crossfire || Amary & ich
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Re: crossfire || Amary & ich
from malitsuki on 11/05/2019 03:36 PMMella
"Das Wichtigste dabei ist, dass du deinen Halt nicht verlierst. Die meisten vergessen das, aber die richtige Fußstellung und Grundhaltung sind am wichtigsten. Sonst-"
M-moment, das- Warum? Ich- Mein Freund? Wieso musste denn Krushnikov jetzt auch noch damit anfangen? Das- Er-
Re: crossfire || Amary & ich
from Amary on 11/03/2019 09:09 PMAlexey
Die nächsten Tage vergingen schneller als mir lieb war. Wenn ich mir eine Routine angewöhnte, weniger vorsichtig wurde, so würde es den Russen leichter fallen mich in einer Lüge zu erwischen. Und das wollte ich nicht. Aber das ständige Aufpassen, bloß nichts zu sagen, bloß nicht zu verwöhnt oder intelligent oder informiert zu wirken, Mella nicht anzuschnauzen, dass sie sich mir gegenüber nicht wie eine alte Freundin zu benehmen hatte, sondern mit Respekt und Demut, zehrte an meinen Energiereserven. Deshalb tat es umso besser, dass die Russentochter ihr Versprechen wahrzumachen schien und mir mitteilte, ich würde das Wochenende über frei haben. Zwar wünschte ich mir nichts sehnlicher als mich einfach für die Tage auszuruhen, aber ich wusste, dass ich mir diese Adresse endlich angucken musste. Die Begegung mit Matteo war immerhin schon mehr als eine Woche her und ich hatte keine Ahnung was an dieser Adresse auf mich wartete. Immerhin hatte ich sie mir notiert, sobald ich außerhalb Mellas Sichtfeld war, aber es wäre mir trotzdem lieber mit der ganzen Situation abzuschließen.
Im endeffekt entschloss ich mich die Adress ersteinmal zu googlen. Ich hatte eine alte Fabrik oder etwas ähnliches erwartet, aber die Bilder im Internet sahen einfach nach einem Wohnblock aus, der zwar, zugegebenermaßen, in einer unsicheren Nachbarschaft Moskaus zu stehen schien, allerdings immerhin bewohnbar wirkte. Ich suchte mir die U-bahn verbindung heraus und fand noch eine kleine Kirche die auf Marias Schutz besonders viel Wert legte und sich im gleichen Stadtviertel befand. Die war eine Ausrede, die so gut wie jede andere funktionieren würde.
Samstagmorgens wachte ich noch vor meinem Wecker auf und spürte die Nervosität, mit welcher ich jeden der Tage in Russland begann. Mein Magen knotete sich heute noch mehr als normalerweise zusammen. Gott, ich vermisste Italien so sehr.
Ich blieb noch ein paar Minuten liegen, starrte an die Decke und versuchte mich zu beruhigen. Irgendwann stand ich auf, duschte kurz und schrieb Mella dann auf einen Zettel, dass ich in die Kirche gehen würde. Ich spezifizierte nicht welche, aber wenn sie fragen würde, hätte ich den Namen, sowie eine Ausrede warum es genau diese sein musste. Dann schnappte ich mir meine Sachen und navigierte die Gänge zum Ausgang. Dort stand einer der Männer, die ich in den letzten paar Wochen zwar öfter gesehen hatte, jedoch nicht einordnen konnte. Ich grüßte knapp und trat auf die Straße. Ich hatte keinen Schlüssel, aber die Tür öffnete sich, wie viele Eingangstüren in Moskau, durch einen Zahlencode, den ich inzwischen oft genug gesehen hatte um ihn mir gemerkt zu haben.
Der Weg zu der Adresse war nicht sonderlich lang, aber je näher ich ihr kam, desto nervöser wurde ich tatsächlich. Die Angst von jemandem gesehen zu werden war genauso präsent wie die Angst mein Vater hätte mir schlechte Nachrichten überbringen lassen. Was wenn etwas passiert war? Oder ich Mella jetzt schon irgendwie nach Italien schaffen müsste? Dafür vertraute sie mir noch lange nicht genug.
Als ich die Wohnung erreichte, die auf dem Zettel gestanden hatte klopfte mein Herz so laut, dass ich es in meinen Ohren wiederhallen hörte. Ich rüttelte an der Klinke, aber die Tür war abgeschlossen. Das war wohl ein gutes Zeichen. Hoffentlich. Ich klopfte an die Tür, dreimal hintereinander. Dahinter waren Schritte zu hören. Es dauerte ein paar Sekunden, dann öffnete sich die Tür. Ich war enttäuscht dahinter nicht Matteo zu finden, sondern den Mann mit dem er unterwegs gewesen war. Den ich nicht hatte einordnen können. Er ließ mich wortlos an sich vorbei in die Wohnung, doch ich vermied es vorsichtig, ihm nicht meinen Rücken zuzuwenden. Er versuchte allerdings nicht mich zu attackieren, schloss nur die Tür und bedeutete mir dann ihm zu folgen. Wir betraten ein kleines Wohnzimmer mit dreckiger Tapete. Auf dem Kaffeetisch lag ein Paket, eingeschlagen in braunes Papier und mit Kord umwunden. Ich schnitt das Papier mit meinem Taschenmesser auf und öffnete die Pappbox, die darunter zu finden war ungeduldig. Darin befanden sich mehrer Blätter Papier und ein Schlüssel.
"Für diese Wohnung," erklärte der Mann hinter mir in schlechtem italienisch. Er wusste sicher, dass ich russisch sprach, aber die Sprache meiner Heimat zu hören, tat so gut, dass ich mir fast sicher war, es wäre im verboen worden in meiner Gegenwart russich zu sprechen. Ich nickte und ließ den Schlüssel in meiner Tasche verschwinden. Dann nahm ich die Blätter aus dem Karton.
Bei den ersten paar handelte es sich um Schecks in meinem russischen Namen, ausgestellt im Namen meiner ausgedachten, russischen Mutter. Die Summen waren zwar nicht sonderlich groß, sorgten insgesamt aber für eine Menge an Geld. Ein Rückfallplan für etwaige Notfälle, nahm ich an.
Erst als ich diese Schecks wieder weggelegt hatte, fiel mein Blick auf das eigentlich spannenede. Es handelte sich um einen Brief, in der Handschrift meines Vaters, wenn auch in englisch, nicht italienisch, verfasst. Ich überflog ihn einmal und las ihn dann nochmal gründlich.
"Sohn,
ich erwarte, dass es dir gut geht. Hir läuft alles ideal, auch wenn du natürlich sehr vermisst wirst. Es ist nicht leicht ohne dich einzukaufen, mein Rücken bereitet mir Probleme. Ich brauche bald eine Stütze nehme ich an. In zwei Monaten werde ich spätestens zum Arzt gehen. Anbei sende ich Schecks von mir und deiner Mutter. Nutze sie bitte nur für wichtige Projekte und deine Reisen. Habe ich dir mal von meinem guten Freund Anatoly erzählt? Er wohnt auch in Moskau. Falls du Hilfe brauchst, in der großen Stadt, so wende dich doch an ihn. Er ist bestimmt bereit dir zu helfen.
Mit Liebe und Grüßen,
dein Vater"
Der Brief war verschlüsselt, was ich zwar irgendwo zu erwarten, aber dennoch beeindruckend fand. Die Zeitangabe, zwei Monate, damit vermittelte mein Vater eine Art deadline. Ich hatte zwei Monate, dann sollte ich zurückkommen. Und Mella mitbringen natürlich.
Zwei Monate. War das möglich? Naja besser als zwei Wochen. Oder zwei Tage.
Bei Anatoly musste es sich um einen Spitzel handeln. Ich verstand allerdings nicht, warum mein Vater mir nicht gleich von ihm erzählt hatte. Vielleicht war er noch nicht lange ein Teil des russischen Mobs, vielleicht war er sogar erst nach mir dazugekommen? Oder mein Vater hatte ihn erst nach meiner Ankunft hier bestechen können. So oder so, es musste einen Grund geben, warum ich erst jetzt von ihm hörte. Ich vertraute meinem Vater. Er würde schon wissen was er tat.
Noch einmal studierte ich den Blick und die Schrift meines Vaters, das erste Zeichen, dass ich seit Wochen von ihm hatte, dann ging ich ins Bad und zog, in einer schnellen Bewegung, mein Feuerzeug aus der Tasche, zündete den Brief an und ließ ihn ins dreckige Waschbecken fallen. Ich sah zu, wie sich das Papier kräuselte und verfärbte, bis die Flamme erlosch und die Überreste zu schwarzen Krümeln zerfielen. Dann nahm ich die Schecks vom Kaffeetisch und deponierte sie in der obersten Schublade einer alten Kommode. Ich verabschiedete mich von dem schweigsamen Mann, der die ganze Zeit nur beobachtet hatte, was ich tat, und verließ die Wohnung. Ich stoppte noch schnell bei der Kirche, sah sie mir an, prägte mir das Bild so gut wie möglich ein und machte mich dann auf den Rückweg. Mir ging es deutlich besser als diesen morgen, auch wenn die angefangenen zwei Monate, die mein vater erwähnt hatte, mir auf den Schultern lagen.
Re: crossfire || Amary & ich
from malitsuki on 09/06/2019 04:50 PMAlexey
Ich hörte Mella aufmerksam zu, aber sie sagte nichts über die Italiener, sondern erzählte mir nur über die Zeit als sie von Zuhause weggelaufen war. Die Phase hatte ich auch mal gehabt. Ganz leicht grinsend dachte ich an die Woche in der ich mit Matteo aufs Land abgehauen war. Wir hatten Essen und ein Zelt mitgenommen und unsere Handys weggeschmissen. Wir hatten natürlich nie vorgehabt wirklich lange wegzubleiben, aber die Woche hatte sich trotzdem toll angefühlt. Das war vor fast genau vier Jahren gewesen. Am ersten Tag hatten wir uns die Tattoos stechen lassen. Leider waren wir relativ schnell erwischt und wieder eingefangen. Mein Vater war unglaublich wütend und hatte vorgehabt Matteo zu erschießen, weil er mich nicht aufgehalten hatte, ja sogar mitgekommen war.
Das war das einzige Mal, dass ich je geweint hatte, jedenfalls soweit ich mich erinnern konnte. Es war ein seltsames Gefühl gewesen, diese schreckliche Angst um meinen besten Freund zu haben. Mein Vater war ein grausamer Mann, aber diese Wut hatte sich noch nie gegen mich gerichtet und auch nicht gegen meine Freunde. Er hatte mich geschlagen, als er mich weinen sah, aber das nahm ich ihm nicht übel, denn immerhin hatte er Matteo in Ruhe gelassen. Jedenfalls so halb. Er hatte uns fast fünf Monate von einander fern gehalten, bis zu meinem achtzehnen Geburtstag. Ich hatte ihm noch nie erzählt, dass mein Vater ihn hatte umbringen wollen. Das wäre idiotisch gewesen. Immerhin musste er mir gegenüber, und somit auch meinem Vater gegenüber, loyal sein.
