sicher. In einer Ecke stand eine alte Frau und ich bezweifelte ernsthaft, dass die nette Großmutter von nebenan in einem Hinterhalt involviert war. Also warum war ich so angespannt?
Ich folgte Mella grade durch die Reihen an Büchern, als ich hinter mir das Klingeln der Glocke über der Tür hörte. Reflexartig drehte ich mich um. Mein Blick fiel auf die Frau, die uns verfolgt hatte. Sie war hübsch, beeindruckend fast schon. Mit ihren langen Beinen stakte sie auf uns zu, bis sie direkt vor mir stand.
"Hallo," hauchte sie und blickte mir tief in die Augen, "Ich heiße Anastasia."
Verwirrt sah ich sie an. Okay? Was wollte sie mir damit jetzt sagen? Unsicher warf ich einen Blick über meine Schulter. Bis auf uns drei, die Verkäuferin und die alte Dame, war der Laden leer, ich atmete aus und sah wieder zu Anastasia.
"Alexey," brachte ich heraus.
"Hmm Alexey, schön dich kennenzulernen," schnurrte die Frau fast schon und schließlich, endlich, erkannte ich, was sie von mir wollte. Kurios, wie paranoid man wurde, wenn einem von Geburt aus eingeredet wurde, dass man Niemandem vertrauen konnte.
Ich unterhielt mich ein paar Minuten mit Anastasia. Sie war ein paar Jahre älter als ich und stammte eigentlich aus Weißrussland. Ihre Stimme war samtig und leise, verführerisch. Erst als sie irgendwann hinter mich blickte und vermerkte: "Deine kleine Freundin ist weg." riss ich mich aus ihrem Bann und sah mich erschrocken um.
Wütend, ängstlich und schuldbewusst, eilte ich an Reihen von Regalen vorbei durch den Buchladen. Mein Herz drohte aus meiner Brust zu springen, so doll klopfte es. Was wenn ich Mella verloren hatte? Was wenn das doch eine Falle oder ähnliches gewesen war? Wie dumm konnte man eigentlich sein. Ich fühlte mich, als würde ich gleich umkippen, bis ich endlich an einem Regal mit Reiseführern und ähnlichen Büchern Mella wiederentdeckte.
Erleichterung ließ meine Wut verblassen, als ich sie schützend in meine Arme schloss.
"Was haust du denn einfach ab, nur weil ich mich unterhalte?" fragte ich mit müder Stimme und blickte Mella an. Schließlich ließ ich von ihr ab und steckte meine Hände in meine Jackentaschen. Mit meinen linken Fingerspitzen ertastete ich einen Zettel. Als ich ihn herauszog, erkannte ich darauf eine Telefonnummer und, in ordentlichem kyrillisch, "Ruf mich an - Anastasia". Unsicher ließ ich den Zettel wieder in meiner Tasche verschwinden und legte einen Arm um Mella.
Ich hatte wirklich keine Zeit für Ablenkungen.

Mella

Als hätte sie meinen stummen Hilfeschrei (gut, das war vermutlich ein wenig übertrieben) gehört, wandte sich eine junge Dame an Alexey. War das etwa die Person, die uns verfolgt hatte?Dabei sah sie doch keinesfalls gefährlich oder auffällig aus. Sie schien wie eine ganz normale, wenn auch definitiv etwas reichere junge Frau, welche auf einer kleinen Shoppingtour war. Im Grunde genommen war sie genauso wie ich -nur ein bisschen älter, größer, freier und ...womöglich auch etwas hübscher.
Aber wenn sie Alexey ablenken konnte, sollte ich das wohl nutzen, nicht? Viel Zeit hatte ich ja kaum, und da es so aussah, als müsste ich das Buch selbst finden, hatte ich keine Zeit zu verlieren.
Ein Reiseband ... Die mussten doch irgendwo bei den Büchern über Sprachen sein! Es dauerte nicht lang, bis ein dickes Buch in den Händen hielt. Das Glanzpapier zeigte wunderschöne Bilder der ganzen Welt - somit auch Italiens. Es war ein wirklich einzigartiges Buch - vielleicht konnte ich es mir ja irgendwann mal von ihm ausleihen. Wie es aussah, gab es ja leider keine weitere Ausga-
"H-huh?" Wer um alles in der Welt legte seine Arme um mi-
O-oh. Natürlich. Alexey. Das- Wie war ich darauf nur nicht gekommen?
Rasch biss ich mir auf die Lippe und blickte auf das Buch. Was sollte ich denn jetzt damit machen? Irgendwie verstecken, klar, aber das machte sich etwas schlecht, wenn Alexey direkt hinter mir war.
"Ehm, s-sorry, ich ... Du sahst nur so beschäftigt aus und es hat ja auch echt nicht lange gedauert. Uhm, ja, wie auch immer ... Uhm ... N-na ja, jedenfalls, ich bin jetzt fertig. Wir können gehen, ich geh nur noch schnell bezahlen. U-und ...uhm ..." Unsicher blickte ich für einen Moment auf, doch als ich seine erschöpften Augen erblickte, sah ich schnell mit roten Wangen weg.
"D-du musst mir nicht so sehr auf die Pelle rücken. I-ich renn schon nicht weg.", murmelte ich, während ich seinen Arm bestimmt von mir wegdrückte und stattdessen die Kasse ansteuerte.
"Eine gute Wahl", bemerkte die Frau an der Kasse mit einem sanften Lächeln, "Habt ihr etwa vor, die Welt zu bereisen?"
"U-uhm, wer weiß, irgendwann mal ...", antwortete ich rasch, schob ihr 5000 Rubel zu und verstaute das Buch in meinen Taschen.
"Lass uns gehen ... Pjotr wartet schon auf uns.", wechselte ich schnell das Thema und zog Alexey hinter mir her.
"Das ...Die Frau, mit der du gesprochen hast, war echt hübsch. Wer weiß, vielleicht brauchst du ja bald schon ein bisschen Freizeit?", bemerkte ich mit einem halben Grinsen, während wir uns irgendwie durch die Massen navigierten.

Alexey

Als Mella mich darauf hinwies, dass ich ihr zu nahe gekommen war zog ich mich, etwas peinlich berührt, zurück. Sie schien nicht zu verstehen, dass ich mir keine Sorgen darum machte, dass sie wegrannte, sondern darum, dass ihr Vater mich erschoss, weil die Bulgaren seine Tochter entführt und umgebracht hatten. Mein Leben war mit dem ihren unwiderruflich verknüpft, so lange, bis ich dieses verfluchte Land wieder verlassen konnte. Mella steuerte auf die Kasse zu und ich ging ein paar Schritte hinter ihr, die Arme vor der Brust verschränkt. Was kaufte sie eigentlich? Ich versuchte einen Blick auf das Buch zu erhaschen, aber sie drückte es so an ihren Körper, dass ich die Titelseite nicht sehen konnte.
Die Kassiererin fragte Mella etwas, aber ich hörte ihr nicht zu. Mir war peinlich wie ich auf Mellas Verschwinden reagiert hatte, wobei das nach dem Geheimgang in der Boutique gestern wohl noch irgendwo justifiziert war. Das eigentlich schlimme war ja, dass ich mich von Anastasia hatte ablenken lassen. Ich war jetzt nicht mehr so direkt für meine eigenen Sicherheit verantwortlich wie in Italien.
Ich musste Mella beschützen um mich zu beschützen. Das konnte einen ganz schön verwirren. Die Linien zwischen den Zusammenhängen verschwammen schnell und man vergaß wen man wirklich beschützen musste und warum. Es passierte viel zu schnell, dass man sich in seiner neuen Rolle verlor. Ich musste vorsichtig sein, Mella nicht wirklich über meine eigene Sicherheit zu stellen. Wenn es wirklich hart auf hart kommen würde, hätte ich immer noch die Möglichkeit aus Russland zu fliehen. So schnell es ging.
Aber jetzt grade war sie noch sicher und somit war ich auch sicher. Wir traten aus dem Laden und schlängelten uns erneut durch die Menschenmassen.
"Das ...Die Frau, mit der du gesprochen hast, war echt hübsch," sagte Mella. Verwundert blickte ich zu ihr. Sie fügte noch etwas über Freizeit hinzu. Mein Gesicht wurde heiß und ich blickte auf den Boden. Nicht weil mir dieser Kommentar peinlich war, sondern weil ich plötzlich unglaublich heiße Wut fühlte. Anastasia war hübsch, ja, aber sie war auch aus Weißrussland.
Egal welche Nationalität meine Mutter, hatte, ich war ein Italiener und ich würde bestimmt nicht mit irgendjemandem, der in Russland lebte anbändeln. Und ich würde mich von keiner weißrussischen Frau ablenken lassen. Dafür gab es Italienerinnen, die mir in ein paar Monaten wieder zur Verfügung stehen würden. "Ich brauche sicher keine Freizeit um mit einer Frau Zeit zu verbringen," knurrte ich, das Wort Frau fast schon beleidigend, abwertend. "Also, ich meine, ich will nichts von Anastasia." fügte ich sanfter hinzu. Ich glaubte nicht, dass Mella meine Abwertung besonders amüsant finden würde.

Mella

Was machte ich eigentlich, wenn er frei hatte? Es kam ehrlich gesagt nicht oft vor, dass irgendjemand meiner Bodyguards wirklich für längere Zeit frei hatte. Sie wohnten schließlich bei uns und die meisten hatten zu viel Angst vor meinem Vater - oder eher den Folgen, die sie erleiden würden, wenn sie ihn wütend stimmten. Die meisten waren nie länger als drei Tage am Stück ferngeblieben. Es war sicher nicht der beste Job, den man sich vorstellen könnte. Woher hatten sie nur immer all die Anwärter für diesen Beruf? Immerhin wurde ihr ganzes Leben von fortan dadurch bestimmt. Es ... Wahrscheinlich hatten die meisten einfach keine andere Wahl. Oder dachten es zumindest.
Es- Moment. Er war doch nicht etwa wütend, oder? Es klang jedenfalls so. War doch etwas schief gegangen? Aber sie schienen doch ganz schön zufrieden, nicht? Oder hatte er einfach schlechte Erfahrungen mit Frauen? Oder-
"Hey, kein Grund so launisch zu werden. ", seufzte ich mit einem Kopfschütteln und grinste ihn belustigt an, " Ich meine, klar, du musst deine Zeit nicht mit Frauen verbringen - wenn Männer dir lieber sind, gerne doch, für mich ist das kein Problem - wär aber vielleicht besser, wenn du das nicht zu laut hier rum pósaunst. Könnte dir Probleme einbringen."
Oh, das schien ihm keineswegs zu gefallen, hm? Wenn Blicke tötén könnten, würde er womöglich einen wundervollen Auftragskiller abgeben. Ob ich wohl einen kleinen Bonus bekommen würde, wenn ich ihn sozusagen "motivierte"?
"Jaa, ja, schon gut, ich lass es . Aber du solltest, sobald du dazu mal die Gelegenheit hast, ein bisschen mehr unter Leute gehen. Und wenn das von jemandem wie mir kommt, sollte dir das zu bedenken geben.", bemerkte ich lachend. Ich sollte auch mal wieder mehr unter Leute gehen, aber das gestaltete sich nun einmal schwieriger als gedacht. Das nächste Mal, dass ich mit mehrere jungen Menschen zu tun haben würde, wäre wohl, wenn wir die Japaner und Chinesen das nächste Mal sehen würden. Wann war das noch gleich? In ... drei oder vier Tagen? Wahrscheinlich sollte ich nochmal nachfragen. Zwar hatte ich jetzt alles mehr oder weniger beisammen, aber ein wenig Vorbereitung würde mir doch gut tun. Besonders, da ich vermutlich nochmal meine Sprachkenntnisse auffrischen sollte. Vermutlich sollte ich wohl damit anfangen, sobald ich zuhause war, huh?

Alexey

Das Mädchen verspottete mich doch.
"Ich habe keine generelle Abneigung gegen Frauen, ich bin nur einfach meinem Job ergeben." sagte ich, die Wut in meiner Stimme unterdrückt. Ich sah sie genervt an, als sie mir erklärte, dass ich mehr unter Leute kommen musste. Meine Gedanken schweiften zu Emma, zu Matteo. Nach Italien. Es war ja wohl Mellas Schuld, dass ich hier festsaß.
"Nun vielleicht hast du Recht. Ein bisschen Freizeit würde nicht schlecht sein. Vielleicht einen Tag oder so," sagte ich schließlich und wendete mich wieder Mella zu, "Allerdings scheint dein Vater nicht mein größter Fan zu sein, also weiß ich nicht, ob er das erlauben würde."
Ich brauchte allerdings in den nächsten paar Tagen etwas Zeit um zu der Adresse zu gehen, die mir Matteo vorhin gezeigt hatte. Dort wartete ja vermutlich etwas wichtiges auf mich und da konnte ich Mella schlecht einfach mitnehmen.
"Geht ihr eigentlich in die Kirche? Oder seid ihr nicht gläubig?" erkundigte ich mich. In Italien war ich öfter von meinem Vater in die Kirche geschleift wurden, aber, während ich das Christentum irgendwie als gegeben akzeptierte, hatte ich mich nie so richtig auf diesen Glauben einlassen können. Die orthodoxe Kirche in Russland allerdings, erschien mir wie ein guter Platz um das Verhalten von Mellas Vater zu beobachten. Vielleicht konnte man dort sogar einen Hinterhalt planen um diese Russen ein für allemal auszurotten. So oder so würde ich von einem gläubigen Arbeitgeber vermutlich profitieren.
Nach minutenlangem Gedrängel durch die Menschenmenge standen wir endlich wieder vor der Limousine mit Pjotr. Ich hielt Mella die Tür auf und ging dann um den Wagen herum, um an der anderen Seite einzusteigen. Als wir saßen, ruckelte das Auto langsam los und fädelte sich in den Moskauer Verkehr ein.