Als Mella begann über ihre Rolle und ihr Leben zu sinnieren, konzentrierte ich mich wieder auf ihre Worte. Sie hatte wohl Recht, ihr Leben wäre als Junge deutlich mehr in das Geschäft ihres Vaters eingebunden, aber ob das wirklich so viel schlimmer gewesen wäre? Für Mella vermutlich schon, aber ich war mir ziemlich sicher, dass es meinen kleinen Schwestern als Jungen besser gegangen wären. Denn so würden sie an Jemanden verheiratet werden, den sie nicht kannten und vermutlich auch nicht liebten, um die Familie zu stärken. Nun jeder trug seinen Teil zu unserer Organisation bei.
"Es ist gar nicht so schwer. Das Töten, meine ich. Klar am Anfang ist es brutal, aber man gewöhnt sich schnell dran," sagte ich, halb aufmunternd, halb informierend. Ich konnte mich hier jetzt nicht von der Mob-Prinzessin voll-heulen lassen, dass sie niemanden töten könnte, das tat ja fast schon weh.
"Ich könnte es dir beibringen," bot ich an, wenn auch eher ironisch. Diese Schwäche von Mella war für mich immerhin ein Vorteil. Aber ein guter Bodyguard würde das wohl anbieten, richtig? Vor allem, da das Mädchen ja offensichtlich nicht einmal den Gedanken zu ende bringen konnte, ohne sich schlecht zu fühlen. Sie war schon irgendwie ganz schön erbärmlich.
Mella
War es eigentlich eine gute Idee, dass ich so ausführlich mit ihm darüber sprach? Natürlich, er war mein Bodyguard, er würde mehr oder weniger alle meine intimsten Momente mitbekommen (leider), aber ... Sollte ich so etwas nicht für mich behalten? Vater sagte immer, dass ich zu offen und gutmütig war, zu naiv. Doch ... War er es denn nicht eigentlich sowieso offensichtlich? Ich war nicht besonders stark, deswegen brauchte ich doch auch einen Bodyguard. Zwar hatte jeder in diesem Geschäft einen Bodyguard, aber ... Es ... Ich war lediglich nicht stark genug. Nicht annähernd, obwohl ich es sein sollte. Ich- Moment.
"Es ist gar nicht so schwer. Das Töten, meine ich. Klar am Anfang ist es brutal, aber man gewöhnt sich schnell dran. Ich könnte es dir beibringen, wenn du willst."
War das sein Ernst? Er- Nein. Das ... Das konnte er doch nicht- Aber er wollte wirklich- Was- An wem- Wie? Wie konnte er so etwas einfach nur so sagen?
"Ich- ... N-nein. Nein. Auf gar keinen Fall. Es- Nichts für Ungut."
Verlegen kratzte ich mich an der Wange und schluckte. Okay. Ruhig bleiben. Er hatte es ja nicht irgendwie böse oder gar ernst gemeint - Das war wohl eher ein kläglicher Versuch, mich aufzuheitern, wenn ich das richtig verstand.
"Uhm, also ... N-nein, Tötén könnte ich nicht. Selbst, wenn es noch so einfach wäre, wie wenn man einem Baby den Schnuller wegnimmt. Ich ... Ehrlich, ich will nicht, dass jemand wegen mir stirbt. Es wäre mir eigentlich auch lieber, gar keinen Bodyguard zu haben, aber dann darf ich nie wieder rausgehen, also ... Werde ich da wohl in den sauren Apfel beißen."
Es- Gott. Klang das abgehoben? Schließlich war das immer noch sein Job, über den ich mich hier so ausließ. Freiwillig hatte er sich das bestimmt auch nicht ausgesucht, doch ... Trotzdem. Das war wahrscheinlich das letzte, was man hören wollte. Okay, durchatmen. Hoffentlich hatte er das nicht bereits als Beleidigung aufgefasst.
"Eh, also, ich ... Sorry. So war das nicht gemeint, es ... Entschuldige."
Vielleicht wäre es besser, gar nichts zu sagen? Oder doch eher das Thema zu wechseln, wobei er ohnehin eher zur weniger gesprächigen Sorte Mensch zählte. Allerdings konnte er unter Menschen, die er mochte und schätzte (und die nicht jederzeit dafür sorgen könnten, dass er starb) vielleicht auch super gesprächig sein. Mitbekommen würde ich es vermutlich sowieso nicht - er schien sich ja nicht gern zu unterhalten, besonders nicht über sich selbst. "Ehm, aber- Jedenfalls ... Training wäre vielleicht gar nicht so verkehrt! Ich hab mal ein bisschen Selbstverteidigungstraining gehabt, aber nachdem ich mir meinen Arm gebrochen hatte, war Vater eher weniger begeistert davon. Aber ... Wenn wir vorsichtig sind, kriegen wir das bestimmt hin - n-natürlich nur, falls du willst. Ich ... Fänds gut, wenn ich mich nicht nur auf dich verlassen muss, sondern auch selbst etwas tun und dir vielleicht sogar helfen kann."
Alexey
Das war ja wohl die voraussehbarste Antwort die das Mädchen mir hätte geben können. Aber gut, umso besser für mich. Vermutlich würde sie, würde denn der Fall eintreffen, dass ich sie nach Italien verschleppen müsste, sich noch bei mir entschuldigen, während ich sie in ein Flugzeug zerrte, weil sie mich aus Selbstverteidigung gekratzt hatte, oder so.
Das sie keinen Bodyguard wollte passte allerdings auch überhaupt nicht zu dem Charakter den man so einem Mädchen zuschreiben würde. Wäre ich so klein und hilflos wie sie würde ich mich ganz sicher nicht oft aus dem Haus trauen, und ganz sicher nicht alleine. Dennoch, irgendwie machte dieses Verlangen nach Freiheit, danach zu gehen wann und wohin man wollte, ohne immer überwacht und verfolgt zu werden, auch sinn. Ob sie das je gekonnt hatte? Vermutlich nicht, mit einem Vater wie dem ihren. Aber warum auch? Ich war auch nie frei gewesen. Das stand uns nicht zu. Es gab schlimmeres.
Also kein Mordtraining. Aber Selbstverteidigung wollte sie lernen. Nun das konnte ich ihr schlecht abschlagen, auch wenn sie für mich natürlich einfacher zu entführen wäre, wenn sie sich nicht wehren konnte. Aber gut das konnte ich ihr ja schlecht sagen. Stattdessen nickte ich. "Ich bring dir was bei, aber falls du angegriffen wirst, darfst du trotzdem nicht versuchen dich selbst zu verteidigen. Du musst dich auf mich verlassen, aber ich kann dir ein paar Taktiken zeigen, damit du Angreifer so lange abhalten kannst, bis ich bei dir bin."
So ähnlich hatte Matteo seine kleine Rede formuliert als wir zehn gewesen waren. Damals hatte er noch die Aufgabe gehabt mich zu beschützen, aber ich hatte ihn relativ schnell von seiner Bodyguard Rolle befördert. Außerdem hatte ich ja am Ende doch gelernt mich selbst zu verteidigen. Schon irgendwo seltsam.
Ich fühlte ein kurzes Kribbeln in meinem Bauch. Ich vermisste den Italiener, aber das hatte ich bis jetzt gut verdrängt. Ihn so zu sehen und nicht umarmen zu können war fast schon schmerzhaft.
Als ich meinen Blick wieder auf Mella richtete, schoss mir eine Frage durch den Kopf, die ich ihr eigentlich schon gestern hatte stellen wollen: "Sag mal, wie genau soll ich dich eigentlich ohne eine Waf'fe verteidigen? Warum hat mir noch niemand wenigstens eine Pistole gegeben? Das erscheint mir irgendwo komplizierter als es sein müsste." Ob sie mir nicht genug trauten? In Italien bekam jeder Soldat von seinem jeweiligen Capo eine Schuss***, sobald er tatsächlich beigetreten war, aber hier schien das offensichtlich anders zu sein. Wobei ich natürlich eigentlich gar nicht als Soldat klassifiziert war. Trotzdem, eine Wa'ffe hätte ich gerne. Fast schon unterbewusst zog ich Mella etwas näher an mich heran, als wir uns wieder auf eine große Menschenmasse zubewegten. "Wehe du verschwindest jetzt wieder," sagte ich lachend und legte meinen Arm um ihre Schulter.
Mella
Wir sollten wirklich das Thema wechseln. Selbstverteidigung war zwar nicht ganz so schlimm wie Tötén, aber ... Ich würde mich gern normal mit ihm unterhalten. Natürlich war es nochmal eine andere Frage, was "normal" für uns bitte schön heißen sollte, aber konnte ich nicht wenigstens so tun? Ein kleines bisschen wenigstens?
Seufzend schüttelte ich den Kopf und hörte ihm weiterhin zu. Okay, also ... Er würde mir etwas zeigen, ja? Wenigstens das. Dann hatte ich ja auch etwas zu tun, wenn wir später nach Hause kamen - wobei ich nicht so recht verstand, wieso ich mich nicht selbst verteidigen durfte. Aber er hatte bestimmt schon seine Gründe und im Notfall musste ich eh selbstständig handeln, also von daher ...
Allerdings sah es so aus, als ob wir von dem Thema nicht ganz so schnell abkommen würden, was? Die Frage verstand ich ja sogar, immerhin war es ein recht gefährlicher Job und er könnte eine Wáffe garantiert gebrauchen. Ich hatte Vaters Methóden noch nie so richtig verstanden, um ehrlich zu sein.
"Ich- ... Ehrlich gesagt weiß ich das nicht so recht. Ich vermute mal, dass das damit zu tun hat, dass du noch ziemlich neu bist. Mit einer Wáffe scheinst du ja umgehen zu können, aber ... Vielleicht will er auch erst mal testen, wie du dich ohne schlägst? Wobei ich bezweifle, dass er das in der Öffentlichkeit machen würde. Uhm, also wenn du möchtest, kann ich ihn ja deswegen mal fra- Hey!"
Lachend schüttelte ich den Kopf und schnipste ihm leicht gegen die Stirn, als er mich ein Stückchen zurückzog.
"Wenn du mich schon so herausforderst, muss ich doch gIatt mal eine Runde Verstecken mit dir spielen! Aber ... Davor noch was anderes. Ehm, sag mal ... Du bist doch zur Schule gegangen, oder? Wie ... Wie war das denn eigentlich so?"
Ich wäre auch gern einmal gegangen, aber Vater hatte nicht mit sich reden lassen. Es war verständlich irgendwo, natürlich, doch es war dennoch unfair. Ehrlich, das ... Hilfe. Hatte Vater eine normale Schule besucht? Oder hatten Großvaters Geschäfte ihn daran gehindert? Allerdings war das Geschäft erst so richtig gewachsen, als Vater endlich Einfluss genommen hatte. Doch die viel zu beschützerische Ader von Großvater hatte er definitiv von ihm geerbt.
Hoffentlich hatte Alexey wenigstens von der Schulzeit ein paar schöne Erinnerungen! Es wäre auf jeden Fall ein angebrachteres Thema, insbesondere, wenn man in Betracht zog, dass wir uns mehr und mehr den Läden näherten und es vielleicht nicht allzu optimal wäre,wenn man uns über Wáffen reden hörte. Schließlich waren hier doch auch nur ganz normale Jungen und Mädchen, die sich ein paar Klamotten kaufen wollten, um vielleicht ihren Schwarm oder so etwas zu beeindrucken. Es- Vielleicht sollte ich ihn das einmal fragen? Ob er schon mal verliebt gewesen war? Wobei, es ... Wahrscheinlich war das ein bisschen zu persönlich. Am besten wäre es wohl, wenn ich erst mal auf seine Antwort wartete und mich danach auf meine To-Do-Liste konzentrierte.
Alexey
Also vertrauten sie mir wohl doch nicht so richtig. Das erschein mir zwar etwas naiv, immerhin könnte ich jederzeit in Mellas Zimmer schleichen und sie mit einem Kissen ersticken, aber ich nahm an, so würde ich immerhin nicht auch noch viele der Männer umbringen können, oder so. Na gut irgendwann würde ich schon noch eine Wa'ffe kriegen. Wenn ich denn überhaupt noch allzu lange hier bleiben sollte. Ich musste irgendwie an die Informationen an dieser Adresse kommen.
Die Menschen vor uns schnatterten laut vor sich hin, und als ich Mella zuhörte, zog ich sie instinktiv noch mal etwas näher an mich, "Wag es ja nicht", zog ich sie spielend auf und musste grinsen. Das war ja eklig, da lief ich neben der Tochter des russischen Mob Bosses durch die Moskauer Innenstadt und lachte mit ihr, über etwas, dass mich sehr wohl das Leben kosten konnte. Verdammt eigentlich konnte mich hier alles das Leben kosten, dass war mir gar nicht so klar gewesen. Mein Grinsen erstarb, nicht nur wegen der ständigen Bedrohung meiner Existenz, sondern auch wegen Mellas überraschender Frage. Nein, in einer richtigen Schule war ich nie gewesen, ich hatte Privat'unterricht gehabt, aber das würde ich ihr wohl schlecht sagen können. Ich erinnerte mich dunkel an den Namen der High School auf die Alexey Danshov gegangen sein sollte, die somit also vermutlich in meiner Akte vermerkt war, aber der Name würde sie vermutlich nicht zufrieden stellen.
"Äh ja ich war auf einer richtigen Schule," log ich vor mich hin, "Es war ziemlich langweilig. Nicht besonders viel ist passiert. So richtig gefeiert habe ich erst auf dem College. In der Schule war ich eher ein Streber. Die meisten wussten nicht mal, dass ich MMA gemacht habe. Ich hatte einen ganz guten Freund, aber sonst war ich eher ziemlich uncool. Aber es war jetzt nicht schlimm oder so, kein Mobbing. Es hat ehrlich gesagt einfach kaum jemand mit mir geredet. Der Unterricht war jetzt nicht super. Du bist wahrscheinlich deutlich gebildeter als ich," ich lachte leise, so für dramatischen Effekt, "von Politik und so verstehe ich nicht besonders viel. Naja, ich bin froh da weg zu sein, es war ganz schön monoton."
Ich strich mir durch die Haare. Das würde sie doch hoffentlich überzeugen, richtig? Ich meine was konnte man denn von seiner Schulzeit erzählen?
Mella
Lächelnd schüttelte ich minimal den Kopf und sah Alexey ein wenig schief an. Er sollte also ein Streber gewesen sein, ja? So sah er nun wirklich nicht aus. Aber man sollte ja niemanden nach dem Äußeren beurteilen, richtig? Intelligent musste er ja auch sein, wenn man bedachte, dass er studierte und sich bis zu diesem Posten gekämpft hatte. Vater nahm nicht einfach nur den stärksten Mann, den er auf die Schnelle finden konnte - da gehörte wirklich ein bisschen mehr dazu.
"Echt? Monoton? Aw, das ist schade ... Irgendwie hab ich mir das lustig vorgestellt, so mit anderen Leuten, Freunden ... Aber das kommt wohl immer darauf an, wo man hinkommt, nicht wahr?" Allmählich näherten wir uns dem Ziel.
"Aber gebildeter bin ich glaub ich nicht - wir haben einfach nur ganz verschiedene Dinge gelernt! Und auch, wenn du das vielleicht anders siehst, würde ich in manchen Sachen schon mit dir tauschen wollen ... A-aber na ja, auch egal. Mal was anderes ... " Hm, was könnte ich noch mit ihm bereden? Möglichst etwas Leichtes, etwas, das in einem Laden nicht allzu wirklich auffiel ...
"Also, falls du sonst irgendetwas brauchst, kannst du's natürlich einfach sagen. Ich weiß ja nicht, wie's mit deinem Gehalt aussieht, aber ... Vater weiß eh nie, was ich kaufe."
Okay, das war jetzt nicht unbedingt besser, aber- Himmel. Es- Das- ... Okay.
"Du kannst übrigens ruhig ein bisschen Abstand halten ...", murmelte ich ihm leise zu, "Hier sind eh so viele Leute, dass ich bezweifle, dass irgendjemand etwas versuchen würde. Und abhauen werde ich schon nicht, versprochen. Ich- Oh!"
Mit großen Augen rannte ich auf die Kleider zu. Wie wunderschön sie nur waren! Aber ... Warum sahen sie alle so ... So festlich aus? Natürlich brauchte ich etwas Festliches, aber ...
"Oh, das weiße Kleid ist so schön ... Aber das sieht aus wie ein Hochzeitskleid.", murmelte ich vor mich hin und schüttelte minimal den Kopf. "Vielleicht ... Das schwarze?" Sofort hüpfte ich nach oben, um es irgendwie zu fassen, doch letzten Endes half mir eine der Verkäuferin, es herunterzuholen.
"Alexey? Ich geh mich umziehen, ja? Kommst du mit?"
Ach, das würde er schon - sobald ich eine Umkleide gefunden hatte. Es war tatsächlich ein bisschen schwieriger als geplant, doch letzten Endes schaffte ich es, mir das schwarze Blumenkleid überzuziehen.
"Und, was meinst du? Oder ist das zu dunkel?"
https://www.gemgrace.com/20653-thickbox_default/black-a-line-off-the-shoulder-high-low-tulle-formal-dress-with-embroidery.jpg
Alexey
Unbehaglich lief ich neben Mella auf den Laden zu. Sie schien mir meine Lüge geglaubt zu haben. Zum Glück redete sie immer soviel. Ihre Gedanken mussten so sehr hin und her springen, dass ihr bestimmt gar nicht auffiel wie nervös mich dieses kleine Verhör grade gemacht hatte.
"Also eigentlich brauch ich soweit nichts. Und das mit dem Gehalt hat noch niemand mit mir besprochen. Aber das wird schon noch kommen. Solange ich was zu Essen habe bin ich glücklich," lachte ich und versuchte die Tatsache zu ignorieren, dass mir der Komfort meines italienischen Lebens deutlich mehr fehlte, als ich je gedacht hätte. Ich war ja vollkommen verwöhnt...
Als wir den Laden betraten und Mella mich langsam wohl doch loswerden wollte, nahm ich meinen Arm von ihrer Schulter und verschränkte die Arme vor der Brust. Schade eigentlich, sie war eine perfekte Stütze gewesen.
Das Mädchen hüpfte gradezu auf die Kleider zu. Das sie überhaupt noch shoppen ging nach dem was Gesten passiert war, überraschte mich, aber ich entschloss mich das lieber nicht zu erwähnen. Sie plapperte vor sich hin, über Kleider und Farben, während ich meine Augen über den Laden schweifen ließ. Er wirkte nicht bedrohlich, aber das hatte die Boutique gestern auch nicht, und wir wussten ja wie das ausgegangen war. Als sie versuchte an ein Kleid zu kommen, dass sie offensichtlich auch durch hüpfen nicht erreichen konnte, überlegte ichkurz ihr zu helfen, aber sie sah so süß aus, wie sie sich vergeblich streckte und versuchte an den Stoff zu kommen, dass ich wartete bis sich ihr eine größere Verkäuferin erbarmt hatte. Fast sofort, davor rief sie mir noch etwas zu, stürmte das Mädchen schon wieder los. Resigniert trottete ich ihr hinterher, in Richtung Umkleiden.
Es dauerte gut zehn Minuten bis Mella wieder aus der Umkleide kam, ihre Alltagsklamotten durch das festliche Kleid ausgetauscht. Es stand ihr wirklich süß, wobei sie mir etwas zu dünn aussah. Sie wirkte so zerbrechlich, dass ich sie automatisch hochheben und an mich drücken wollte... Also natürlich nur, weil ich so in meiner Rolle versunken war. Eigentlich war sie mir natürlich egal. Ich schloss kurz die Augen, zählte bis drei und atmete tief durch. Dann blickte ich sie wieder an, lächelte und sagte voller Überzeugung: "Steht dir echt gut. Siehst zum Anbeißen aus. Viel besser als ein Hochzeitskleid. Und durch die Blumen wirkt es auch nicht zu dunkel."
Dann drehte ich mich demonstrativ in eine andere Richtung und scannte den Laden nach irgendwelchen, nicht existenten, Bedrohungen ab, damit sie das leichte rot auf meinen Wangen nicht erkennen konnte.
Mella
Aah, das Kleid war wirklich so unglaublich süß. Aber ... War das denn nicht doch zu dunkel? Zu traurig? Schließlich war das nichts für eibe Trauerfeier. Allerdings passten die Blumen auch nicht unbedingt zu einer Trauerzeremonie. Es- Hilfe. Warum war das denn nur so schwer? Dabei war es so schön und umgänglich ...
"Steht dir echt gut. Siehst zum Anbeißen aus."
Uhm- Was? Das- ... D-das-
Lachend schüttelte ich den Kopf und grinste, aber das leichte Rot in meinen Wangen konnte ich dennoch nicht verhindern.
"Was meinst du mit Anbeißen? D-du hast wohl doch noch nicht genug zu Essen bekommen, was? Sag mir einfach mal dein Lieblingsessen, dann können unsere Chefs das sicher mal einen Tag kochen."