Mella

Oh ja, mein Kommentar hatte ihn definitv aufgebracht. Es war irgendwie süß, wie er trotzdem noch versuchte, sich zusammenzureißen. Er wusste vermutlich, dass er sonst Probleme bekommen würde. Vater konnte da wirklich ein bisschem überreagieren, was?
"Ja, ich schätze, Vater ist nicht allzu großer Fan von dir, hm ... Na ja, noch nicht zumindest, du brauchst einfach nur ein wenig Zeit. Hattest 'nen schlechten Start, würde ich sagen. Ist aber auch schon eine Weile her, seit so was passiert ist."
War vermutlich nicht allzu hilfreich oder tröstend, aber es war nun mal die Wahrheit. Vater war bestimmt auch nur so streng mit ihm, weil er so jung und neu war. Die zwei würden sich bestimmt noch besser verstehen, früher oder später, nicht? Bei all der Zeit, die wir miteinander verbringen mussten ... "Hn? Kirche? Wie kommst du denn da drauf?", fragte ich etwas verwirrt und legte einen Finger an meine Lippe.
"Jedenfalls ... Na ja, das letzte Mal, als wir in der Kirche waren, müsste jetzt auch schon wieder 'ne kleine Ewigkeit sein ..."
"Das letzte Mal war bei deiner Taufe, vor elf Jahren", klinkte sich Pjotr mit einem schwachen Lächeln ein.
"Ah, genau! Na ja, eigentlich nicht so wirklich. Zumindest keine öffentliche Kirche, aber wir haben so 'ne Art Gebetraum, schätze ich. "
Den nutzte aber auch niemand wirklich. Manche von ihnen war relativ religiös, wie etwa Pavlov oder Krushnikov, aber ... Auch wenn die meisten von ihnen kirchlich erzogen worden waren, hatten sie dies seit Langem abgelegt.
"Aber was deinen freien Tag angeht ... Vielleicht kriegen wir das schon recht schnell hin. Die nächsten paar Tage werde ich eigentlich nur zuhause sein und mich vorbereiten, da brauchst du nicht wirklich da sein. Vielleicht lässt sich da ja was machen."

(wollen wir bisschen skippen? vllt zur Lieferung oder zum Treffen mit den Chinesen or whatever)

Antworten

malitsuki

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Re: crossfire || Amary & ich

von malitsuki am 06.09.2019 16:44

Alexey


Ich nahm Mellas Antwort schweigend hin. Was hätte ich auch sonst machen sollen, ich konnte ja nicht einfach nachgucken, ob sie die Schrift wirklich weggekriegt hatte. Aber mir fiel kein Grund für sie ein zu lügen, also glaubte ich ihr einfach. Unsicher nahm ich das Tuch, welches sie mir hinhielt und befeuchtete es. Während ich den Schnitt auf meiner Wange säuberte begann sie hinter mir auf ihrem Bett über Filme zu reden. Ich hörte ihr so halb zu während ich versuchte auszumachen ob meine Lippe noch blutete. Unwillkürlich drückte ich auf der, sich langsam bildenden, Schwellung herum. Der Schmerz in meinem Mund war ein seltsames Gefühl.
Irgendwann wandte ich mich von meinem Spiegelbild ab. Fast sofort wurden mir zwei DVDs in die Hand gedrückt. Mella rauschte an mir vorbei in Richtung Dusche während ich mir die Beschreibungen der Filme ansah.
Die Tatsache, dass beide Filme, zumindest teilweise, in Italien spielten, war an sich schon ironisch genug, aber der eine war sogar in Sizilien gedreht worden. Da beide irgendwie von der Handlung her nicht besonders interessant erschienen, wählte ich, aus einem plötzlichen Anfall von Sentimentalität den Film der auf meiner Heimatsinsel gedreht worden war.
Er handelte von einem Mädchen, das aus reichem Hause stammte und dem Sohn eines Businesspartners ihres Vaters versprochen war. Da sie ihn aber eigentlich (natürlich) nicht heiraten wollte, schlich sie sich eine Woche vor der Hochzeit, von zu Hause weg und lernte dann den jungen, Punk-rock liebenden Rebellen mit Spitznamen Malo kennen, welcher wiederrum der Sohn einer Frau war, die als Haushälterin für den Vater des Mannes arbeitete, dem das Mädchen versprochen war.
Die Geschichte erstreckte sich auf Wikipedia auch noch weiter, aber Mella betrat den Raum wieder, weshalb ich mein Handy wegpackte. Außerdem wollte ich das Ende des Filmes ja auch nicht von Anfang an wissen.
"Ich glaube auch, es wäre nicht die beste Idee dir noch eine Geschichte zu erzählen," stimmte ich lachend zu. Ich hatte eh keine ausgedachten Geschichten mehr so einfach parat. Ich zeigte ihr den Film, den ich mir ausgesucht hatte und legte die DVD dann in den Spieler.
Als der Film anfing zu spielen, setzte ich mich vor Mellas Bett auf dem Boden. Ich hatte keine Lust wieder von ihr rausgeschmissen zu werden und außerdem wollte ich kein Blut auf ihr Bett tropfen lassen. Deshalb lehnte ich mich einfach an ihr Bett und sah dem Film zu.

 

Die Geschichte war nicht besonders ergreifend, die beiden Protagonisten, waren so übertrieben verliebt, dass selbst ein Blinder hätte erkennen können, dass das im echten Leben nie so passieren würde. Aber ich konzentrierte mich eh nicht auf die Handlung. Immer wieder erkannte ich Straßenecken von Palermo, wo der Film offensichtlich zum Teil gedreht worden war. Jedes mal musste ich aufpassen nicht aufgeregt zu glucksen, während all meine Erinnerungen an die Stadt auf mich einfluteten. Soweit die Russen wussten, war ich noch nie im Ausland gewesen und hatte deshalb auch gar keinen Grund mich über Bilder von gelben Hausecken und alten Restaurants so zu freuen.


Mella

Hoffentlich dauerte es nicht allzu lang, bis ich einschlief. Momentan hatte ich sowieso keine Lust auf irgendwelche allzu komplexen Geschichten, weshalb es wirklich egal war, welchen Film wir uns denn nun ansahen. Wohl eher, welchem ich zuhören würde, denn ich bezweifelte, dass ich meine Augen allzu lang aufhalten können würde.
Wenigstens nahm Alexey es mit Humor. Es .. War das das erste Mal, dass ich ihn lachen hörte? Also ... So ganz ehrlich, nicht ironisch oder verbittert? Er hatte eine niedliche Lache, irgendwie ... Sie war nicht ganz so rau und "furchteinflößend" wie der Rest seines Auftretens. Dennoch passte es zu ihm - vielleicht sollte ich ja mal versuchen, ihn zum Lachen zu bringen? Irgendein paar dumme Witze würden mir doch schon einfallen ...
"Ah! Die Schnulze also ... Hm, die hat sogar 'nen italienischen Titel! Cool ... Mann, meine Italienischstunden sind auch schon eine Weile wieder her ..."
Müde ließ ich mich auf mein Bett gIeiten und schielte für einen Moment zu Alexey. Hoffentlich war es da unten auf dem Boden nicht allzu bequem.
Die Geschichte war ganz niedlich - nichts besonderes, aber definitiv etwas Schönes zum Einschlafen. Allerdings gab es da tatsächlich etwas, das mich noch einen Moment länger wach bleiben ließ. Bildete ich mir das nur ein oder war da der Hauch von einem Lächeln auf seinem Gesicht zu sehen? Aber doch nicht etwa wegen dieser Geschichte, oder? Nein, das konnte es nicht sein. Er war bestimmt kein Mann des Kitsches. Allerdings ... Irgendetwas musste es ja sein, was? Besonders die Szenerienshots schienen ihm ja gut zu gefallen ...
"Italien ist echt schön, was? Da würde ich auch gern mal hin ... Aber wenn ich das meinem Vater sage, denkt er noch ich hab den Verstand verloren oder hab eine Gehirnwäsche bekommen oder ... Was auch immer." Seufzend flocht ich meine Haare, damit ich ein wenig zu tun hatte- sonst würde das hier noch viel zu traurig werden.
"Ich meine, ich weiß ja, dass nichts Gutes dabei rauskommen würde, wenn ich nach Italien gehe - besonders Sizilien - aber ... Vielleicht ja mal, wenn ich älter bin oder so. Ich ... Ich will nicht erst verreisen können, wenn ich zu alt dafür bin, weil ich sonst Angst haben muss, dass irgendjemand micht entführt oder umbringt."
Langsam rappelte ich mich auf und legte den Kopf schief.
"Ich meine, ganz ehrlich - warum lerne ich die Sprache überhaupt, wenn ich sie dann nicht mal sprechen darf? Das ist doch dämlich. Absolut dämlich."
So viel dazu, dass der Film mich ein wenig beruhigen würde - aber zumindest hatte es mich auf andere Gedanken gebracht. Ob die nun besser war, darüber ließ sich streiten, jedoch ... Auf jeden Fall nicht ganz so traurig?
"Ehrlich, ich ... Ich verstehe die Sprache ganz gut, aber meine Aussprache ist vermutlich grottenschlecht. Ich- ... Sorry, du willst wahrscheinlich einfach nur den Film gucken. Schätze, wir werden wohl beide nicht allzu schnell nach Italien kommen ... Na ja, wenigstens haben wir den Film, was?"


Alexey

Als Mella anfing über Italien zu reden, musste ich mich zusammenreißen um nicht aufzuzucken. Hatte sie meine verdammten Gedanken gelesen? Unsicher drehte ich mich zu ihr um und hörte ihre Redeschwall zu. Sie war noch nie in Italien gewesen. Natürlich nicht. So in der Reisefreiheit eingeschränkt zu sein war irgendwie ganz schön traurig. Vor allem, wenn sie italienisch verstand. Bevor ich noch etwas dummes sagen konnte, schob ich mein Mitleid für sie in die hinterste Ecke meines Bewusstseins.
"Warum kannst du denn nicht nach Italien?" stellte ich mich dumm. Immerhin würde ein normaler russischer Literaturstudent nichts von den Beziehungen verschiedener internationaler Verbrechensorganisationen wissen. Und mich hatte ja noch niemand in irgendetwas eingewiesen. Also würde es sogar weniger Sinn für mich machen nach zu fragen.
"Mich interessiert Italien eigentlich gar nicht. Ich war einfach noch nie außerhalb von Russland. Ich würde gerne mal die Welt sehen," log ich locker vor mich hin und wandte meinen Blick wieder dem Film zu. Nachdem es Mella offensichtlich aufgefallen war, dass ich ein Interesse in der italienischen Szenerie zeigte, schloss ich diesmal relativ schnell meine Augen. Ich wollte nicht, dass sie noch Verdacht schöpfte. Den Tod wäre nicht einmal Palermo wert.

Irgendwann musste sich mein Bewusstsein verabschiedet hatten, denn das nächste Mal, dass ich meine Augen aufschlug, war der Film augenscheinlich schon fast zu Ende. Gähnend rieb ich meine Augen und blickte dann auf meine Armbanduhr. Es war fast 1 Uhr morgens. Der Tag war viel zu schnell vergangen. Noch einmal gähnte ich, dann richtete ich mich auf und ging durch die Verbindungstür hinüber in mein eigenes Zimmer.

Ich hatte erwartet, dass mir meine Augen sofort wieder zufallen würden, sobald mein kopf das Kissen berührte, aber nichts dergleichen geschah. Stattdessen rasten meine Gedanken um Italien, Sizilien und meine Männer zuhause. Die Angst davor jede Minute aufzufliegen und erschossen zu werden, die mich, ob aktiv oder passiv, jede Minute hier in Russland begleitete, würde über Dauer bestimmt an meiner Psyche herum***n. Ich wollte niemanden beschützen, das passte doch überhaupt nicht zu mir. Ich vermisste die Sicherheit meines Hauses in Italien. Meine Gedanken kreisten immer wieder um mein Zuhause und Russland um meine Männer und um Mella. Ich war nicht ansatzweise sicher genug in meinem *** auf das kleine Mädchen. Natürlich verachtete ich erst einmal alle Russen, aber bei ihr fühlte sich das, aus irgendeinem Grund, so verdammt falsch an. Vielleicht weil sie so hilflos aussah, am Tag zuvor und generell, aber ich wusste, dass ich schnellstens Motivation finden musste alle Sympathie für das Mädchen aus meinen Gedanken zu verbannen. Ich konnte sie nicht mal tolerieren. Das wäre eine Schwäche.
Und ich hatte keinen Raum für Schwäche.