Oder vielleicht würden wir das sogar selbst hinbekommen! Ich war zwar nicht die begabteste Köchin (und er vermutlich auch nicht), doch gemeinsam würden wir das sicher (mit ein bisschen Hilfe) schaffen.
"Aber danke für das Kompliment! Dann nehm ichs natürlich auf jeden Fall. Vielleicht haben sie noch irgendwelche Schuhe hier ... Ah, ich geh mich erst mal umziehen."
So kam man sicherlich besser durch den Laden. Schnell zog ich die Vorhänge zu und wechselte meine Kleidung. Er hatte sicherlich keine Lust, allzu lang zu warten - vielleicht konnten wir ja danach in einen Laden gehen, der ihm gefallen würde? Aber ... Was würde das denn sein? Vielleicht ein Buchladen? Als Literaturstudent sollte das doch eine Möglichkeit sein!
Wären schwarze Schuhe eine gute Idee? Oder doch lieber welche in der Farbe der Blümchen? Beides sah sicher süß aus, aber ... Am Ende sollte es auch nicht all zu schön sein. Schließlich war dieses Outfit ja nicht nur für mich ... Leider.
"Mhh, okay ... Hm ... Die sehen süß aus! Oder- Nein, die sind zu hoch, da fall ich noch hin ... Ah, die sind schön! Ob sie die in meiner Größe- yesss! Das haben sie!"
Wie ein glücklicher Pudel streifte ich mir die Schuhe über und lief ein paar Schritte.
"Jupp, das sollte funktionieren! Tanzen sollte auch gehen ..."
Grinsend nahm ich seine Hand und machte eine Drehung mit ihm. "Uuund 1 und 2 und 3 und 4! Ja, das klappt. Du bist ja ein toller Tänzer, haha."
Ach, er war echt süß. Ob er wohl gern Tschechov las? Oh! Vielleicht hatten sie auch irgendwelche Bilderbuchbänder über die Welt? Er war ja gestern so fasziniert vom Film gewesen. Vielleicht etwas über die Landschaften Italiens?
"Gut, dann wären wir mit dem ersten Geschäft fertig - nur noch schnell bezahlen. Es sei denn, du möchtest noch ein Kleidchen haben, huh?"
Alexey
Mella plapperte vor sich hin, aber ich vermied den Augenkontakt mit ihr. Mein Lieblingsessen... lauter italienische Gerichte gingen mir durch den Kopf, aber das schien bei den Russen ja nicht grade auf der Speisekarte zu stehen. Und ich würde mein Cover ganz sicher nicht wegen ein bisschen Lasagne gefährden. Sie war süß wie sie sich so verhaspelte. Aber wenn man so schnell sprach, dann war das wohl zu erwarten.
Mella hatte sich inzwischen den Schuhen zugewandt. Ihre Sätze brachte sie gar nicht erst zu Ende, so begeistert war sie von den Schuhen vor ihr. Als sie plötzlich meine Hand ergriff und ein paar Tanzschritte mit mir machte, war ich schließlich vollkommen überrumpelt. In Italien hatte ich oft Tanzunterricht gehabt, ich konnte auch Geige und Klavier spielen. Die Tage waren lang, wenn man zuhause unterrichtet wurde. Durch die vielen Stunden die ich mit Waltzer und Tango, Rumba, Foxtrott und Swing verbracht hatte, fiel es mir leicht auch so kurzfristig mitzutanzen. Vermutlich war es nicht besonders klug Mella zu zeigen, dass ich tanzen konnte, aber sie hatte so plötzlich damit angefangen, dass meine Muskeln ganz von alleine reagiert hatten. Als sie mich wieder loslässt, jagt Mella schon weiter, zur Kasse und redet übers nächste Geschäft.
"Nein ein Kleid brauch ich nun wirklich nicht," lache ich und blicke mich um. In meinem Augenwinkel sehe ich eine junge Frau, die mich beobachtet. Ob sie für Feinde von Mellas Vater arbeitet? Sie ist schön, typisch russisch, groß und elegant. Sie trägt ein enges Kleid, ein bisschen zu kurz, und blickt mir arrogant, aber nicht abweisend in die Augen. Seltsam.
Als Mella bezahlt hat, verlassen wir das Geschäft. Ich nehme ihr die Tüte mit dem Kleid ab und wir tauchen wieder in die Menschenmenge des Platzes ein. Die Frau, die mir eben noch aufgefallen ist, bewegt sich ebenfalls aus dem Geschäft hinaus. Ich spanne mich an, aber ich kann sie wohl kaum angreifen, wenn sie noch kein wirkliches Zeichen gegeben hat, dass sie uns gegenüber aggressiv gestimmt ist. Die Tatsache, dass ich, weder in ihrer Nähe, noch hinter irgendwelchen Ecke, Männer entdecken kann, die uns angreifen könnten. Auf diesem Platz bewegt sich alles und jeder und mit dieser einen Frau könnte ich es locker aufnehmen. Also, wenn das hier keine Falle, kein Hinterhalt, war, warum starrte sie uns dann so seltsam an? Ich richtete meinen Fokus wieder auf Mella, die immer noch vor mir durch die Menge huschte. Sie schien relativ zielstrebig, was ich für ein gutes Zeichen hielt.
"Kannst du vielleicht ein bisschen schneller laufen. Ich glaube uns folgt jemand," bat ich sie leise und sah mich nervös um. Die Frau war immer noch hinter uns, aber sie schien mir näher gekommen zu sein. Verdammt, das war gar nicht gut.
Unsicher drängte ich mich durch die Menschen, eine Hand schützend auf Mellas Schulter gelegt. Ich würde sie jetzt nicht wieder entführt werden lassen. Ich hatte gar keine Lust zu sterben.
Mella
Brauchte ich sonst noch etwas für heute? Schließlich würde ich wahrscheinlich nicht so schnell wieder die Gelegenheit bekommen, so sehr in die Öffentlichkeit zu gehen. Vater übertrieb ständig, weshalb allein das hier schon ein kleines Wunder war - würde er allerdings davon herausfinden, hätten wir ein klitzekleines Problemchen ... Vielleicht sollten wir (nun, ich) uns ja doch ein wenig beeilen. So weit war es ja nicht mehr bis zum Buchladen.
Alexey übernahm meine Taschen ohne zu fragen. Sollte ich ihm sagen, dass ich es auch selbst hinbekam? Vermutlich eher nicht, er sah irgendwie ... Angespannt aus. War er nicht gern in der Öffentlichkeit mit so vielen Menschen? Oder ... War irgendetwas nicht in Ordnung? Dabei sollte es doch eigentlich keine Probleme geben. Wer würde denn hier etwas versuchen? Mit all den Leuten, all den Hindernissen? Unsicher biss ich mir auf die Lippe und konzentrierte mich darauf, den Buchladen zu finden. Wenn etwas war, würde er es mir ja schon mitteilen, nicht wahr?
Als hätte er meine Gedanken gelesen, bestätigte er meine Zweifel keine Sekunde später. Warum musste das bitte jedes Mal passieren?
"Wer folgt uns?", fragte ich leise und beschleunigte meine Schritte, damit er nicht das Gefühl hatte, mich durch die Massen schieben zu müssen.
"Ich bin bald fertig, muss nur noch ein paar Bücher abholen - aber wenn uns wirklich jemand folgt, können wir eh nicht sofort nach Hause."
Das sollte ihm natürlich selbst klar sein, aber ... Wo sollten wir diese Person abschütteln? Vielleicht hatte Pjotr eine Idee, aber wenn er davon mitbekam würde er garantiert Vater darüber berichten, und dann war Alexey geliefert, egal, was ich sagen würde. Aber hey, vielleicht war es ja auch nur ein kleines Missverständnis und er war etwas paranoid? Konnte doch gut sein, besonders nach dem, was gestern passiert war. Da konnte man doch nur ein klein wenig übervorsichtig werden. Und da wir uns mittlerweile im Buchladen befanden, sollte sich das ganze sicher bald geregelt haben.
Allerdings wollte ich Alexey überraschen - sollte ich die Bücher dann nicht lieber ohne ihn holen? Aber jetzt, wo uns jemand verfolgte, würde uns er meine Seite wahrscheinlich für keine Sekunde verlassen. Was sollte ich denn bitte sagen? Wenn ich sagen würde, dass es eine Überraschung sein sollte, wüsste er ja davon - vermutlich würde er es mir noch ausreden wollen. Ich könnte mir was ausdenken, klar, aber was denn? Dass es peinliche Bücher waren und ich nicht wollte, dass er es sah? Aber was für Bücher sollten das bitte sein? Himmel. Warum war das denn so schwer? Es sollte doch eigentlich einfacher sein ...
Alexey
Mella betrat einen Buchladen und ich huschte hinter ihr durch die Tür. Innen roch es modrig, nach alten Büchern und dem Staub, der sich auf den Regalen sammelte. Unsicher beobachtete ich die Tür, durch die wir eben noch gekommen waren. Mella hatte natürlich Recht. Direkt nach hause konnten wir nicht, aber hier waren wir wohl erstmal sicher. In einer Ecke stand eine alte Frau und ich bezweifelte ernsthaft, dass die nette Großmutter von nebenan in einem Hinterhalt involviert war. Also warum war ich so angespannt?
Ich folgte Mella grade durch die Reihen an Büchern, als ich hinter mir das Klingeln der Glocke über der Tür hörte. Reflexartig drehte ich mich um. Mein Blick fiel auf die Frau, die uns verfolgt hatte. Sie war hübsch, beeindruckend fast schon. Mit ihren langen Beinen stakte sie auf uns zu, bis sie direkt vor mir stand.
"Hallo," hauchte sie und blickte mir tief in die Augen, "Ich heiße Anastasia."
Verwirrt sah ich sie an. Okay? Was wollte sie mir damit jetzt sagen? Unsicher warf ich einen Blick über meine Schulter. Bis auf uns drei, die Verkäuferin und die alte Dame, war der Laden leer, ich atmete aus und sah wieder zu Anastasia.
"Alexey," brachte ich heraus.
"Hmm Alexey, schön dich kennenzulernen," schnurrte die Frau fast schon und schließlich, endlich, erkannte ich, was sie von mir wollte. Kurios, wie paranoid man wurde, wenn einem von Geburt aus eingeredet wurde, dass man Niemandem vertrauen konnte.
Ich unterhielt mich ein paar Minuten mit Anastasia. Sie war ein paar Jahre älter als ich und stammte eigentlich aus Weißrussland. Ihre Stimme war samtig und leise, verführerisch. Erst als sie irgendwann hinter mich blickte und vermerkte: "Deine kleine Freundin ist weg." riss ich mich aus ihrem Bann und sah mich erschrocken um.
Wütend, ängstlich und schuldbewusst, eilte ich an Reihen von Regalen vorbei durch den Buchladen. Mein Herz drohte aus meiner Brust zu springen, so doll klopfte es. Was wenn ich Mella verloren hatte? Was wenn das doch eine Falle oder ähnliches gewesen war? Wie dumm konnte man eigentlich sein. Ich fühlte mich, als würde ich gleich umkippen, bis ich endlich an einem Regal mit Reiseführern und ähnlichen Büchern Mella wiederentdeckte.
Erleichterung ließ meine Wut verblassen, als ich sie schützend in meine Arme schloss.
"Was haust du denn einfach ab, nur weil ich mich unterhalte?" fragte ich mit müder Stimme und blickte Mella an. Schließlich ließ ich von ihr ab und steckte meine Hände in meine Jackentaschen. Mit meinen linken Fingerspitzen ertastete ich einen Zettel. Als ich ihn herauszog, erkannte ich darauf eine Telefonnummer und, in ordentlichem kyrillisch, "Ruf mich an - Anastasia". Unsicher ließ ich den Zettel wieder in meiner Tasche verschwinden und legte einen Arm um Mella.
Ich hatte wirklich keine Zeit für Ablenkungen.
Mella
Als hätte sie meinen stummen Hilfeschrei (gut, das war vermutlich ein wenig übertrieben) gehört, wandte sich eine junge Dame an Alexey. War das etwa die Person, die uns verfolgt hatte?Dabei sah sie doch keinesfalls gefährlich oder auffällig aus. Sie schien wie eine ganz normale, wenn auch definitiv etwas reichere junge Frau, welche auf einer kleinen Shoppingtour war. Im Grunde genommen war sie genauso wie ich -nur ein bisschen älter, größer, freier und ...womöglich auch etwas hübscher.
Aber wenn sie Alexey ablenken konnte, sollte ich das wohl nutzen, nicht? Viel Zeit hatte ich ja kaum, und da es so aussah, als müsste ich das Buch selbst finden, hatte ich keine Zeit zu verlieren.
Ein Reiseband ... Die mussten doch irgendwo bei den Büchern über Sprachen sein! Es dauerte nicht lang, bis ein dickes Buch in den Händen hielt. Das Glanzpapier zeigte wunderschöne Bilder der ganzen Welt - somit auch Italiens. Es war ein wirklich einzigartiges Buch - vielleicht konnte ich es mir ja irgendwann mal von ihm ausleihen. Wie es aussah, gab es ja leider keine weitere Ausga-
"H-huh?" Wer um alles in der Welt legte seine Arme um mi-
O-oh. Natürlich. Alexey. Das- Wie war ich darauf nur nicht gekommen?
Rasch biss ich mir auf die Lippe und blickte auf das Buch. Was sollte ich denn jetzt damit machen? Irgendwie verstecken, klar, aber das machte sich etwas schlecht, wenn Alexey direkt hinter mir war.
"Ehm, s-sorry, ich ... Du sahst nur so beschäftigt aus und es hat ja auch echt nicht lange gedauert. Uhm, ja, wie auch immer ... Uhm ... N-na ja, jedenfalls, ich bin jetzt fertig. Wir können gehen, ich geh nur noch schnell bezahlen. U-und ...uhm ..." Unsicher blickte ich für einen Moment auf, doch als ich seine erschöpften Augen erblickte, sah ich schnell mit roten Wangen weg.
"D-du musst mir nicht so sehr auf die Pelle rücken. I-ich renn schon nicht weg.", murmelte ich, während ich seinen Arm bestimmt von mir wegdrückte und stattdessen die Kasse ansteuerte.
"Eine gute Wahl", bemerkte die Frau an der Kasse mit einem sanften Lächeln, "Habt ihr etwa vor, die Welt zu bereisen?"
"U-uhm, wer weiß, irgendwann mal ...", antwortete ich rasch, schob ihr 5000 Rubel zu und verstaute das Buch in meinen Taschen.
"Lass uns gehen ... Pjotr wartet schon auf uns.", wechselte ich schnell das Thema und zog Alexey hinter mir her.
"Das ...Die Frau, mit der du gesprochen hast, war echt hübsch. Wer weiß, vielleicht brauchst du ja bald schon ein bisschen Freizeit?", bemerkte ich mit einem halben Grinsen, während wir uns irgendwie durch die Massen navigierten.
Alexey
Als Mella mich darauf hinwies, dass ich ihr zu nahe gekommen war zog ich mich, etwas peinlich berührt, zurück. Sie schien nicht zu verstehen, dass ich mir keine Sorgen darum machte, dass sie wegrannte, sondern darum, dass ihr Vater mich erschoss, weil die Bulgaren seine Tochter entführt und umgebracht hatten. Mein Leben war mit dem ihren unwiderruflich verknüpft, so lange, bis ich dieses verfluchte Land wieder verlassen konnte. Mella steuerte auf die Kasse zu und ich ging ein paar Schritte hinter ihr, die Arme vor der Brust verschränkt. Was kaufte sie eigentlich? Ich versuchte einen Blick auf das Buch zu erhaschen, aber sie drückte es so an ihren Körper, dass ich die Titelseite nicht sehen konnte.
Die Kassiererin fragte Mella etwas, aber ich hörte ihr nicht zu. Mir war peinlich wie ich auf Mellas Verschwinden reagiert hatte, wobei das nach dem Geheimgang in der Boutique gestern wohl noch irgendwo justifiziert war. Das eigentlich schlimme war ja, dass ich mich von Anastasia hatte ablenken lassen. Ich war jetzt nicht mehr so direkt für meine eigenen Sicherheit verantwortlich wie in Italien.
Ich musste Mella beschützen um mich zu beschützen. Das konnte einen ganz schön verwirren. Die Linien zwischen den Zusammenhängen verschwammen schnell und man vergaß wen man wirklich beschützen musste und warum. Es passierte viel zu schnell, dass man sich in seiner neuen Rolle verlor. Ich musste vorsichtig sein, Mella nicht wirklich über meine eigene Sicherheit zu stellen. Wenn es wirklich hart auf hart kommen würde, hätte ich immer noch die Möglichkeit aus Russland zu fliehen. So schnell es ging.
Aber jetzt grade war sie noch sicher und somit war ich auch sicher. Wir traten aus dem Laden und schlängelten uns erneut durch die Menschenmassen.
"Das ...Die Frau, mit der du gesprochen hast, war echt hübsch," sagte Mella. Verwundert blickte ich zu ihr. Sie fügte noch etwas über Freizeit hinzu. Mein Gesicht wurde heiß und ich blickte auf den Boden. Nicht weil mir dieser Kommentar peinlich war, sondern weil ich plötzlich unglaublich heiße Wut fühlte. Anastasia war hübsch, ja, aber sie war auch aus Weißrussland.
Egal welche Nationalität meine Mutter, hatte, ich war ein Italiener und ich würde bestimmt nicht mit irgendjemandem, der in Russland lebte anbändeln. Und ich würde mich von keiner weißrussischen Frau ablenken lassen. Dafür gab es Italienerinnen, die mir in ein paar Monaten wieder zur Verfügung stehen würden. "Ich brauche sicher keine Freizeit um mit einer Frau Zeit zu verbringen," knurrte ich, das Wort Frau fast schon beleidigend, abwertend. "Also, ich meine, ich will nichts von Anastasia." fügte ich sanfter hinzu. Ich glaubte nicht, dass Mella meine Abwertung besonders amüsant finden würde.
Mella
Was machte ich eigentlich, wenn er frei hatte? Es kam ehrlich gesagt nicht oft vor, dass irgendjemand meiner Bodyguards wirklich für längere Zeit frei hatte. Sie wohnten schließlich bei uns und die meisten hatten zu viel Angst vor meinem Vater - oder eher den Folgen, die sie erleiden würden, wenn sie ihn wütend stimmten. Die meisten waren nie länger als drei Tage am Stück ferngeblieben. Es war sicher nicht der beste Job, den man sich vorstellen könnte. Woher hatten sie nur immer all die Anwärter für diesen Beruf? Immerhin wurde ihr ganzes Leben von fortan dadurch bestimmt. Es ... Wahrscheinlich hatten die meisten einfach keine andere Wahl. Oder dachten es zumindest.
Es- Moment. Er war doch nicht etwa wütend, oder? Es klang jedenfalls so. War doch etwas schief gegangen? Aber sie schienen doch ganz schön zufrieden, nicht? Oder hatte er einfach schlechte Erfahrungen mit Frauen? Oder-
"Hey, kein Grund so launisch zu werden. ", seufzte ich mit einem Kopfschütteln und grinste ihn belustigt an, " Ich meine, klar, du musst deine Zeit nicht mit Frauen verbringen - wenn Männer dir lieber sind, gerne doch, für mich ist das kein Problem - wär aber vielleicht besser, wenn du das nicht zu laut hier rum pósaunst. Könnte dir Probleme einbringen."
Oh, das schien ihm keineswegs zu gefallen, hm? Wenn Blicke tötén könnten, würde er womöglich einen wundervollen Auftragskiller abgeben. Ob ich wohl einen kleinen Bonus bekommen würde, wenn ich ihn sozusagen "motivierte"?
"Jaa, ja, schon gut, ich lass es . Aber du solltest, sobald du dazu mal die Gelegenheit hast, ein bisschen mehr unter Leute gehen. Und wenn das von jemandem wie mir kommt, sollte dir das zu bedenken geben.", bemerkte ich lachend. Ich sollte auch mal wieder mehr unter Leute gehen, aber das gestaltete sich nun einmal schwieriger als gedacht. Das nächste Mal, dass ich mit mehrere jungen Menschen zu tun haben würde, wäre wohl, wenn wir die Japaner und Chinesen das nächste Mal sehen würden. Wann war das noch gleich? In ... drei oder vier Tagen? Wahrscheinlich sollte ich nochmal nachfragen. Zwar hatte ich jetzt alles mehr oder weniger beisammen, aber ein wenig Vorbereitung würde mir doch gut tun. Besonders, da ich vermutlich nochmal meine Sprachkenntnisse auffrischen sollte. Vermutlich sollte ich wohl damit anfangen, sobald ich zuhause war, huh?
Alexey
Das Mädchen verspottete mich doch.
"Ich habe keine generelle Abneigung gegen Frauen, ich bin nur einfach meinem Job ergeben." sagte ich, die Wut in meiner Stimme unterdrückt. Ich sah sie genervt an, als sie mir erklärte, dass ich mehr unter Leute kommen musste. Meine Gedanken schweiften zu Emma, zu Matteo. Nach Italien. Es war ja wohl Mellas Schuld, dass ich hier festsaß.
"Nun vielleicht hast du Recht. Ein bisschen Freizeit würde nicht schlecht sein. Vielleicht einen Tag oder so," sagte ich schließlich und wendete mich wieder Mella zu, "Allerdings scheint dein Vater nicht mein größter Fan zu sein, also weiß ich nicht, ob er das erlauben würde."