Mella

Diese Nacht hatte ich überraschend gut geschlafen, wenn ich einmal bedachte, was ... Was gestern alles passiert war. Vom Film war nicht mehr allzu viel in meinem Kopf übrig geblieben, aber das war auch nicht wirklich der Sinn gewesen. Zum Einschlafen hatte es ja geholfen ... Zumindest nach der kleinen Italien-Diskussion. War das eigentlich nur in meinem Traum gewesen oder hatte er mich ehrlich gefragt, wieso ich nicht nach Italien konnte? Ich wünschte, mir ging es genauso. Italien war wirklich schön, zumindest in Filmen ... Vermutlich war es in der Realität noch besser, wenn man bedachte, was für schönes Essen es dort noch gab. Und die Strände! Es- ... Hilfe. Irgendwie musste es doch eine Möglichkeit geben! Irgendeine, die Vater überzeugen könnte.
Seufzend schüttelte ich leicht den Kopf und rappelte mich allmählich auf. Wie spät war es denn eigentlich? In meinem Zimmer war es trotz all den riesigen Fenstern immer viel zu dunkel. Nicht, dass es wichtig wäre, wann ich aufstand (solange ich irgendwann aufstand). Leise gähnend rieb ich mir über die Augen, bevor ich mich langsam aus dem Bett rollte. Für den heutigen Tag stand vermutlich nicht allzu viel an. Soweit ich wusste, hatte mein Vater ein paar wichtige Geschäfte zu erledigen, also würde er vermutlich nicht den ganzen Tag zuhause sein. Termine hatte ich selbst vorerst keine und wenn dem wirklich so wäre, dann hätte er sie vermutlich längst abgesagt.
Langsam tapste ich an meinen Kleiderschrank und zog wahllos ein blaues Seidentop sowie eine luftige schwarze Hose heraus.
Eigentlich war es ja komplett egal, was ich zuhause trug, doch ... Wenn Vater nicht da war, dann ... Dann wäre doch ein kleiner Trip nach draußen möglich, nicht wahr?
"Guten Morgen, Schlafmütze!", meinte ich lächelnd und betrat sein Zimmer nach kurzem Anklopfen ... Nur, um festzustellen, dass er längst wach und angezogen war. So viel zu dem Thema.
"Also dann, Frühstück! Siehst so aus, als könntest du was vertragen."
Ich war sowieso am Verhungern und nach all dem, was er gestern machen musste, ging es ihm sicher nicht anders.
"Weißt du ... Vielleicht können wir ja heute noch mal rausgehen! Ich meine, rein theoretisch brauch ich ja immer noch ein Kleid ... Und wenn wir in die Öffentlichkeit gehen, glaube ich ehrlich gesagt, dass sich weniger Leute an mich rantrauen. Oder ... Wir gehen eben keine Sachen kaufen, aber ich weiß ganz genau, wo wir auf jeden Fall hingehen können." Mit einem leisen Summen lief ich mit Alexey den Flur hinab. Die meisten Türen waren verschlossen (logischerweise), aber hier und da bekam man einen kleinen Einblick in Szenarien, die man vielleicht lieber verpasst hätte.
"Guten Morgen, Sascha! Hast du ein paar Blini für uns?"
"Ah, Mella, schon so früh wach? Na klar, für dich doch immer!"
Also war es wohl noch vor zehn. In der letzten Zeit hatte mein Frühstück sich stets um ein paar Stunden verschoben - oder es war einfach komplett ausgefallen.
Keiner der anderen Männer befand sich derzeit im Essenssaal, vermutlich, weil sie alle im Moment zu tun hatten.
"Hier, nimm dir 'nen Teller. Du kannst alles nehmen, was du willst!" Lachend schnappte ich mir ein paar Erdbeeren und einen Apfel.
"Falls du es nicht schaffst, ess ich's für dich auf, keine Sorge."
Klar war es nur ein kleiner Witz, doch mein Magen hielt auf jeden Fall eine Menge Essen stand. Besonders jetzt, da ich mal wieder überraschend hungrig war.
"Weißt du, was du mal wieder kochen könntest? Pizza."
Mit hochgezogenen Augenbrauen sah Sascha mich schief an.
"Melly, ich glaube nicht, dass die Männer allzu begeistert davon wären ..."
"Ach, komm schon, Pizza ist doch mittlerweile nicht mehr nur das Essen der Italiener. Die ganze Welt isst Pizza." Seufzend schüttelte ich den Kopf und belud ihn mit Blini.
"Nur wir nicht, weil ihr alle euch wie sture zickige kleine Mädchen benehmt."
Schmollend setzte ich mich an den nächsten Tisch und nahm einen Schluck Wasser. Ehrlich, selbst solche Kleinigkeiten waren so schlimm? Und sie sagten, dass ich mich wie ein Kind benahm.


Alexey

Der nächste Morgen kam viel zu früh. Ich war mir nicht sicher ob Mella schon wach war und ich würde ganz sicher nicht den erneuten Fehler begehen nachzusehen. Das Mädchen hatte mich erst gestern vor ihrem Vater gerettet und ich war mir sicher, dass sie das sehr einfach und schnell noch rückgängig machen würde können. Also machte ich mich fertig und setzte mich dann, angezogen, auf den Rand des Bettes. Mein Vater hatte nicht spezifiziert wann diese kleine "Mission" enden würde, aber es klang als gäbe es laut ihm nur zwei mögliche Ausgänge; entweder den Krieg mit den Russen in dem ich Mella als Druckmittel nach Italien brachte, oder ein friedliches Ende des Konfliktes zwischen unseren beiden Familien. Darüber was passieren würde wenn die Situation einfach so bleiben sollte wie sie jetzt war, hatte er entweder nicht nachgedacht oder einfach nicht mit mir geredet.

Als das Mädchen den Raum betrat sah ich auf und grinste sie an. Ich hatte tatsächlich Hunger, aber selbst wenn das nicht der Fall gewesen wäre, hätte ich meine Meinung in dem folgenden Redeschwall von Seiten des Prinzesschens wohl kaum unterbringen soll. Ich folgte ihr durch die Gänge des Gebäudes, den Blick auf sie gerichtet und hörte ihr zu. Der Plan erneut auch nur einen Fuß vor diese Tür zu setzen, erschien mir auf ein paar Arten lebensmüde, aber das würde ich ihr garantiert nicht mitteilen. Am Ende initiierte sie grade irgendeinen Test.
Wir betraten die Küche, was das Gefasel des Mädchens zwar nicht linderte, aber wenigstens in eine andere Richtung lenkte. Sie gab mir einen Teller, den ich kurzerhand mit Blini und Rührei belud, dann setzte ich mich neben sie. Mella war grade dabei sich bei der Köchin darüber zu beschweren, dass sie keine Pizza kochte. Ich blieb still und kaute auf meinem Ei herum. Die Pizza einer Russin konnte eh nicht so gut schmecken wie wahre italienische Pizza. Trotzdem fand ich die Vorstellung lustig, dass sich die Russen weigerten italienische Speisen zu sich zu nehmen. Italienisches Essen war nunmal das Beste der Welt und sich so etwas freiwillig vorzuenthalten erschien mir doch etwas extrem.

Nachdem wir fertiggegessen hatten stellten wir unsere Teller in das Waschbecken der Küche und begaben uns, auf meinen vorsichtig geäußerten, Wunsch hin nochmal zurück in mein Zimmer. Ich hatte noch keine *** erhalten, was meiner Meinung nach irgendwie undurchdacht war, aber dafür hatte ich gestern ein paar dunkle, teuer aussehende Anzüge in meinem Schrank gefunden. Ich nahm mal an, dass solch klassische Kleidung als psychologische Taktik genutzt wurde.
Sie für einen Ausflug nach Moskau anzuziehen, erschien mir jedoch übertrieben, weshalb ich sie ignorierte und weiter durch meinen Kleiderschrank suchte bis ich das gefunden hatte, was ich suchte. Eine Ahle. Das kleine Instrument, welches benutzt wurde um zum Beispiel Löcher in Gürtel zu bohren hatte eine dünne, aber extrem scharfe Spitze. Wenn das Mädchen uns schon beide in Lebensgefahr bringen musste, dann würde ich mich wenigstens irgendwie bewaffnen. Als ich die Ahle in der Innentasche meines Mantels verstaut hatte, sah ich zu dem Mädchen hinter mir und grinste sie schief an.
"Also wenn du willst können wir jetzt meinetwegen los."


Mella

Sascha sollte sie wirklich mal nicht so haben ... Solange sie das Essen machte, würde es auf alle Fälle schmecken, ohne Frage! Sie konnte alle möglichen Gerichte zaubern und sie würden köstlich schmecken. Selbst etwas, das nicht traditionell russisch war. Zu meinem Geburtstag hatte sie es ja schließlich auch geschafft, mir ein paar Frühlingsrollen mit asiatischen Nudeln zu machen und es hatte besser geschmeckt als vom Bestellservice. Es machte zwar Sinn, dass sie keinen Ärger mit meinem Vater wollte, doch ... Himmel.
Wenigstens hatten wir ein gutes, füllendes Frühstück zu uns genommen. Da stand einem Trip nach Moskau doch nichts mehr im Wege? Zumindest theoretisch, in der Praxis gab es eine Menge Hindernisse, die wir vielleicht nicht überqueren sollten, aber ... Wenn ich es nicht tat, dann würde ich es womöglich nie tun. Und was für ein Leben würde ich dann führen? Ein beschíssenes, ein absolut beschíssenes. Wie war das noch gleich? "We're here for a good time, not a long time"? Ich würde vielleicht so oder so keine lange Zeit auf Erden haben, also konnte ich genauso gut das Beste daraus machen.
Nachdem Alexey sich mehr oder weniger bewáffnet hatte (wobei mir allein beim Gedanken daran, dass er dieses Ding benutzen würde, um vielleicht jemandem die Augen auszustechen Angst einjagte), nickte ich lediglich lächelnd und verließ mit ihm das Zimmer.
Pjotr stand pünktlich wie eh und je am vereinbarten Ort, auch, wenn er nicht allzu glücklich aussah. Auf seinem Gesicht spiegelten sich Sorge und Angst wider, was ich ihm ehrlich gesagt nicht ganz verübeln konnte. Es fiel ihm vermutlich schwer, sich gegen meinen Vater zu widersetzen. Wobei ... Er hatte es ja nicht ausdrücklich verboten, richtig? Und das letzte Mal, dass ich tatsächlich in "der Öffentlichkeit" geweden war, war doch schließlich auch gut gegangen ... Wenn man von den kleinen Schäden im Laden mal absah.
"Ich halte das nicht gerade für eine gute Idee, junge Dame.", beklagte sich Pjotr unsicher, während wir in den - heute ausnahmsweise sogar relativ unauffälligen - Wagen stiegen.
"Tja und ich halte es für eine fantastische Idee! Ehrlich, Pjotr, es ist doch gerade mal um halb elf, das ist viel zu früh für irgendwelche Sorgen. Und glaubst du echt, dass die Bulgaren so früh nochmal was probieren werden? Und doch sowieso nicht inmitten von Moskau, da wissen sie, dass sie keine Chance haben. Keine Angst, ich verspreche dir, dass heute viiiiel sicherer wird als gestern."
Grinsend schielte ich zu Alexey herüber und zwinkerte ihm zu.
"Nicht wahr?"
Viele Menschen empfanden die Moskauer Innenstadt als so schrecklich überfüllt, aber für mich war es gerade das, was sie so schön machte! Immerhin konnte ich dann ungestört und unbeachtet durch die Gegend schlendern, ohne mir auch nur einen einzigen Gedanken um meine Sicherheit zu machen.
Nach gut zehn Minuten hatte ich Pjotr sogar soweit, dass er das Radio für ein bisschen Musik einschaltete. Es kam zwar nur der typische, russische Pop-Rock, gelegentlich mit etwas Amerikanischem dazwischen, aber es war trotzdem schöner als nur Alexey's Schweigen und Pjotrs Nervosität ausgesetzt zu sein. Seiner Meinung nach sollten wir wenn dann schon aufs GUM zusteuern, doch ich bestand auf Kuznetsova Plaza.
Es dauerte eine kleine Weile, dank den charmanten Staus in der Innenstadt, doch gegen viertel Zwölf hatten wir schließlich das Center erreicht.
"Danke Pjotr! Ich sag dir Bescheid, wenn du uns abholen kannst, könnte eine Weile dauern ... Bis dann!"
Zufrieden mit mir selbst stapfte ich mit Alexey im Gepäck auf den steinigen Straßen des Platzes.
"Mann, hier sind ja echt viele Touristen ...", murmelte ich leise vor mich hin und versuchte, auch nur irgendwelche der Sprachfetzen die ich aufschnappte zu verstehen. Da waren auf jeden Fall Amerikaner, vereinzelt Deutsche, ein paar Ukrainer, Franzosen- Italiener!
"Aaah! Wahnsinn! Ich glaub ich versteh sogar was von dem was sie sagen!" Strahlend versuchte ich ein paar Schritte näher heranzukommen. Klar war es unhöflich, die Gespräche anderer zu belauschen, aber das war ja eigentlich auch gar nicht mein Ziel. Ich wollte nur herausfinden, ob mein Vokabular für den Alltag ausreichend war. Sie schienen recht jung zu sein, wahrscheinlich so in meinem Alter, und sie redeten über irgendwelche Ware ... Über Kleider? Was wollten denn zwei junge Männer mit Kleidern? Vielleicht für ihre Freundinnen oder für ihr Geschäft, aber wie es aussah, haute irgendetwas mit der Lieferung nicht ganz hin und ihr Boss hatte sie damit beauftragt, es der Lieferfirma mitzuteilen ... Merkwürdig.
Vielleicht- Ah, Míst! Das war wohl ein Schritt zu nah gewesen.
"I-isvinitje!", stotterte ich vor Schreck und bemühte mich um meinen unschuldigsten Blick. Wahrscheinlich verstanden sie gar kein Russisch, denn ihr Blick verband definitiv einen Haufen Verwirrung mit einer Prise Schock.
"I-I'm sorry, I didn't mean to step on you ... Y-you are from Italy, right? Welcome to Moskwa! H-haha ... Sorry."


Alexey

Während wir durch Moskau kutschiert wurden ließ ich meine Gedanken nach Italien und zu Emma schweifen. Emma war die Tochter eines der Capos meines Vaters, zwei Jahren jünger als ich, und wunderschön. Sie war das einzige Mädchen, abgesehen von meinen Schwestern, die ich je akzeptiert und respektiert hatte. Sie zeigte nie Schwäche oder Angst. Generell war sie schon immer schwer zu lesen gewesen. Zwischen uns beiden war zwar nie eine Beziehung entstanden, aber sie gehörte zu meinen engsten Freunden und in manchen Momenten, an lauwarmen Frühlingsabenden am Tyrrhenischen Meer oder während Sommergewittern in meinem Zimmer, hatte ich zwischen uns mehr gefühlt als nur Freundschaft. Natürlich hätte ich das nie zugegeben, aber ihr Gesicht mehrere Monate nicht mehr gesehen zu haben, setzte mir mehr zu, als ich selbst verstand.
Als der Wagen hielt löste ich mich von den Gedanken an die kleine Italienerin und stieg aus dem Auto aus. Der Platz auf dem wir standen, erschien mir unnötig überfüllt, aber das schien Mella überhaupt nichts auszumachen. Sie murmelte kurz etwas und tauchte dann sofort in der Menge ab. Ich hastete ihr schnell hinterher um sie nicht zu verlieren. Als ich jedoch sah auf wen sie da zusteuerte wäre ich am liebsten sofort umgedreht. Keine fünf Meter vor mir standen ein Mann, den ich nicht kannte, und, und das war das Problem, einer meiner Männer. Matteo.
Matteo und ich hatten eine lange Geschichte. Er war wohl mein loyalster Soldat, er hatte mich mehr als einmal aus brenzligen Situationen gerettet und war außerdem auch mein Vertrauter wenn es um meinen Vater ging. Ich hatte immer vorgehabt ihn eines Tages zu meinem Consigliere zu machen. Aber Matteos Anwesenheit war trotzdem problematisch, sogar auf mehreren Wegen. Zum einen hatten wir das gleiche Motiv auf unserem rechten Unterarm, zwei Handbreiten vom Handgelenk entfernt, tätowiert; Einen Kreis mit der nordischen Rune Nauthiz darunter, ein Tattoo, das man nicht oft sah, besonders bei Matteo, der selten T-Shirts anhatte. Auch heute hatte er einen langärmligen Pullover an, nur war der Ärmel hochgekrempelt und das Tattoo sichtbar.
Das größere Problem war jedoch, dass Matteo gar keine Ahnung haben sollte, dass ich hier war. Würde er mich also erkennen und auf italienisch ansprechen, vor Mella, die wiederum auch italienisch sprach, dann wären wir vermutlich alle ziemlich bald tot. Allerdings verstand ich nicht, was genau er hier tat. Den Männern der Cosa Nostra war es untersagt ohne Erlaubnis ins Ausland zu reisen. Und der Boss musste diese Erlaubnis erteilen. Grade als ich überlegte ob es nicht sicherer wäre einfach zu verschwinden, richtete sich Matteos Blick auf mich. Erkennen leuchtete in seinen Augen auf, ganz, ganz kurz nur, dann wandte er sich wieder Mella zu, die grade auf englisch mit ihm sprach.
"It's alright, you did not harm me," antwortete er schließlich mit italienischem Akzent, "Yes we are from Italy and Moscow is very beautiful but I miss the pasta, my mama makes," lachte er und haute seinem Begleiter auf die Schulter. Wer das wohl war?
Unsicher ob ich mich grade in eine tödliche Situation begab, trat ich zu Mella und zog sie sanft hinter mich. Für einen Außenstehenden sah es vermutlich aus wie die Geste eines eifersüchtigen Freundes und für Mella hoffentlich als ob ich meinen Job einfach etwas zu ernst nahm. Der eigentliche Grund war jedoch ein anderer. Ich stellte mich so vor Mella, dass sie mein Gesicht nicht sehen konnte und warf Matteo einen blitzschnellen und extrem fragenden Blick zu bevor ich, mit meinem besten russischen Akzent "Can we help you?" fragte.
Matteo nickte langsam, entweder eine Antwort auf meine Frage oder ein Zeichen, dass er mich verstanden hatte. "Yes it would be much appreciated if you could tell me where this address is," sagte er langsam und hielt mir einen Zettel hin. Darauf war in kyrillischen Buchstaben eine Straße und eine Hausnummer, nicht weit weg vom Hauptquartier der Tambowskaja, vermerkt. Darunter stand auf italienisch "Lieferung für Dario hier abgeben".
Ich musste mir ein Grinsen verkneifen als ich die Frage an Mella weitergab. Immerhin kannten sich Studenten aus Jekaterinburg nicht wirklich in Moskau aus. Ich machte mir keine Sorgen um die kleine Nachricht die auf dem Zettel versteckt war. Sie war b*** genug, dass sie als Anweisung für zwei Lieferanten einer Klamottenfirma durchgehen konnte. Aber ich wusste genau was sie bedeutete. Das hier war geplant gewesen. Diese Adresse musste irgendwelche Informationen für mich erhalten.
Unwillkürlich wurde ich ein wenig glücklicher. Mein Vater hatte mich nicht vergessen. Er hatte mir etwas zukommen lassen. Jetzt musste ich es mir nur noch irgendwie abholen.


Mella

Ich hätte echt nicht lauschen sollen, Gott. Aber ... So etwas passiertr nun einmal, wenn man zu neugierig wurde. Konnte man es mir verübeln? Wahrscheinlich schon, denn auch, wenn ich nicht oft rauskam, sollte ich es besser wissen und mich zusammenreißen, doch - wie oft hatte ich schon Gelegenheit hierzu? Wirklich. Wie oft stand ich denn waschechten Italienern so nah? Oder irgendwelchen Ausländern, generell. Vater hatte mich zwar von Muttersprachlern unterrichten lassen, doch das war schon eine ganz schön lange Weile her. Wirklich. Vielleicht könnte ich ihn ja überreden, mir wieder ein wenig Unterricht zu geben ... Nur wäre es dann womöglich besser, ihn nichts von diesem Trip wissen zu lassen. Das würde mir jegliche Chancen verderben ...
Wenigstens war mein Englisch nicht allzu peinlich, aber daran hatte ich ja auch lang genug gearbeitet.
Bevor ich allerdings einen genaueren Blick auf die Männer vor mir werfen konnte, schob Alexey mich unauffällig hinter sich. Was war denn das Problem? Klar, nach dem, was gestern passiert war (ausgerechnet auch noch an seinem ersten Arbeitstag) war er vermutlich extra vorsichtig, jedoch ... Die zwei Touristen sahen wirklich alles andere als gefährlich aus. Im Gegenteil, sie sahen fast ein bisschen so aus, als sollte man ihnen ein klein wenig aushelfen. Es war leicht, sich in Moskau zu verlaufen und an die falschen Ecken zu gelangen. Zugegeben, viele dieser "falschen Ecken" waren Orte, an denen ich als Kind gespielt hatte, während mein Vater mit Besprechungen beschäftigt gewesen war, doch ... Für Normalsterbliche war es vielleicht nicht die allerbeste Idee, sich allein dorthin zu begeben. Allerdings war es schön, dass Alexey sie fragte, ob wir ihnen irgendwie behilflich sein könnten. Dann machte er wenigstens nicht nur einen leicht einschüchternden, sondern auch ansatzweise freundlichen Eindruck. Nur, weil er mein Bodyguard war, hieß das ja nicht automatisch, dass er jede Person wie einen Kriminellen behandeln und unter Verdacht stellen musste. Nein, wir konnten auch einfach ein paar netten italienischen Touristen aushelfen bevor wir uns dem eigentlicheb Zweck des Trips zuwandten.
Eine Wegbeschreibung also? Nichts leichter als das! Mein Vater hatte mir schon früh beigebracht, wie wichtig es war, dass ich mich gut orientieren konnte - selbst in unserem Zuhause war es ja mehr als leicht, sich zu verirren. Demnach konnte ich mich selbst problemlos navigieren, egal wo - und wenn es um Moskau ging erst recht! Ob sie all meine Umschreibungen verstehen würden, war eine andere Sache, aber mit den ganzen Straßennamen würden sie bestimmt etwas anfangen können.
Allerdings ... Eine Lieferung für Dario? Also arbeiteten sie für ein Klamottengeschäft! Wobei, irgendwie kam mir der Name Dario (oder war das irgendein italienisches Wort, welches ich nicht kannte?) bekannt vor, nur nicht wirklich im Zusammenhang mit Kleidung ... Himmel, woher kannte ich das nur? Aber wenn ich nachfragen würde, dann fanden sie vielleicht heraus, dass ich sie belauscht hatte ... Wobei, Dario klang schon nach einem Namen und wenn ich Englisch konnte, machte es ja wohl Sinn, dass ich zumindest die lateinischen Buchstaben lesen konnte ...
"Alright! I wrote them down for you, see? I hope you can read my messy handwriting. It's not too far from here, but I'd be careful, that ... Isn't necessarily the nicest neighborhood in town. You might not wanna go alone there."
Es fühlte sich nicht wirklich schön an, das über meine "Familie" zu sagen, aber es entsprach leider der Wahrheit.
"Uhm, I hope you know what you're doing, because ... I wouldn't go there at night, really. If you can, you should honestly go now."
Lächelnd gab ich ihnen das Stück Papier zurück und kratzte mich verlegen am Hinterkopf. Sie würden schon wissen, was sie taten, nicht wahr?
"Oh, and, uhm, by the way ... I'm sorry, I don't mean to be nosey or anything but ... What does Dario stand for? Is he a friend of yours or something? Because ... I don't know, it might be nothing but for some weird reason Dario is ringing a bell in my ear, I just don't know why ..." War das zu merkwürdig? Es konnte immerhin ein wirklich ganz normaler italienischer Name sein, aber ... Wenn ich ihnen aushalf würden sie mir die merkwürdige kleine Zwischenfrage hoffentlich verzeihen.


Alexey

Die Anspannung der vergangenen drei Minuten hob sich von meinen Schultern, als Mella die Wegbeschreibung aufschrieb. Matteo und ich sahen uns immer wieder kurz an. Was ich nur dafür geben würde, ihn jetzt um ein bisschen Hilfe, meinen Vater betreffend, zu bitten. Als Mella fertig war und Matteo den Zettel wiedergab, wollte ich mich bereits wieder umdrehen. Dann jedoch fragte das Mädchen nach Dario. Mein Herz sank. Sie musste doch etwas wissen, wenn sie so nach fragte, oder nicht? "Ah its simply an Italian name. In fact, its the name of the representative of our company in Russia",erklärte Matteo lächelnd. Er dankte Mella noch einmal und drehte sich dann um. Der andere Mann folgte ihm und zusammen verschwanden die beiden in der Menschenmenge. Ich atmete aus und legte eine Hand auf Mellas Schulter.

"Verschwinde bitte nicht einfach so auf einen Platz der so voll ist. Ich hab mir Sorgen gemacht, dass ich dich schon wieder verloren hatte,"bat ich sie, so ruhig wie möglich.

Meine Gedanken rasten während wir weiter über den Platz gingen, meine Hand immer noch auf der Schulter des Mädchens. Woher hatte Matteo gewusst, dass ich hier sein würde? Vermutlich hatten sie einen Spion vor dem Hauptquartier der Russen platziert. Trotzdem es erschien mir fast zu perfekt, dass wir uns su über den Weg gelaufen waren. Was hätten die beiden getan, wenn Mella ihnen nicht bei ihrem Gespräch zugehört hätte?

Mit leichten Kopfschmerzen schob ich die Fragen weg und konzentrierte mich darauf Mella in der Masse nicht zu verlieren.