Ich brauchte allerdings in den nächsten paar Tagen etwas Zeit um zu der Adresse zu gehen, die mir Matteo vorhin gezeigt hatte. Dort wartete ja vermutlich etwas wichtiges auf mich und da konnte ich Mella schlecht einfach mitnehmen.
"Geht ihr eigentlich in die Kirche? Oder seid ihr nicht gläubig?" erkundigte ich mich. In Italien war ich öfter von meinem Vater in die Kirche geschleift wurden, aber, während ich das Christentum irgendwie als gegeben akzeptierte, hatte ich mich nie so richtig auf diesen Glauben einlassen können. Die orthodoxe Kirche in Russland allerdings, erschien mir wie ein guter Platz um das Verhalten von Mellas Vater zu beobachten. Vielleicht konnte man dort sogar einen Hinterhalt planen um diese Russen ein für allemal auszurotten. So oder so würde ich von einem gläubigen Arbeitgeber vermutlich profitieren.
Nach minutenlangem Gedrängel durch die Menschenmenge standen wir endlich wieder vor der Limousine mit Pjotr. Ich hielt Mella die Tür auf und ging dann um den Wagen herum, um an der anderen Seite einzusteigen. Als wir saßen, ruckelte das Auto langsam los und fädelte sich in den Moskauer Verkehr ein.
Mella
Oh ja, mein Kommentar hatte ihn definitv aufgebracht. Es war irgendwie süß, wie er trotzdem noch versuchte, sich zusammenzureißen. Er wusste vermutlich, dass er sonst Probleme bekommen würde. Vater konnte da wirklich ein bisschem überreagieren, was?
"Ja, ich schätze, Vater ist nicht allzu großer Fan von dir, hm ... Na ja, noch nicht zumindest, du brauchst einfach nur ein wenig Zeit. Hattest 'nen schlechten Start, würde ich sagen. Ist aber auch schon eine Weile her, seit so was passiert ist."
War vermutlich nicht allzu hilfreich oder tröstend, aber es war nun mal die Wahrheit. Vater war bestimmt auch nur so streng mit ihm, weil er so jung und neu war. Die zwei würden sich bestimmt noch besser verstehen, früher oder später, nicht? Bei all der Zeit, die wir miteinander verbringen mussten ... "Hn? Kirche? Wie kommst du denn da drauf?", fragte ich etwas verwirrt und legte einen Finger an meine Lippe.
"Jedenfalls ... Na ja, das letzte Mal, als wir in der Kirche waren, müsste jetzt auch schon wieder 'ne kleine Ewigkeit sein ..."
"Das letzte Mal war bei deiner Taufe, vor elf Jahren", klinkte sich Pjotr mit einem schwachen Lächeln ein.
"Ah, genau! Na ja, eigentlich nicht so wirklich. Zumindest keine öffentliche Kirche, aber wir haben so 'ne Art Gebetraum, schätze ich. "
Den nutzte aber auch niemand wirklich. Manche von ihnen war relativ religiös, wie etwa Pavlov oder Krushnikov, aber ... Auch wenn die meisten von ihnen kirchlich erzogen worden waren, hatten sie dies seit Langem abgelegt.
"Aber was deinen freien Tag angeht ... Vielleicht kriegen wir das schon recht schnell hin. Die nächsten paar Tage werde ich eigentlich nur zuhause sein und mich vorbereiten, da brauchst du nicht wirklich da sein. Vielleicht lässt sich da ja was machen."
(wollen wir bisschen skippen? vllt zur Lieferung oder zum Treffen mit den Chinesen or whatever)
Re: crossfire || Amary & ich
from malitsuki on 09/06/2019 04:44 PMAlexey
Ich nahm Mellas Antwort schweigend hin. Was hätte ich auch sonst machen sollen, ich konnte ja nicht einfach nachgucken, ob sie die Schrift wirklich weggekriegt hatte. Aber mir fiel kein Grund für sie ein zu lügen, also glaubte ich ihr einfach. Unsicher nahm ich das Tuch, welches sie mir hinhielt und befeuchtete es. Während ich den Schnitt auf meiner Wange säuberte begann sie hinter mir auf ihrem Bett über Filme zu reden. Ich hörte ihr so halb zu während ich versuchte auszumachen ob meine Lippe noch blutete. Unwillkürlich drückte ich auf der, sich langsam bildenden, Schwellung herum. Der Schmerz in meinem Mund war ein seltsames Gefühl.
Irgendwann wandte ich mich von meinem Spiegelbild ab. Fast sofort wurden mir zwei DVDs in die Hand gedrückt. Mella rauschte an mir vorbei in Richtung Dusche während ich mir die Beschreibungen der Filme ansah.
Die Tatsache, dass beide Filme, zumindest teilweise, in Italien spielten, war an sich schon ironisch genug, aber der eine war sogar in Sizilien gedreht worden. Da beide irgendwie von der Handlung her nicht besonders interessant erschienen, wählte ich, aus einem plötzlichen Anfall von Sentimentalität den Film der auf meiner Heimatsinsel gedreht worden war.
Er handelte von einem Mädchen, das aus reichem Hause stammte und dem Sohn eines Businesspartners ihres Vaters versprochen war. Da sie ihn aber eigentlich (natürlich) nicht heiraten wollte, schlich sie sich eine Woche vor der Hochzeit, von zu Hause weg und lernte dann den jungen, Punk-rock liebenden Rebellen mit Spitznamen Malo kennen, welcher wiederrum der Sohn einer Frau war, die als Haushälterin für den Vater des Mannes arbeitete, dem das Mädchen versprochen war.
Die Geschichte erstreckte sich auf Wikipedia auch noch weiter, aber Mella betrat den Raum wieder, weshalb ich mein Handy wegpackte. Außerdem wollte ich das Ende des Filmes ja auch nicht von Anfang an wissen.
"Ich glaube auch, es wäre nicht die beste Idee dir noch eine Geschichte zu erzählen," stimmte ich lachend zu. Ich hatte eh keine ausgedachten Geschichten mehr so einfach parat. Ich zeigte ihr den Film, den ich mir ausgesucht hatte und legte die DVD dann in den Spieler.
Als der Film anfing zu spielen, setzte ich mich vor Mellas Bett auf dem Boden. Ich hatte keine Lust wieder von ihr rausgeschmissen zu werden und außerdem wollte ich kein Blut auf ihr Bett tropfen lassen. Deshalb lehnte ich mich einfach an ihr Bett und sah dem Film zu.
Die Geschichte war nicht besonders ergreifend, die beiden Protagonisten, waren so übertrieben verliebt, dass selbst ein Blinder hätte erkennen können, dass das im echten Leben nie so passieren würde. Aber ich konzentrierte mich eh nicht auf die Handlung. Immer wieder erkannte ich Straßenecken von Palermo, wo der Film offensichtlich zum Teil gedreht worden war. Jedes mal musste ich aufpassen nicht aufgeregt zu glucksen, während all meine Erinnerungen an die Stadt auf mich einfluteten. Soweit die Russen wussten, war ich noch nie im Ausland gewesen und hatte deshalb auch gar keinen Grund mich über Bilder von gelben Hausecken und alten Restaurants so zu freuen.
Mella
Hoffentlich dauerte es nicht allzu lang, bis ich einschlief. Momentan hatte ich sowieso keine Lust auf irgendwelche allzu komplexen Geschichten, weshalb es wirklich egal war, welchen Film wir uns denn nun ansahen. Wohl eher, welchem ich zuhören würde, denn ich bezweifelte, dass ich meine Augen allzu lang aufhalten können würde.
Wenigstens nahm Alexey es mit Humor. Es .. War das das erste Mal, dass ich ihn lachen hörte? Also ... So ganz ehrlich, nicht ironisch oder verbittert? Er hatte eine niedliche Lache, irgendwie ... Sie war nicht ganz so rau und "furchteinflößend" wie der Rest seines Auftretens. Dennoch passte es zu ihm - vielleicht sollte ich ja mal versuchen, ihn zum Lachen zu bringen? Irgendein paar dumme Witze würden mir doch schon einfallen ...
"Ah! Die Schnulze also ... Hm, die hat sogar 'nen italienischen Titel! Cool ... Mann, meine Italienischstunden sind auch schon eine Weile wieder her ..."
Müde ließ ich mich auf mein Bett gIeiten und schielte für einen Moment zu Alexey. Hoffentlich war es da unten auf dem Boden nicht allzu bequem.
Die Geschichte war ganz niedlich - nichts besonderes, aber definitiv etwas Schönes zum Einschlafen. Allerdings gab es da tatsächlich etwas, das mich noch einen Moment länger wach bleiben ließ. Bildete ich mir das nur ein oder war da der Hauch von einem Lächeln auf seinem Gesicht zu sehen? Aber doch nicht etwa wegen dieser Geschichte, oder? Nein, das konnte es nicht sein. Er war bestimmt kein Mann des Kitsches. Allerdings ... Irgendetwas musste es ja sein, was? Besonders die Szenerienshots schienen ihm ja gut zu gefallen ...
"Italien ist echt schön, was? Da würde ich auch gern mal hin ... Aber wenn ich das meinem Vater sage, denkt er noch ich hab den Verstand verloren oder hab eine Gehirnwäsche bekommen oder ... Was auch immer." Seufzend flocht ich meine Haare, damit ich ein wenig zu tun hatte- sonst würde das hier noch viel zu traurig werden.
"Ich meine, ich weiß ja, dass nichts Gutes dabei rauskommen würde, wenn ich nach Italien gehe - besonders Sizilien - aber ... Vielleicht ja mal, wenn ich älter bin oder so. Ich ... Ich will nicht erst verreisen können, wenn ich zu alt dafür bin, weil ich sonst Angst haben muss, dass irgendjemand micht entführt oder umbringt."
Langsam rappelte ich mich auf und legte den Kopf schief.
"Ich meine, ganz ehrlich - warum lerne ich die Sprache überhaupt, wenn ich sie dann nicht mal sprechen darf? Das ist doch dämlich. Absolut dämlich."
So viel dazu, dass der Film mich ein wenig beruhigen würde - aber zumindest hatte es mich auf andere Gedanken gebracht. Ob die nun besser war, darüber ließ sich streiten, jedoch ... Auf jeden Fall nicht ganz so traurig?
"Ehrlich, ich ... Ich verstehe die Sprache ganz gut, aber meine Aussprache ist vermutlich grottenschlecht. Ich- ... Sorry, du willst wahrscheinlich einfach nur den Film gucken. Schätze, wir werden wohl beide nicht allzu schnell nach Italien kommen ... Na ja, wenigstens haben wir den Film, was?"