Mella

Also sollte ich diesen Dario doch irgendwoher kennen! Zumindest schien er irgendwie wichtig zu sein, der Repräsentant ihrer Firma ... Vielleicht stellten sie ja ein paar von den Kleidern her, die Katherina immer in ihrem Laden für mich gehabt hatte. Möglicherweise sollte ich mich mal bei Tatjana erkunden, die kannte sich bestimmt mit so etwas aus. Oder sollte ich Vater fragen? Er war zwar kein Experte auf dem Gebiet, doch ... Das war schon nicht so schlimm.
Herausfinden könnte er so etwas vermutlich trotzdem.
"Ich hab mir Sorgen gemacht, dass ich dich schon wieder verloren hab."
Mit einem unschuldigen Blick nickte ich leicht und spazierte nun nicht mehr vor, sondern neben ihm her.
"Das wäre echt nicht so gut für dich, wenn man bedenkt, wie dein Job angefangen hat ... Ah, entschuldige. Aber weißt du,hier in Moskau brauchst du dir keine Gedanken machen, ich finde meinen Weg immer nach Hause. Weißt du, einmal bin ich sogar von zuhause weggerannt - es war ziemlich dämlich, ich war keine vierzehn Jahre alt und war in dieser typischen "Die Welt ist so ungerecht zu mir" Phase ... Vater hat sich echt Sorgen gemacht, aber ich hab ganze drei Tage allein ausgehalten, bevor mein damaliger Bodyguard mich gefunden und nach Hause gebracht hat."
Es war ehrlich gesagt gar nicht so schlimm gewesen. Klar, die erste Nacht hatte ich ein klein wenig Angst gehabt, weil ich sonst nie allein unterwegs war, doch ... Tatsächlich hatte es sich fast ein bisschen so angefühlt wie die Ferien, die normale Teenager immer beschrieben. Ich war erfüllt gewesen von Freiheit, Freude und diesem unbeschreiblichen Gefühl, wirklich alles tun zu können. Ach, hätte es doch nur länger anhalten können ... "Manchmal wünschte ich mir, ich könnte einfach nochmal abhauen. Natürlich klingt das super dumm und egoistisch. " Mit einem leisen Seufzen warf ich einen Blick auf den Boden und schüttelte leicht den Kopf.
"Ich weiß, dass ich es ziemlich gut hab. Selbst, wenn man mich mal mit anderen Clan-Kindern vergleicht. Ich meine ... Wäre ich ein Junge gewesen, hätte mein Vater mich bestimmt nicht so verwöhnt. Und ich hätte vermutlich auch nie die Wahl gehabt, ob ich mich am Familiengeschäft beteiligen will oder nicht ...Gott, ich kann mir kaum vorstellen, was ich machen würde, wenn ich jemanden tötén müsste." Nervös lachte ich auf, schüttelte den Kopf.
"Wahrscheinlich würde ich einfach nur heulend zusammenkIappen und selbst erschossen werden."

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malitsuki

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Re: crossfire || Amary & ich

von malitsuki am 06.09.2019 16:39

Alexey


Gut ich hatte zugegebenermaßen nicht erwartet, dass das Mädchen sich grade umzog. Ich hatte ihr immerhin einen Zeitrahmen gegeben, an den ich mich präzise gehalten hatte. Es war theoretisch wirklich nicht meine Schuld, dass sie sich jetzt in dieser Lage befand. Als das Mädchen mich schlug, zuckte ich zusammen. Nicht weil es besonders weh tat, denn das tat es nicht, sondern weil ich es nicht vorhergesehen hatte. Genauso wenig, wie ihr plötzliches Gekeife. Die hatte ja tatsächlich etwas Feuer in sich.
Schützend hob ich meine Hände, ließ meinen Blick einmal kurz über ihren, zum größten Teil von der Decke versteckten Körper wandern und verschwand aus ihrem Zimmer. Das Grinsen, das sich normalerweise längst über mein Gesicht ziehen würde unterdrückte ich mir, bis ich die Tür wieder geschlossen hatte. Meine Wange kribbelte leicht, aber seltsamerweise war mein anfänglicher Frust verschwunden.
Ich trat auf den Gang vor meinem Zimmer und wartete darauf, dass "Mella" aus ihrer Tür kam. Immer mal wieder liefen Männer vorbei, geschäftige Mienen aufgesetzt. Sie musterten mich, abschätzig und ich überlegte, dass, hätte mich in Italien jemand so angesehen, sie vermutlich nicht mehr leben würden. Aber das hier war nicht Italien und ich war nicht mehr Dario. Und so senkte ich meinen Blick. Meine Emotionen durften mich jetzt nicht kontrollieren, das würde Tod bedeuten.
Als die Tochter des Bosses endlich aus ihrem Zimmer kam und wir wieder den Gang hinuntereilten, blieb ich immer einen respektvollen halben Schritt hinter ihr, nah genug, dass ich mich wohl vor sie schmeißen würde können, aber nicht so nah, dass ich ihr auf die Pelle rücken würde. Das ich dabei eine ausgezeichnete Aussicht auf gewisse Körperteile des Mädchens hatte, war ein angenehmes, aber nebensächliches Detail.
"Ich möchte mich für mein unangekündigtes Eintreten vorhin ent***n. Ich hatte nicht gedacht, dass du dich umziehen würdest. Und es erschien mir unvorsichtig dich länger als nötig allein zu lassen. Es wird nicht noch einmal passieren."
Die Worte kamen mir leichter über die Lippen als ich erwartet hatte. Aber zu lügen und mich zu verstellen war mir schon immer leicht gefallen und dies war ja eigentlich auch nichts anderes.


Mella

Klar würde so etwas früher oder später mal passieren, aber ... In vermeidbaren Situationen musste ich ihm so etwas nicht durchgehen lassen. Immerhin hätte er einfach nur anklopfen müssen und wir wären dieses Problem umgangen. Wirklich, was dachte sich dieser Mann eigentlich? Das hatte auch nichts damit zu tun, dass er vom Bodyguardsein keine Ahnung hatte. Es war einfach grundsätzlich unhöflich, unverhofft bei jemandem hereinzuschneien. Insbesondere, wenn man diese Person kaum kannte.
"Entschuldigung angenommen.", murmelte ich lediglich und kratzte mich an meiner Wange.
"Aber demnächst kündigst du dich bitte vorher an, ja? Egal, ob du mir sagst wann du kommst oder nicht. Es wird dich definitiv nicht umbringen, wenn du anklopfst. U-und ... Diese Tür ist sowieso nur für Notfälle, ja?"
Wahrscheinlich würde ich sie nachts sogar abschließen, wenn das hier so weiter ging.
"Übrigens müssen wir für dich vermutlich auch bald einen Termin organisieren. Du brauchst zwar kein hübsches chinesisches Kleid - obwohl du darin sicher blendend aussehen würdest - aber ein vernünftiger Anzug würde nicht gerade schaden." Ich bezweifelte, dass es ihn allzu stark interessieren würde - sicherlich, es war ja auch nicht sein Job, wie ein männliches Model durch unsere Gänge zu stolzieren - aber wenigstens für besondere Anlässe, wie das baldige Treffen mit den Chinesen und Japanern, sollte wenigstens ein bisschen Anstand vorhanden sein.

Dieses mal war es eine graue Limousine mit getönten Scheiben, die uns von A nach B brachte. Seufzend rollte ich mit den Augen, während ich mit Alexey hinten Platz nahm und Pjotr das Loszeichen gab.
"Wenn mein Vater wirklich dafür sorgen will, dass wie unerkannt bleiben, könnte er sich vielleicht um ein anderes ... Normaleres Auto bemühen."
"Ein Taxi wäre am besten, was?"
Lächelnd nickte ich.
"Ja, Taxi würde ich gern mal fahren ... Aber du kannst vergessen, dass wir
dafür draufzahlen, Pjotr!"

"Ach, ja, übrigens, Alexey ... Warte kurz ..." Ich versank nur beinahe in meiner vermeintlich kleinen, schwarzen Handtasche, während ich nach dem robusten Telefon, welches man glatt für ein Nokia halten könnte, suchte.
"Hier, für den Fall, dass es mal notwendig wird - die wichtigsten Nummern sind bereits eingespeichert. Ein eigenes Telefon wird also nicht von Nöten sein. Die Dinger sind sogar erstaunlich kugelsicher, damit könnte man bestimmt jemanden umbringen, wenn man es nur geschickt genug anstell- Oh! Wir sind da!"

Wie immer war der Laden bereits relativ leer. Schließlich gab es auch irgendwo einen Grund, warum mein Vater zehn Tage vorher mit seiner bedrohIichsten Stimme anrief, um uns etwas Zeit zu schaffen.
Fräulin Katherina begrüßte mich wie immer mit einer herzlichen, wenn auch leicht zitternden Umarmung.
"Keine Sorge, Alexey. Das hier sollte ziemlich schnell vorbei sein. Ich muss nur ein paar Kleider anprobieren und mich dann entscheíden. Du wartest bitte vor der Umkleide, verstanden?"
Mit einem Lächeln führte die Dame mich anschließend ins Hinterzimmer, in dem bereits eine Reihe farbenfroher Kleider auf mich warteten. Normalerweise trug ich keine besondere Art von Kleidern, aber mein Vater fand es wohl passend, sich für die Chinesen besonders hübsch zu machen. Vielleicht lief es auch in letzter Zeit einfach nicht so gut und er wollte sie irgendwie beeindrucken.

"Das ist die Kleine? Hm, hätte mir irgendwie gedacht, dass Krushnikov sie bisschen besser beschützt, als nur ihren Freund mitzuschicken. Aber wenn er meint ..."
Das dréckige Flüstern hatte ich erst mitbekommen, als es bereits zu spät war. Einer der Männer mit dem schweren, srinkenden Atem drückte mich auf den Boden, während der andere sicherging, dass die Tür ordentlich verriegelt war. Wie waren sie überhaupt hier reingekommen? Seit wann gab es in diesem kleinen, harmlosen Modegeschäft bitte Geheimtüren? Das war einfach nur absolut- "Bitte lächeln für die Kamera!"
"Ale- mngh! Mnghh!"


Alexey

Ich ließ die Schimpftiraden des Mädchens über mich ergehen. Auch in der Limousine blieb ich einfach still. Ich hatte keine Lust darauf mich mit ihr anzulegen.
Als wir in dem Geschäft ankamen und ich Mella und der Dame dabei zusah, wie sie in der Umkleide verschwanden, beschlich mich ein ausgesprochen unangenehmes Gefühl. Ich ignorierte es und wand mich stattdessen der Tür zu, die sich grade öffnete. Zwei bullige Männer betraten den Geschäftsraum. Sie unterhielten sich lautstark auf einer Sprache die ich als bulgarisch oder so etwas erkannte. Ich verstand sie nicht, aber ich nahm auch nicht an, dass sie mich in geringster Weise interessieren sollten. Im Rückblick hätte mir wohl auffallen können, dass es ganz leicht komisch war, dass zwei Männer allein ein Kleidergeschäft betraten, aber in dem Moment hatte ich nicht so weit gedacht.
Spätestens als ich eine Pranke von einer Hand auf meiner Schulter spürte und dann umgedreht wurde, schrillten all meine Alarmglocken auf. Die Faust, die in meinem Bauch landete, nahm mir die Luft, der Aufprall auf dem Biden kam nicht überraschend. Der eine der beiden Männer trat mich noch einmal in die Seite und Ließ dann einen Umschlag neben mich fallen.
"Richte das deinem Boss aus, Russe," spuckte der Bulgare auf Russisch und verschwand dann mit seinem Kumpanen aus der Tür. Ich lag noch ein paar Sekunden so da, Arme und Beine von mir gestreckt, dann richtete ich mich wütend auf. Ich hätte vorsichtiger sein müssen. Ungeschickt hob ich den Umschlag auf und öffnete ihn. Aus dem weißen Kästchen fielen ein Bild und ein Zettel. Auf dem Bild war das Prinzesschen der Russen zu erkennen, wie sie mit aufgerissenen Augen und mit einer Hand vor dem Mund in die Kamera starrte. Auf dem Zettel stand eine Adresse, eine Uhrzeit und eine Summe, 1,000,000 Dollar.
Entsetzt sprang ich auf und rüttelte an der Tür der Umkleidekabine. Sie war verschlossen. Natürlich. Wütend starrte ich auf die Holztür, bis mir eine Idee kam. Ich ergriff eine der Kleiderstangen, die es in diesem Laden ja wirklich genug gab und brach sie so, dass ich eine lange Stange in der Hand hatte. Diese schob ich dann unter die Tür, wo ein kleiner Schlitz bis zum Boden war. So gut es ging versuchte ich die Hebelnutzung zu gebrauchen um die Tür aus den Angeln zu heben. Die ersten paar Male rutschte ich ab, doch schließlich funktionierte es, so halb. Der untere Teil der Tür bog sich und brach schließlich. Grade groß genug, dass ich mich hindurchzwängen konnte. Als ich mich auf der anderen Seite wieder aufrichtete, erkannte ich sofort, dass hier etwas unangenehmes passiert war. Kleider waren auf dem Boden verstreut und ein Vorhang hinuntergerissen. Hinter diesem Vorhang verbarg sich jedoch ein Loch in der Wand. Triumphierend grinste ich. Das war ja fast zu einfach. Doch dann erstarb mein Grinsen, als mir die Situation bewusst wurde in der ich mich befand. Hilfe konnte ich mir keine besorgen, denn würde ich diese Nachricht tatsächlich zu Mellas Vater bringen würde ich wohl kaum noch lange leben. Also konzentrierte ich mich und trat in das Loch.