Alexey
Als Mella anfing über Italien zu reden, musste ich mich zusammenreißen um nicht aufzuzucken. Hatte sie meine verdammten Gedanken gelesen? Unsicher drehte ich mich zu ihr um und hörte ihre Redeschwall zu. Sie war noch nie in Italien gewesen. Natürlich nicht. So in der Reisefreiheit eingeschränkt zu sein war irgendwie ganz schön traurig. Vor allem, wenn sie italienisch verstand. Bevor ich noch etwas dummes sagen konnte, schob ich mein Mitleid für sie in die hinterste Ecke meines Bewusstseins.
"Warum kannst du denn nicht nach Italien?" stellte ich mich dumm. Immerhin würde ein normaler russischer Literaturstudent nichts von den Beziehungen verschiedener internationaler Verbrechensorganisationen wissen. Und mich hatte ja noch niemand in irgendetwas eingewiesen. Also würde es sogar weniger Sinn für mich machen nach zu fragen.
"Mich interessiert Italien eigentlich gar nicht. Ich war einfach noch nie außerhalb von Russland. Ich würde gerne mal die Welt sehen," log ich locker vor mich hin und wandte meinen Blick wieder dem Film zu. Nachdem es Mella offensichtlich aufgefallen war, dass ich ein Interesse in der italienischen Szenerie zeigte, schloss ich diesmal relativ schnell meine Augen. Ich wollte nicht, dass sie noch Verdacht schöpfte. Den Tod wäre nicht einmal Palermo wert.
Irgendwann musste sich mein Bewusstsein verabschiedet hatten, denn das nächste Mal, dass ich meine Augen aufschlug, war der Film augenscheinlich schon fast zu Ende. Gähnend rieb ich meine Augen und blickte dann auf meine Armbanduhr. Es war fast 1 Uhr morgens. Der Tag war viel zu schnell vergangen. Noch einmal gähnte ich, dann richtete ich mich auf und ging durch die Verbindungstür hinüber in mein eigenes Zimmer.
Ich hatte erwartet, dass mir meine Augen sofort wieder zufallen würden, sobald mein kopf das Kissen berührte, aber nichts dergleichen geschah. Stattdessen rasten meine Gedanken um Italien, Sizilien und meine Männer zuhause. Die Angst davor jede Minute aufzufliegen und erschossen zu werden, die mich, ob aktiv oder passiv, jede Minute hier in Russland begleitete, würde über Dauer bestimmt an meiner Psyche herum***n. Ich wollte niemanden beschützen, das passte doch überhaupt nicht zu mir. Ich vermisste die Sicherheit meines Hauses in Italien. Meine Gedanken kreisten immer wieder um mein Zuhause und Russland um meine Männer und um Mella. Ich war nicht ansatzweise sicher genug in meinem *** auf das kleine Mädchen. Natürlich verachtete ich erst einmal alle Russen, aber bei ihr fühlte sich das, aus irgendeinem Grund, so verdammt falsch an. Vielleicht weil sie so hilflos aussah, am Tag zuvor und generell, aber ich wusste, dass ich schnellstens Motivation finden musste alle Sympathie für das Mädchen aus meinen Gedanken zu verbannen. Ich konnte sie nicht mal tolerieren. Das wäre eine Schwäche.
Und ich hatte keinen Raum für Schwäche.
Mella
Diese Nacht hatte ich überraschend gut geschlafen, wenn ich einmal bedachte, was ... Was gestern alles passiert war. Vom Film war nicht mehr allzu viel in meinem Kopf übrig geblieben, aber das war auch nicht wirklich der Sinn gewesen. Zum Einschlafen hatte es ja geholfen ... Zumindest nach der kleinen Italien-Diskussion. War das eigentlich nur in meinem Traum gewesen oder hatte er mich ehrlich gefragt, wieso ich nicht nach Italien konnte? Ich wünschte, mir ging es genauso. Italien war wirklich schön, zumindest in Filmen ... Vermutlich war es in der Realität noch besser, wenn man bedachte, was für schönes Essen es dort noch gab. Und die Strände! Es- ... Hilfe. Irgendwie musste es doch eine Möglichkeit geben! Irgendeine, die Vater überzeugen könnte.
Seufzend schüttelte ich leicht den Kopf und rappelte mich allmählich auf. Wie spät war es denn eigentlich? In meinem Zimmer war es trotz all den riesigen Fenstern immer viel zu dunkel. Nicht, dass es wichtig wäre, wann ich aufstand (solange ich irgendwann aufstand). Leise gähnend rieb ich mir über die Augen, bevor ich mich langsam aus dem Bett rollte. Für den heutigen Tag stand vermutlich nicht allzu viel an. Soweit ich wusste, hatte mein Vater ein paar wichtige Geschäfte zu erledigen, also würde er vermutlich nicht den ganzen Tag zuhause sein. Termine hatte ich selbst vorerst keine und wenn dem wirklich so wäre, dann hätte er sie vermutlich längst abgesagt.
Langsam tapste ich an meinen Kleiderschrank und zog wahllos ein blaues Seidentop sowie eine luftige schwarze Hose heraus.
Eigentlich war es ja komplett egal, was ich zuhause trug, doch ... Wenn Vater nicht da war, dann ... Dann wäre doch ein kleiner Trip nach draußen möglich, nicht wahr?
"Guten Morgen, Schlafmütze!", meinte ich lächelnd und betrat sein Zimmer nach kurzem Anklopfen ... Nur, um festzustellen, dass er längst wach und angezogen war. So viel zu dem Thema.
"Also dann, Frühstück! Siehst so aus, als könntest du was vertragen."
Ich war sowieso am Verhungern und nach all dem, was er gestern machen musste, ging es ihm sicher nicht anders.
"Weißt du ... Vielleicht können wir ja heute noch mal rausgehen! Ich meine, rein theoretisch brauch ich ja immer noch ein Kleid ... Und wenn wir in die Öffentlichkeit gehen, glaube ich ehrlich gesagt, dass sich weniger Leute an mich rantrauen. Oder ... Wir gehen eben keine Sachen kaufen, aber ich weiß ganz genau, wo wir auf jeden Fall hingehen können." Mit einem leisen Summen lief ich mit Alexey den Flur hinab. Die meisten Türen waren verschlossen (logischerweise), aber hier und da bekam man einen kleinen Einblick in Szenarien, die man vielleicht lieber verpasst hätte.
"Guten Morgen, Sascha! Hast du ein paar Blini für uns?"
"Ah, Mella, schon so früh wach? Na klar, für dich doch immer!"
Also war es wohl noch vor zehn. In der letzten Zeit hatte mein Frühstück sich stets um ein paar Stunden verschoben - oder es war einfach komplett ausgefallen.
Keiner der anderen Männer befand sich derzeit im Essenssaal, vermutlich, weil sie alle im Moment zu tun hatten.
"Hier, nimm dir 'nen Teller. Du kannst alles nehmen, was du willst!" Lachend schnappte ich mir ein paar Erdbeeren und einen Apfel.
"Falls du es nicht schaffst, ess ich's für dich auf, keine Sorge."
Klar war es nur ein kleiner Witz, doch mein Magen hielt auf jeden Fall eine Menge Essen stand. Besonders jetzt, da ich mal wieder überraschend hungrig war.
"Weißt du, was du mal wieder kochen könntest? Pizza."
Mit hochgezogenen Augenbrauen sah Sascha mich schief an.
"Melly, ich glaube nicht, dass die Männer allzu begeistert davon wären ..."
"Ach, komm schon, Pizza ist doch mittlerweile nicht mehr nur das Essen der Italiener. Die ganze Welt isst Pizza." Seufzend schüttelte ich den Kopf und belud ihn mit Blini.
"Nur wir nicht, weil ihr alle euch wie sture zickige kleine Mädchen benehmt."
Schmollend setzte ich mich an den nächsten Tisch und nahm einen Schluck Wasser. Ehrlich, selbst solche Kleinigkeiten waren so schlimm? Und sie sagten, dass ich mich wie ein Kind benahm.
Alexey
Der nächste Morgen kam viel zu früh. Ich war mir nicht sicher ob Mella schon wach war und ich würde ganz sicher nicht den erneuten Fehler begehen nachzusehen. Das Mädchen hatte mich erst gestern vor ihrem Vater gerettet und ich war mir sicher, dass sie das sehr einfach und schnell noch rückgängig machen würde können. Also machte ich mich fertig und setzte mich dann, angezogen, auf den Rand des Bettes. Mein Vater hatte nicht spezifiziert wann diese kleine "Mission" enden würde, aber es klang als gäbe es laut ihm nur zwei mögliche Ausgänge; entweder den Krieg mit den Russen in dem ich Mella als Druckmittel nach Italien brachte, oder ein friedliches Ende des Konfliktes zwischen unseren beiden Familien. Darüber was passieren würde wenn die Situation einfach so bleiben sollte wie sie jetzt war, hatte er entweder nicht nachgedacht oder einfach nicht mit mir geredet.
Als das Mädchen den Raum betrat sah ich auf und grinste sie an. Ich hatte tatsächlich Hunger, aber selbst wenn das nicht der Fall gewesen wäre, hätte ich meine Meinung in dem folgenden Redeschwall von Seiten des Prinzesschens wohl kaum unterbringen soll. Ich folgte ihr durch die Gänge des Gebäudes, den Blick auf sie gerichtet und hörte ihr zu. Der Plan erneut auch nur einen Fuß vor diese Tür zu setzen, erschien mir auf ein paar Arten lebensmüde, aber das würde ich ihr garantiert nicht mitteilen. Am Ende initiierte sie grade irgendeinen Test.
Wir betraten die Küche, was das Gefasel des Mädchens zwar nicht linderte, aber wenigstens in eine andere Richtung lenkte. Sie gab mir einen Teller, den ich kurzerhand mit Blini und Rührei belud, dann setzte ich mich neben sie. Mella war grade dabei sich bei der Köchin darüber zu beschweren, dass sie keine Pizza kochte. Ich blieb still und kaute auf meinem Ei herum. Die Pizza einer Russin konnte eh nicht so gut schmecken wie wahre italienische Pizza. Trotzdem fand ich die Vorstellung lustig, dass sich die Russen weigerten italienische Speisen zu sich zu nehmen. Italienisches Essen war nunmal das Beste der Welt und sich so etwas freiwillig vorzuenthalten erschien mir doch etwas extrem.
Nachdem wir fertiggegessen hatten stellten wir unsere Teller in das Waschbecken der Küche und begaben uns, auf meinen vorsichtig geäußerten, Wunsch hin nochmal zurück in mein Zimmer. Ich hatte noch keine *** erhalten, was meiner Meinung nach irgendwie undurchdacht war, aber dafür hatte ich gestern ein paar dunkle, teuer aussehende Anzüge in meinem Schrank gefunden. Ich nahm mal an, dass solch klassische Kleidung als psychologische Taktik genutzt wurde.