Ich lief durch einen dunklen Gang, der nach und nach immer breiter wurde. Als ich schließlich das Ende erspähte, war ich mir sicher, dass Maria und Jesus auf mich hinunterlächelten. Dort stand ein einzelner Bulgare, den Rücken zu mir gewandt, mit einer Shotgun in der Hand. Ich schlich an ihn heran, so leise wie es mir möglich war. Als ich fast direkt hinter ihm stand platzierte ich einen präzisen Schlag gegen seine Schläfe, einen weiteren gegen seinen Hals. Der Mann sackte zusammen.
Schnell nahm ich mir seine *** und ging weiter. Ich befand mich in einem Saal, der durch eine Tür mit einem weiteren Zimmer verbunden war. Als ich hindurchsah machte sich grade jemand auf den Weg nach draußen. Jedenfalls war das anzunehmen, denn eine Tür zur Strasse wurde geöffnet und jemand ging hindurch. Ich hatte wirklich mehr Glück als ich verdiente. Ohne lange zu fackeln, trat ich um die Ecke und feuerte zweimal auf den Mann der in der Mitte des Raumes stand. Dann noch einmal auf einen der in der Ecke hockte und mit jemandem redete. Beide fielen auf den Boden. Jetzt entdeckte ich auf Mella in der Mitte des Raumes, an einen Stuhl gefesselt. Wut stieg in mir hoch, als ich bemerkte, dass sie nur ihre Unterwäsche anhatte. Mehr oder weniger im Laufen zog ich meine Jacke aus und drapierte sie über dem Mädchen. Dann blickte ich auf den Mann der vor ihr lag. Er war tot. Schnell sah ich auch nachdem in der Ecke, schoss ihm noch einmal in den Kopf. Er hatte mit der Frau geredet, die vorhin im Laden gewesen war. Ich richtete meine *** auf sie und bedeutete ihr aufzustehen. Ich befahl ihr in die Mitte des Raums zu gehen. Sobald sie jedoch vor mir stand, zog ich ihr den Griff meiner *** über den Kopf und warf sie mir über die Schulter. Sie war immerhin leicht.
Dann ging ich auf Mella zu, die zitternd an ihren Stuhl gefesselt da saß und mich ansah. Behutsam löste ich die Knoten an ihren Handgelenken und Knöcheln und half ihr aufzustehen. Dann nahm ich meine Jacke und half ihr hinein. Ihre eigene Kleidung konnte ich nicht finden und wir hatte auf keine Zeit dafür. Als sie die Jacke anhatte, fiel mir auf, dass etwas auf ihrem Bauch stand, aber ich sah es mir nicht genauer an. Dafür hatten wir im Auto noch Zeit.
Ich legte einen Arm um ihre Schultern und führte sie, so schnell wie möglich, zurück durch den Gang und in den Laden hinein. Dort öffnete ich die Tür und stieß sie fluchend auf. Das dauerte zu lange. Ich hastete aus dem Laden, Mella am Arm, die Frau auf der Schulter. Zum Glück stand der Wagen noch dort wo wir ihn verlassen hatten. Ich öffnete die Tür, bugsierte das Mädchen hinein, schmiss die Frau grad zu hinterher und rutschte schließlich neben Mella.
"Fahren sie schon!" schnauzte ich den Fahrer an und lehnte mich erst zurück, als wir uns wieder auf der Straße befanden. Ich wusste nicht was ich sagen sollte, also legte ich einfach einen Arm um Mella und zog sie an mich heran, str***te ihr sanft durch die Haare und flüsterte Nichtigkeiten auf russisch um sie zu beruhigen.


Mella

Wieso musste so etwas immer passieren. Wieso? Das- Warum- Gott.
Wäre es das erste Mal gewesen, dass so etwas passierte, dann ... Vielleicht wäre es dann nicht ganz so schlimm. Man konnte sich an so etwas einfach nicht gewöhnen - je öfter es passierte, desto schlimmer wurde es. Zumal diese Typen wirklich nicht das Recht hatten mich ... Mich ... Mich einfach so- Gott. Das ... Das durfte einfach nicht wahr sein. Nein. Das durfte es einfach nicht.
Wieso gab sich Katherina überhaupt mit solchen Menschen ab? Sie war mir normal vorgekommen.Nett. Als würde sie nichts mit diesen Dingem zu tun haben wollen, genauso wie ich - nur mit dem kleinen aber feinen Problem, dass sie tatsächlich eine Wahl gehabt hatte. Wieso? Wieso hatte sie sich ausgerechnet dafür entschieden?
Vater hätte wahrscheinlich gesagt, dass ich nicht allzu schockiert sein sollte, weil so etwas immer passieren könnte (er würde es vermutlich etwas feinfühliger ausdrücken, aber letzten Endes war es ja so).
Aber warum musste ich denn immer davon ausgehen, dass die Menschen mir grundlos das Schlimmste vom Schlimmsten wollten? Das war doch einfach nur bescheuert. Es ... es war einfach nicht fair.
"Mal sehen, wie lieb dich dein Papa hat. Er wird uns doch hoffentlich diesen kleinen Gefallen erfüllen können, mh? In letzter Zeit war der alte Mann nämlich nicht sonderlich nett zu uns und da ist es ja nur logisch, dass wir uns einmal mit ihm unterhalten wollen. Wenn er anders nicht auf uns reagiert, ist das ja nicht unsere Schuld ..."
Diese Männer waren einfach nur Schweíne, absolut ***e verdammte Árschlöcher. Ich würde nie verstehen können, wie und wieso mein Vater dieselben Dinge wie diese Männer tun konnte. Zwar versuchte er nicht kleine Mädchen zu entführen und zu erpressen, doch ... Was er sonst tat, war auch nicht zwingend besser.

Selbst dann, wenn es eigentlich besser sein sollte - wenn ich mich sicherer fühlen sollte - musste ich trotzdem Angst haben. Natürlich hatte ich Glück, dass Alexey mich fand. Ich war außerordentlich froh, dass ihm nichts weiter zugestoßen war. Was hätte ich nur gemacht, wenn er an seinem ersten Tag bereits- ... Unwichtig.
Aber es änderte nichts daran, dass Menschen starben. Sicher, es waren ekeIhafte Menschen, die so etwas schon vielen anderen Mädchen angetan haben mussten und die selbst regelmäßig Unschuldige umbrachten, aber ... Himmel. Der Schuss einer PistoIe war noch nie ein beruhigendes Schlaflied für mich gewesen, wenn man es so sah.
"Danke, Alex.", brachte ich nur zitternd heraus. Seine Jacke war warm, doch das war auch der Rest seines Körpers. Er schien aufgewühlt zu sein. Natürlich, jeder normale Bodyguard würde in dieser Stresssituation so reagieren. Schließlich war hier nicht nur mein Leben in Gefahr, sondern auch sein eigenes.
Schweigsam brachte er Katherina und mich zurück zum Wagen. Ich wusste kaum, was ich sagen sollte. Es- ... Gott. Was sollte man denn bei so etwas überhaupt sagen?
"Danke ...", brachte ich lediglich erneut vor und versteckte mein Gesicht in seiner Kleidung.
"I-ich ... Verdammt nochmal, ich wollte doch nur ein dämliches Kleid. W-was soll denn der Scheíß?"
Pjotr warf lediglich einen unsicheren Blick zu mir nach hinten.Wir fuhren gut und gerne 20 kmh zu schnell, aber hier interessierte das sowieso niemanden.
"Wieso geh ich eigentlich überhaupt noch raus ...", weinte ich leise, meine Hände im Sitz verkrampft. Nicht, dass Alexey irgendetwas davon hören wollte (oder sich dafür interessieren würde), aber ich konnte ja nicht wirklich anders, als mich an ihm und Pjotr auszulassen.
"Kannst du mir bitte was erzählen? Das- ... Irgendwas einfach.Irgendwas. Ich ... Ich hab gerade nicht unbedingt Lust auf Stille, wenn du verstehst. I-ich will einfach nach Hause und einschlafen und- ... Bitte. Einfach irgendwas. Eine Geschichte a-aus deinem Leben oder so. O-okay?"
War das eine dumme Frage? Oder ... Gott. Er würde es in seinem Kopf wahrscheinlich eh infrage stellen, aber man konnte es ja wenigstens mal versuchen. Alexey musste sowieso schon genervt sein, nachdem ich seine Kleidung für mich beansprucht hatte. Mein Bauch brannte, vermutlich wegen diesem verdammt dämlichen Spruch auf meinem Körper und- Gott. Ich wollte mich einfach nur übergeben, duschen, weinen, schlafen und mein Zimmer für heute nicht mehr verlassen.



Alexey

Mit halben Ohr hörte ich dem Geschluchze des Mädchens neben mir zu, strich ihr gedankenverloren durch die Haare und über den Nacken, aber meine Augen waren auf Katherina gerichtet, die, auf dem Boden vor unseren Füßen lag. Ich war mir nicht sicher, wie lange ihre Ohnmacht noch anhalten würde, aber ich wollte sicherstellen, dass sie nicht plötzlich aufsprang und anfing um sich zu schlagen. Als Mella mich jedoch bat ihr eine Geschichte aus meinem Leben zu erzählen, wandte ich ihr wieder meine volle Aufmerksamkeit zu. Meine Gedanken sprangen erst zu einer der wenigen Erinnerungen, die ich an meine Mutter hatte, ein Schlaflied, das sie mir früher manchmal vorgesungen hatte. Aber das schien mir viel zu privat, als das ich es dem Mädchen neben mir einfach erzählen würde.
Also suchte ich weiter. Natürlich fielen mir vor allem Geschichten aus Italien ein, Vormittage die damit verbracht worden waren mich vor meinen Verantwortungen zu drücken, Abende mit Freunden und zu viel Rotwein, aber nichts davon schien mir in irgendeiner weise beruhigende Wirkungen auf ein weinendes Mädchen zu haben. Außerdem durfte sie ja wohl kaum wissen, dass ich mich mit 17 vor den Pflichten des Erbes der italienischen Mafia versteckt hatte.
Also erzählte ich ihr eine Geschichte, die mir von meinen Beratern immer wieder eingebläut worden war. Es war ein Teil der Herkunftsgeschichte von Alexey. Das Mädchen jetzt noch etwas mehr anzulügen, würde ja wohl kaum schaden.

"Als ich 18 war, damals hab ich noch bei meiner Mutter gelebt, war meine kleine Schwester total in so einen älteren Jungen verliebt," erzählte ich, so aufrichtig-klingend wie möglich, vor mich hin, "Die beiden sind auch zusammengekommen, allerdings war er ein totaler Idi'ot und hat sie voll manipuliert. Ich hab ihn ge***t. Naja ich hab erstmal nichts gesagt, weil sie so glücklich schien. Aber sie wurde immer stiller und nahm immer mehr ab. Ich bin dann auch irgendwann ausgezogen und hab sie nur noch am Wochenende gesehen, weil ich halt studiert habe. Die beiden waren da schon ne ganze Weile zusammen. Kurz vor meinem 20. Geburtstag rief mich dann meine Mutter total aufgelöst an. Meine Schwester war mit einem blauen Auge nach hause gekommen. Naja und meine Mutter hat sie ausgefragt und dann ganz viele Narben auf ihrem Arm gesehen und auch frische Wunden und so," um die Geschichte glaubhafter wirken zu lassen gab ich ein wütendes Geräusch von mir und knirschte ein wenig mit den Zähnen, "Ich bin sofort nach hause gekommen, aber sie hat darauf bestanden, dass es ihr gut ging und so weiter. Sie wollte uns nicht sagen woher das blaue Auge kam. Am nächsten Tag kam ihr Freund zu uns nach hause. Meine Mutter war einkaufen und die beiden schienen nicht zu wissen, dass ich da war, denn meine Schwester hat gesagt, dass sie alleine war. Auf jeden Fall hat er sie total beleidigt und so, weil sie ihm kein Bier geben wollte, weil wir einfach keins mehr hatten. Dann hat er versucht sie zu...", ich ließ meine Stimme geschickt abbrechen, wie Igor es mit mir geübt hatte. Ich schniefte ganz kurz und schluckte schwer, dann fuhr ich mir mit der Hand durch die Haare und richtete mich ein wenig auf. "Ich hab ihn von ihr weggezogen, weil ich sie Schrein gehört habe, aber ich hab das Bild seit dem nicht aus meinem Kopf bekommen, wie sie da lag und weinte..." Erneut fuhr ich mir durch die Haare, das Gesicht verzogen. "Er hat sich verteidigt und dann hatte ich plötzlich ein Küchenmesser in der Hand. Ich hab zugestochen, immer und immer wieder. Meine Schwester lag nur da und weinte. Ich hab ihn abends mit der Hilfe meiner Mutter im Kohleofen in unserem Keller verbrannt, aber dann hat sie mir gesagt, dass sie nicht mit mir unter einem Dach leben konnte. Ich habe nur meine Schwester beschützt, aber das konnte sie nicht einsehen," inzwischen spielte ich mit meinen ***, "Sie hat mich rausgeschmissen und ich hab mein Studium abgebrochen und mich mit Underground Kämpfen durchgeschlagen. Das war der erste Mensch den ich je getötet habe." Schloss ich meine Geschichte. Ich nahm an, dass das nicht tatsächlich die Art von Geschichte gewesen war, die Mella gemeint hatte, aber das war mir egal. Ich wollte, dass sie mir vertraute.
"Ich hab meine Mutter und Schwester seit dem nie wieder gesehen, aber Krasnikov hat gesagt, er regelt es, dass ein Teil meiner Bezahlung auf ihr Konto übertragen wird. Er ist der einzige Mensch dem ich die Geschichte je erzählt habe," sagte ich langsam, dann sah ich sie an "Naja und jetzt habe ich sie noch dir erzählt."
Mir war schon klar, dass das kein Weg war jemanden zu trösten, aber vielleicht sah sie mich jetzt als einen guten Mensch an. Das würde sich, sei es denn überhaupt der Fall, jedoch natürlich sofort ändern, falls sie je herausfand, dass der erste Mensch den ich je getötet hatte ein Gefangener meines Vaters gewesen war, der seine Schulden nicht hatte begleichen können. Und das ich nicht 19 gewesen war sondern 13.
Leise seufzend lehnte ich mich zurück und blickte zu Mella.
"Tut mir leid, ich weiß das ist keine schöne Geschichte, aber es war die erste die mir eingefallen ist. Ich hab noch nicht besonders viel schönes erlebt," sagte ich, schwach grinsend und strich dem Mädchen mit der Hand über die Schulter. Dann ließ ich meinen Blick wieder zu Katherina wenden und betete, dass sie mir meine Geschichte glaubte und sie den gewollten Effekt erzielte.


Mella

Vater würde durchdrehen, wenn er davon hörte. Es- Gott. Dabei war es doch noch gar nicht so lange her gewesen, seit dem so etwas das letzte Mal geschehen war. Ich konnte mich zwar kaum noch daran erinnern - wobei, wollte traf es etwas besser - doch- Himmel. Okay. Es war okay. Auch, wenn es das nicht wahr, denn so etwas sollte eigentlich nie geschehen und ich konnte und wollte es nicht verstehen. Mir war klar, dass nicht alle Menschen gut waren - weiß Gott, gerade mir sollte so etwas ja klar sein - aber ... Mussten denn alle Menschen in dieser Branche so schlecht sein? Konnte es niemanden mit wenigstens einem halben guten Herz geben (und zwar einem, das auch wirklich ihres war und nicht eines, das sie auf dem Schwarzmarkt verkaufen wollten)? Wahrscheinlich war das alles viel zu viel verlangt. Es war einfach alles zu viel verlangt. Kaum merklich schüttelte ich den Kopf, mein Blick nach wie vor nach unten gesenkt, während Alexey mir über den Kopf streicheIte. Es half nicht wirklich dabei, mich zu beruhigen, doch das war nicht seine Schuld. Schließlich war es auch nicht wirklich sein Job, mich zu beruhigen oder dafür zu sorgen, dass ich nicht durchdrehte (davon, dass wir uns kaum kannten sowieso abgesehen). Vielleicht hätte ich auch gar nicht nach einer Geschichte fragen sollen, denn ... Was wollte er mir bitte erzählen? Ein Kindermärchen? Ein Lügenmärchen davon, dass alles wieder gut werden würde? Oder eine glückliche Kindheitserinnerung aus längst vergangenen Tagen, die es so für ihn wohl nie wieder geben würde? Ehrlich, es- ... Das war doch bescheuert. Wahrscheinlich hätte sogar Pjotr mir mehr zu sagen als Alexey, selbst, wenn er nicht der gesprächigste Fahrer im ganzen Land wäre.
Wie es aussah, hatte Alexey sich allerdings doch dazu entschlossen, mir eine kleine Geschichte zu erzählen - und was für eine. Ehrlich, was wollte er damit bezwecken? Dass ich wegen etwas anderem heulte? Dass ich meinen Schmerz für einen Moment vergessen konnte oder dass ich wenigstens wusste, dass ich nicht die Einzige war, der es beschíssen ging? Es- Gott. Und warum half das alles so überraschend gut? Es- Das war doch nicht fair. Klar heulte ich immer noch wie ein Schlosshund und meine Nägel steckten nach wie vor im Sitz, aber- ... Verdammt. Wieso musste denn wirklich jeder in diesem Job so etwas Schreckliches erfahren?
"I-ist schon okay. Sch-schon okay ..", stotterte ich leise und atmete tief ein und aus. Zitternd schüttelte ich den Kopf und brachte ein nervöses Lachem hervor. Gott, das hier ... Das hier war doch einfach nur der Wahnsinn. Nein, nicht der Wahnsinn. Einfach nur Wahnsinn.
"Das ist echt keine schöne Geschichte. Tut mir leid, dass dir bisher noch nicht viel allzu Schönes passiert ist ... Ich würde ja gern sagen, dass wir das ändern können, aber ... Nach heute will ich lieber keine allzu großen Versprechen machen." Unsicher blickte ich leicht zu ihm auf, aber ein ehrliches Lächeln konnte ich nicht zustande bringen. In der momentanen Situation wäre das vermutlich auch alles andere als angemessen.
Trotzdem, irgendetwas aufmunterndes musste es doch für uns geben.
"Aber ich schätze, wir können es trotzdem versuchen, hm? Dir muss ja echt eine Menge nichts Schönes passiert sein, dass du nicht mal mehr weißt, wie man jemandem Trost spendet."
Mit einem vorsichtigen, zögerlichen Zucken, welches entfernt an ein Grinsen erinnerte, lehnte ich mich wieder ein Stück an ihn. Wenn er etwas dagegen hätte, sollte er etwas sagen. Schließlich hatte Alexey bereits unter Beweis gestellt, dass er definitiv in der Lage war, sich durchzusetzen.
"Also, ich- ... Es tut mir echt leid, was passiert ist. Hoffentlich kannst du wenigstens deine Schwester irgendwann mal wieder sehen ... Du wirst ja nicht jeden Tag und jede Nacht gebraucht, vielleicht schafft ihr es ja mal euch zu treffen, wenn du frei hast ... O-oder so etwas."
"Uhm, Melly ... Vielleicht solltet ihr über etwas anderes reden. Ich kann mir vorstellen, dass dein Vater die Nachricht tausend Mal schlechter verkraften wird, wenn deine Augen ganz rot vor Tränen sind."
"Ich weiß, Pjotr, ich weiß ... Keine Sorge, an dir wird ers schon nicht auslassen. Danke, dass du uns gefahren hast."
So sanft wie nur möglich hielt die graue Limousine allmählich am Straßenrand. Er versuchte sich an einem Lächeln, auch, wenn das alles andere als leicht war und nickte uns zum Abschied zu.
"Ist okay, ich kann alleine laufen.", versicherte ich Alexey, bevor ich die Tür hinter uns beiden schloss. Nervös biss ich mir auf die Lippe und schluckte leicht.
"Ich ... Ich glaube, ich geh erst einmal auf mein Zimmer ... Bis später.", murmelte ich leise, während ich mich auf den Weg zu meiner Kleidung machte, in der Hoffnung, dass es Katherina trotz allem nicht allzu grausam ergehen würde ...


Alexey


Als das Auto endlich anhielt, zog ich die, immer noch ohnmächtige, Katherina heraus und legte sie mir wieder über die Schulter. Dann begleitete ich Mella in das Gebäude, das ich jetzt offiziell zum ersten Mal von außen sah. Als sie sagte, dass sie auf ihr Zimmer gehen würde, überlegte ich kurz ob ich sie wirklich alleine lassen konnte. Nach kurzer Überlegung entschied ich mich dafür, sie noch bis zu ihrer Zimmertür zu begleiten. Als das Mädchen ihren Raum betreten hatte, drehte ich wieder um und machte mich auf die Suche nach ihrem Vater oder Krasnikov.

Ich fand weder den einen noch den anderen, aber ein anderer, offensichtlich wichtiger Mann, sprach mich an, sobald er mich sah:
"Wen hast du denn da über deine Schulter geworfen?" fragte er, fast schon gefährlich leise.
Ich antwortete ihm nicht sofort sondern sah mich erst noch einmal nach den Männern um, die ich eigentlich suchte.
"Diese Frau hat Mella an eine Gruppe von Bulgaren verraten," erklärte ich, gespielte Wut auf dem Gesicht. Der Mann sah leicht überrascht aus, aber er nickte, machte auf dem Absatz kehrt und ging in die Richtung aus der ich gekommen war. Nach ein paar Schritten drehte er sich noch einmal um und bedeutete mir ungeduldig ihm zu folgen. Ganz leicht widerwillig setzte ich mich in Bewegung.

Der Mann führte mich vorbei an Mellas und meiner Zimmertür und durch einen angrenzenden Gang, direkt in ein großes, offenes Büro. An einem dunklen Holztisch saß der Boss der Tambowskaja und betrachtete einen Stapel Papiere. Als der Mann, welcher mich hier her geführt hatte sich sanft räusperte, hob der Russe seinen kopf und betrachtete erst den anderen Mann, dann mich und dann Katherina mit zurückhaltender Neugier.
"Der junge Bodyguard suchte dich," stellte der, mir unbekannte, Russe vor mir fest und trat dann zur Seite. Der Boss nickte ihm kurz zu, was wohl Code dafür war zu gehen, denn der Mann erwiderte die Geste und verschwand dann aus dem Raum. Unsicher stellte ich mich etwas grader hin, hier schien man sich ja nicht vor den Boss zu knien, und sah dem Mann hinterm Schreibtisch in die Augen.
"Sprich," sagte dieser schließlich, die Stimme schwer von etwas, das ich nicht identifizieren konnte.
"Wir waren in dem Kleiderladen. Ihre Tochter und diese Frau gingen in die Umkleide. Ich wartete solange davor. Dann betraten zwei Bulgaren den Raum und gaben mir diese Notiz," ich fischte das Stück Papier und das Foto von Mella aus meiner Tasche, "ich brach die Umkleide auf und fand einen geheimgang vor, der in eine, vermutlich angrenzende, Lagerhalle führte. Dort erschoss ich drei Bulgaren und schlug diese Frau ohnmächtig. Auch fand ich ihre Tochter vor. Wir fuhren sofort hier hin zurück." zählte ich die Ereignisse des Nachmittags auf.
Der, beeindruckende, Mann vor mir erhob sich langsam und kam auf mich zu. Es kostete mich überraschend viel Willenskraft nicht instinktiv zurückzuweichen.
Ich sah, dass er mich schlagen würde, wenigstens so früh, dass ich hätte ausweichen können, aber ich tat es nicht. Ich versuchte mich einfach nur darauf vorzubereiten. Mein Kopf flog zur Seite und meine Wange brannte. Ich war mir ziemlich sicher, dass der Siegelring des Mannes einen Schnitt hinterlassen hatte. Ich sah ihm stur in die Augen.
"Ich werde jetzt nach meiner Tochter sehen. Wenn ich auch nur eine Schramme an ihr entdecke, dann kriegst du eine richtige Strafe," sagte der Mann, seine Stimme kalt. Ich hatte mich in den letzten Monaten an die h***en Klänge des Russischen gewöhnt, die die Sprache, im Gegensatz zu Italienisch, so klar und strukturiert erschienen lassen, aber die kantige Betonung des Mannes war trotzdem angsteinflößend. Gleichzeitig war mir jedoch bewusst, dass er mich nicht umbringen würde. Das wäre vollkommen unlogisch.
"Du bleibst hier. Fessele die Frau an einen Stuhl," rief der Mann noch über seine Schulter. Ich atmete langsam aus und machte mich dann seufzend daran Katherina an einen der Stühle vor dem Schreibtisch zu binden.


Mella

Am liebsten hätte ich den Rest des Abends einfach nur noch geschlafen. Es wäre besser für uns alle gewesen, ohne Frage, aber ich konnte im Augenblick nicht schlafen. Wie denn bitte auch? Es- Hilfe. Vielleicht sollte ich eines der Hörspiele anmachen, die mein Vater mir immer mitgebracht hatte, wenn er auf Reisen gegangen war. Als kleines Kind hatte es mich schließlich immer beruhigen können und im Augenblick fühlte ich mich in etwa so verletzlich wie ein kleines, wehrloses Kind. Es war kein schönes Gefühl, definitiv nicht - immerhin wollte ich doch groß und stark sein, auf mich selbst aufpassen und möglicherweise sogar so weit sein, dass ich gar keinen Bodyguard mehr benötigte. Zwar bezweifelte ich, dass mein Vater dabei mitspielen würde, aber ... Möglicherweise, wenn ich die richtigen Argumente hatte? Nur ... Im Moment würde es auf gar keinen Fall dazu kommen. Das- ... So auf gar keinen Fall.

Es dauerte auch gar nicht allzu lange, bis mein Vater mich besuchte.
"Mella, Schatz, es tut mir so leid ..."
Er versuchte seine sanfte Stimme zu nutzen, doch er zitterte immer noch ein klein wenig. Vermutlich würde das alles für Alexey auch nicht sonderlich gut ausgehen ...
"Ist schon okay, Vater ... Ist schon okay." Erschöpft ließ ich mich in seine Arme fallen und schluchzte an seiner Brust.
"Weißt du, es- Ich mochte es dort echt sehr, weißt du? Katherina war immer so nett und der Laden war so süß und ich ... V-verdammte scheíße. Ich weiß es doch auch nicht. Es- ... D-das ist doch einfach nur dämlich ..."
Seufzend kuschelte ich mich für einen weiteren Moment an ihn heran und blickte auf.
"Ich- ... Ich weiß nicht, ob ich in nächster Zeit rausgehen will."
"Das musst du auch nicht, mein Mädchen. Ich kümmere mich um alles, versprochen."
Seine Stimme wurde leiser, ein klein wenig tiefer. Auch, wenn er sich bemühte, wurde sein Griff minimal fester. "Ich werde mich jetzt gleich um diese dréckige Frau kümmern. Keine Angst, Schatz, sie wird uns nie wieder irgendjemandem verraten können. Sie wird gar nichts mehr verraten können."
Stumm nickte ich, biss mir auf die Lippe. Ändern konnte ich an seiner Meinung wahrscheinlich eh nichts - da war dieses wütende Glitzern in seinen Augen, welches voller Wut und Sturheit strotzte.
"Uhm ... Was ist denn eigentlich mit Alexey?", fragte ich vorsichtig, während Vater sich langsam erhob. Er sah nicht gerade glücklicher über diese Thematik aus.
"Du meinst den Bástard, der es nicht mal geschafft hat, dich eine einzige Nacht zu beschützen? Ich bin mir noch nicht ganz sicher, wie-"
"Einfach gar nicht.", murmelte ich leise, bevor ich wankend aufstand.
"Es ist doch schließlich nicht seine Schuld, ich meine- ... Woher soll er denn wissen, dass wir ihr nicht vertrauen können? Und ... Die anderen waren viel mehr als er ... Ich- ... Kann ich mit dir mitkommen?"
Skeptisch musterte er mich, alles andere als glücklich mit der momentanen Situation. Es sah so aus, als würde er zu einem Einspruch ansetzen wollen, doch letzten Endes nickte er nur kaum merklich und nahm meine Hand.
Schweigend führte er mich in den Raum, in dem Alexey, Katherina und mittlerweile auch ein paar andere bekannte Gesichter warteten. Sie hatten sie an einen Stuhl gebunden, während er von muskulösen Männern mit einer reichlichen Anzahl von Wáffen umringt war.
"Bevor wir zu dieser Verräterin dort kommen, kümmern wir uns noch um dich, Alexey." Die Augen meines Vaters hatten sich mittlerweile zu SchIitzen verengt, während er mit gemächlichen Schritten auf ihn zutrat. Mein Atem ging flach, als ich ihm mit vorsichtigen Schritten folgte.
"Wie kannst du es wagen, so etwas zuzulassen?", raunte mein Vater in einer tiefen, dunklen Stimme und sah ihm direkt in die Augen.
"Vielleicht hätten wir doch den anderen Kandidaten einladen sollen ..." Seine Hand schnellte direkt in sein Gesicht. Alexey zuckte nicht einmal für eine Sekunde zusammen - wie es aussah, hatte er ihn bereits ein paar mal geschlagen.
Vater holte zu einem weiteren Schlag aus. Was dachte er, würde das bringen? "Hör auf.", brachte ich schließlich nach einem weiteren Moment hervor und betrachtete ihn mit einem bösen Blick, "H-hör auf. Sofort. Alexey ist mein Bodyguard und ich entscheíde, ob und wie er bestraft wird." Langsam wandte ich meinen Blick von meinem Vater zu den versammelten Männern und anschließend zu Alexey.
"Du ... Du kommst jetzt mit mir mit.", bestimmte ich leise und nahm ihn an der Hand.
"Sei nicht zu grausam zu ihr, v-verstanden? Findet lieber erst mal heraus, warum sie es gemacht hat." Ohne weiteres verließ ich den Raum mit Alexey, mein Blick gesenkt.
"Tut mir leid.", flüsterte ich schließlich, als wir uns im Gang meines Zimmers befanden.


Alexey


Kaum hatte ich den letzten Knoten an den Fesseln der Frau festgezogen, betraten vier breitgebaute Russen den Raum. Instinktiv spannte ich mich an. Die gezogenen Ak-47s konnten ja wohl eigentlich echt nichts gute behaupten. Unsicher blieb ich hinter dem Stuhl der Frau stehen und bewegte meinen Blick nicht von einem Punkt auf der Wand gegenüber von mir weg. Die Männer neben, hinter und vor mir bewegten sich auch nicht und so standen wir da wie Holzsoldaten und warteten darauf, dass etwas, irgendetwas, passierte.

Nach einigen Minuten betraten Mella und ihr Vater das Zimmer. Ich war überrascht, dass das Mädchen dabei war. Wäre sie das auch, wenn sie wüsste, dass mich ihr Vater umbringen würde? Oder bedeutete ihre Anwesenheit, dass er mir eine zweite Chance gewähren würde? Ich blieb stehen wie davor, die Arme hinterm Rücken verschränkt, den Blick nach vorne gerichtet. Der Mann trat wieder vor mich und hob die Hand. Ich fragte mich ob er die Schläge mit Absicht so voraussehbar machte. Würde er ein Ausweichen oder Zucken als Schwäche interpretieren und mich erschießen lassen? Oder war sein Arm mit dem Alter einfach so schwer geworden, dass ihm ein subtileres Manöver nicht mehr gelang? Was auch immer es war, ich wiederholte den Vorgang von davor. Dieser Schlag war deutlich kräftiger als der Erste. Ich blickte ihn sofort wieder an.
Hätte in Italien Jemand seine Hand so gegen mich erhoben hätte ich sie abschneiden lassen. So musste ich mich zusammenreißen nicht das Blut, welches sich unter meiner Zunge sammelte, neben den Mann auf den Boden zu spucken, um nicht respektlos zu erscheinen. SO gut es ging unterdrückte ich meine Wut. Mein Gesicht fühlte sich blank an, vollkommen emotionslos. Hoffentlich sah es so auch aus.

Grade als der Mann zu einem neuen Schlag ansetzte sprach Mella auf. Ich war nicht der einzige Mann im Raum dessen Blick sich überrascht auf das Mädchen richtete. Sie sprach fast schon kommandierend mit ihrem Vater. Instinktiv fragte ich mich ob mein Vater auch auf meine kleinen Schwestern hören würde. Vermutlich nicht.
Unsicher ließ ich meine Augen auf dem Mädchen, das meine Hand ergriffen hatte. Ich sah nicht zurück, als sie mich aus dem Raum führte und durch die Gänge.

Erleichterung erfüllte mich, als mir klar wurde, dass ich heute nicht sterben würde. Und ich beeilte mich mit Mella schritt zu halten. Kurz vor ihrer Tür flüsterte das Mädchen plötzlich etwas, das sich wie "Tut mir leid" anhörte. Ironisch lachte ich auf.
"Mella, du hast mir mein Leben gerettet, obwohl das eigentlich mein Job ist. Ich bedanke mich bei dir," sagte ich langsam und sah dem Mädchen in die Augen. Ich respektierte weder sie noch ihre Familie, aber ich konnte nicht abstreiten, dass ich ohne sie vermutlich tot wäre. Und ich hatte keinen Bock zu sterben.

Da die Glückshormone in mir immer noch relativ hoch waren, hielt ich dem Mädchen die Tür auf und folgte ihr dann in ihr Zimmer. Ich war mir zwar nicht sicher, ob sie das stören würde, aber wenn das der Fall war, dann könnte sie mich ja jeder Zeit wegschicken.
Sobald ich ihr Zimmer betreten hatte, stolperte ich jedoch erstmal zum Waschbecken und spuckte das Blut in meinem Mund aus, das von einer aufgeplatzten Lippe stammte. Dann wandte ich mich dem Mädchen wieder zu und sah sie an.
"Haben die Bulgaren dir eigentlich was auf den Bauch geschrieben?" fragte ich nach, als mir wieder einfiel, dass ich so etwas in der Limousine gesehen hatte. Unsicher überlegte ich ob mich ihr Vater nicht vielleicht doch noch häuten würde, wenn er das sehen werden würde.


Mella

Was hatte ich mir dabei nur gedacht? Klar, mein Ziel war es gewesen, ihn vor meinem Vater zu bewahren und das hatte ich wohl auch mehr oder weniger geschafft, doch ... Es hatte mehr sein können, nein, sollen. Es hätte mehr sein sollen, definitiv. Ich- Hilfe. Wieso hatte ich mir überhaupt erst angesehen, wie er geschlagen wurde? Was sollte das? Wieso- Himmel. Warum war ich denn so ... Gefroren gewesen? Als wäre es gar nicht ich, die dort gestanden hatte, sondern nur mein Körper, während ich aus weiter Entfernung zusah. Dabei war ich doch nicht mehr das kleine Mädchen, das noch Angst gehabt hatte, gegen ihren Vater zu sprechen. Es war sinnlos, denn ehrlich, es gab keinen Grund für mich, irgendwelche Angst vor meinem Vater zu haben. Von unseren Männern konnten sich das vielleicht nur die wenigsten vorstellen, aber er war einer der liebsten Männer in der Welt ... Solange es um seine Familie ging. Schwach kratzte mich am Hinterkopf und sah schließlich mit einem unsicheren Lächeln zu Alexey. Er lachte? Nun, es klang zwar nicht gerade nach einem fröhlichen Lachen, aber allein die Tatsache, dass er dazu fähig war, schien mir ein mehr oder weniger gutes Zeichen zu sein.
"Ich wünschte, du hättest damit Unrecht, aber ... Leider kenn ich meinen Vater dafür zu gut. Er kann manchmal ganz schön unfair sein." Und das war noch eine nett gemeinte, liebevolle Untertreibung meinerseits. Wirklich, er ... Vater konnte maßlos übertreiben. Ich wollte gar nicht erst wissen, was womöglich Katherina alles zustoßen würde.
Alexey fand seinen Weg schnell zum Waschbecken, vermutlich, um herauszufinden, wie viel Schaden mein Vater angerichtet hatte. Ob es wirklich so schlimm war, wie es sich anfühlte. Allerdings schien ihm bei der Gelegenheit ausgerechnet diese Sache einfallen müssen.
"Keine Sorge, ich hab mich schon drum gekümmert. Alles gut.", beruhigte ich ihn mit dem Versuch eines Lächelns und rieb mir leicht den Bauch. Es war okay, ja ... Eigentlich war es das nicht, aber wenn ich das ganze so schnell wie möglich los wurde, desto besser.
"Kümmer du dich lieber mal um dein Gesicht, sonst siehts am Ende noch so aus als hätten wir gerade eine Halloweenparty gehabt."
Lächelnd drückte ich ihm ein Tuch in die Hand und ließ mich auf mein Bett fallen.
"Falls es zu schlimm ist, können wir dir auch noch Eiswürfel aus der Küche holen. "
Auch, wenn ich noch nicht schlafen konnte, wusste ich nicht so ganz, was ich jetzt machen sollte. Es- ... Vielleicht wäre es das Beste, einfach einen Film zu gucken und dabei langsam einzuschlafen.
"Hey, sag mal, welchen Film willst du lieber sehen? Uhm ... Die sagen mir beide ehrlich gesagt nichts, mein Vater hat die nur von seinem letzten Trip mitgebracht, also ... Der hier ist über irgendeine verbotene Liebesgeschichte in Italien - klingt ja fast ein bisschen wie Romeo und Julia hier - und der andere ist über einen Roadtrip von Rom nach Barcelona ... " Etwas verwirrt zog ich die Augenbrauen zusammen. Ich war zwar nicht zwingend uptodate, was Popkultur anging, aber sie kamen mir beide wirklich nicht allzu bekannt vor.
"Lies dir mal die Beschreibung durch oder so, ich geh mich schnell fertig machen."
Rasch schnappte ich mir meinen Schlafanzug und begab mich in mein Badezimmer. Vielleicht wäre es am besten, wenn ich noch eine Dusche nahm ...
Keine zehn Minuten später stolperte ich auch schon wieder in mein Zimmer zurück, meine nassen Haare halb in meinem Gesicht, während sich mein kuschliges rosa Top sowie die weißen flauschigen Shorts an meinen Körper schmiegten.
"Und, schon für einen Film entschieden? Ich- ... Also, wenns dir nicht ausmacht, würde ich gern mit dir was eingucken, bis ich einschlafe ..." Lachend schüttelte ich den Kopf.
"Wird glaube ich auf jeden Fall besser funktionieren, als wenn du mir wieder etwas erzählst."

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