Sie für einen Ausflug nach Moskau anzuziehen, erschien mir jedoch übertrieben, weshalb ich sie ignorierte und weiter durch meinen Kleiderschrank suchte bis ich das gefunden hatte, was ich suchte. Eine Ahle. Das kleine Instrument, welches benutzt wurde um zum Beispiel Löcher in Gürtel zu bohren hatte eine dünne, aber extrem scharfe Spitze. Wenn das Mädchen uns schon beide in Lebensgefahr bringen musste, dann würde ich mich wenigstens irgendwie bewaffnen. Als ich die Ahle in der Innentasche meines Mantels verstaut hatte, sah ich zu dem Mädchen hinter mir und grinste sie schief an.
"Also wenn du willst können wir jetzt meinetwegen los."
Mella
Sascha sollte sie wirklich mal nicht so haben ... Solange sie das Essen machte, würde es auf alle Fälle schmecken, ohne Frage! Sie konnte alle möglichen Gerichte zaubern und sie würden köstlich schmecken. Selbst etwas, das nicht traditionell russisch war. Zu meinem Geburtstag hatte sie es ja schließlich auch geschafft, mir ein paar Frühlingsrollen mit asiatischen Nudeln zu machen und es hatte besser geschmeckt als vom Bestellservice. Es machte zwar Sinn, dass sie keinen Ärger mit meinem Vater wollte, doch ... Himmel.
Wenigstens hatten wir ein gutes, füllendes Frühstück zu uns genommen. Da stand einem Trip nach Moskau doch nichts mehr im Wege? Zumindest theoretisch, in der Praxis gab es eine Menge Hindernisse, die wir vielleicht nicht überqueren sollten, aber ... Wenn ich es nicht tat, dann würde ich es womöglich nie tun. Und was für ein Leben würde ich dann führen? Ein beschíssenes, ein absolut beschíssenes. Wie war das noch gleich? "We're here for a good time, not a long time"? Ich würde vielleicht so oder so keine lange Zeit auf Erden haben, also konnte ich genauso gut das Beste daraus machen.
Nachdem Alexey sich mehr oder weniger bewáffnet hatte (wobei mir allein beim Gedanken daran, dass er dieses Ding benutzen würde, um vielleicht jemandem die Augen auszustechen Angst einjagte), nickte ich lediglich lächelnd und verließ mit ihm das Zimmer.
Pjotr stand pünktlich wie eh und je am vereinbarten Ort, auch, wenn er nicht allzu glücklich aussah. Auf seinem Gesicht spiegelten sich Sorge und Angst wider, was ich ihm ehrlich gesagt nicht ganz verübeln konnte. Es fiel ihm vermutlich schwer, sich gegen meinen Vater zu widersetzen. Wobei ... Er hatte es ja nicht ausdrücklich verboten, richtig? Und das letzte Mal, dass ich tatsächlich in "der Öffentlichkeit" geweden war, war doch schließlich auch gut gegangen ... Wenn man von den kleinen Schäden im Laden mal absah.
"Ich halte das nicht gerade für eine gute Idee, junge Dame.", beklagte sich Pjotr unsicher, während wir in den - heute ausnahmsweise sogar relativ unauffälligen - Wagen stiegen.
"Tja und ich halte es für eine fantastische Idee! Ehrlich, Pjotr, es ist doch gerade mal um halb elf, das ist viel zu früh für irgendwelche Sorgen. Und glaubst du echt, dass die Bulgaren so früh nochmal was probieren werden? Und doch sowieso nicht inmitten von Moskau, da wissen sie, dass sie keine Chance haben. Keine Angst, ich verspreche dir, dass heute viiiiel sicherer wird als gestern."
Grinsend schielte ich zu Alexey herüber und zwinkerte ihm zu.
"Nicht wahr?"
Viele Menschen empfanden die Moskauer Innenstadt als so schrecklich überfüllt, aber für mich war es gerade das, was sie so schön machte! Immerhin konnte ich dann ungestört und unbeachtet durch die Gegend schlendern, ohne mir auch nur einen einzigen Gedanken um meine Sicherheit zu machen.
Nach gut zehn Minuten hatte ich Pjotr sogar soweit, dass er das Radio für ein bisschen Musik einschaltete. Es kam zwar nur der typische, russische Pop-Rock, gelegentlich mit etwas Amerikanischem dazwischen, aber es war trotzdem schöner als nur Alexey's Schweigen und Pjotrs Nervosität ausgesetzt zu sein. Seiner Meinung nach sollten wir wenn dann schon aufs GUM zusteuern, doch ich bestand auf Kuznetsova Plaza.
Es dauerte eine kleine Weile, dank den charmanten Staus in der Innenstadt, doch gegen viertel Zwölf hatten wir schließlich das Center erreicht.
"Danke Pjotr! Ich sag dir Bescheid, wenn du uns abholen kannst, könnte eine Weile dauern ... Bis dann!"
Zufrieden mit mir selbst stapfte ich mit Alexey im Gepäck auf den steinigen Straßen des Platzes.
"Mann, hier sind ja echt viele Touristen ...", murmelte ich leise vor mich hin und versuchte, auch nur irgendwelche der Sprachfetzen die ich aufschnappte zu verstehen. Da waren auf jeden Fall Amerikaner, vereinzelt Deutsche, ein paar Ukrainer, Franzosen- Italiener!
"Aaah! Wahnsinn! Ich glaub ich versteh sogar was von dem was sie sagen!" Strahlend versuchte ich ein paar Schritte näher heranzukommen. Klar war es unhöflich, die Gespräche anderer zu belauschen, aber das war ja eigentlich auch gar nicht mein Ziel. Ich wollte nur herausfinden, ob mein Vokabular für den Alltag ausreichend war. Sie schienen recht jung zu sein, wahrscheinlich so in meinem Alter, und sie redeten über irgendwelche Ware ... Über Kleider? Was wollten denn zwei junge Männer mit Kleidern? Vielleicht für ihre Freundinnen oder für ihr Geschäft, aber wie es aussah, haute irgendetwas mit der Lieferung nicht ganz hin und ihr Boss hatte sie damit beauftragt, es der Lieferfirma mitzuteilen ... Merkwürdig.
Vielleicht- Ah, Míst! Das war wohl ein Schritt zu nah gewesen.
"I-isvinitje!", stotterte ich vor Schreck und bemühte mich um meinen unschuldigsten Blick. Wahrscheinlich verstanden sie gar kein Russisch, denn ihr Blick verband definitiv einen Haufen Verwirrung mit einer Prise Schock.
"I-I'm sorry, I didn't mean to step on you ... Y-you are from Italy, right? Welcome to Moskwa! H-haha ... Sorry."
Alexey
Während wir durch Moskau kutschiert wurden ließ ich meine Gedanken nach Italien und zu Emma schweifen. Emma war die Tochter eines der Capos meines Vaters, zwei Jahren jünger als ich, und wunderschön. Sie war das einzige Mädchen, abgesehen von meinen Schwestern, die ich je akzeptiert und respektiert hatte. Sie zeigte nie Schwäche oder Angst. Generell war sie schon immer schwer zu lesen gewesen. Zwischen uns beiden war zwar nie eine Beziehung entstanden, aber sie gehörte zu meinen engsten Freunden und in manchen Momenten, an lauwarmen Frühlingsabenden am Tyrrhenischen Meer oder während Sommergewittern in meinem Zimmer, hatte ich zwischen uns mehr gefühlt als nur Freundschaft. Natürlich hätte ich das nie zugegeben, aber ihr Gesicht mehrere Monate nicht mehr gesehen zu haben, setzte mir mehr zu, als ich selbst verstand.
Als der Wagen hielt löste ich mich von den Gedanken an die kleine Italienerin und stieg aus dem Auto aus. Der Platz auf dem wir standen, erschien mir unnötig überfüllt, aber das schien Mella überhaupt nichts auszumachen. Sie murmelte kurz etwas und tauchte dann sofort in der Menge ab. Ich hastete ihr schnell hinterher um sie nicht zu verlieren. Als ich jedoch sah auf wen sie da zusteuerte wäre ich am liebsten sofort umgedreht. Keine fünf Meter vor mir standen ein Mann, den ich nicht kannte, und, und das war das Problem, einer meiner Männer. Matteo.
Matteo und ich hatten eine lange Geschichte. Er war wohl mein loyalster Soldat, er hatte mich mehr als einmal aus brenzligen Situationen gerettet und war außerdem auch mein Vertrauter wenn es um meinen Vater ging. Ich hatte immer vorgehabt ihn eines Tages zu meinem Consigliere zu machen. Aber Matteos Anwesenheit war trotzdem problematisch, sogar auf mehreren Wegen. Zum einen hatten wir das gleiche Motiv auf unserem rechten Unterarm, zwei Handbreiten vom Handgelenk entfernt, tätowiert; Einen Kreis mit der nordischen Rune Nauthiz darunter, ein Tattoo, das man nicht oft sah, besonders bei Matteo, der selten T-Shirts anhatte. Auch heute hatte er einen langärmligen Pullover an, nur war der Ärmel hochgekrempelt und das Tattoo sichtbar.
Das größere Problem war jedoch, dass Matteo gar keine Ahnung haben sollte, dass ich hier war. Würde er mich also erkennen und auf italienisch ansprechen, vor Mella, die wiederum auch italienisch sprach, dann wären wir vermutlich alle ziemlich bald tot. Allerdings verstand ich nicht, was genau er hier tat. Den Männern der Cosa Nostra war es untersagt ohne Erlaubnis ins Ausland zu reisen. Und der Boss musste diese Erlaubnis erteilen. Grade als ich überlegte ob es nicht sicherer wäre einfach zu verschwinden, richtete sich Matteos Blick auf mich. Erkennen leuchtete in seinen Augen auf, ganz, ganz kurz nur, dann wandte er sich wieder Mella zu, die grade auf englisch mit ihm sprach.
"It's alright, you did not harm me," antwortete er schließlich mit italienischem Akzent, "Yes we are from Italy and Moscow is very beautiful but I miss the pasta, my mama makes," lachte er und haute seinem Begleiter auf die Schulter. Wer das wohl war?
Unsicher ob ich mich grade in eine tödliche Situation begab, trat ich zu Mella und zog sie sanft hinter mich. Für einen Außenstehenden sah es vermutlich aus wie die Geste eines eifersüchtigen Freundes und für Mella hoffentlich als ob ich meinen Job einfach etwas zu ernst nahm. Der eigentliche Grund war jedoch ein anderer. Ich stellte mich so vor Mella, dass sie mein Gesicht nicht sehen konnte und warf Matteo einen blitzschnellen und extrem fragenden Blick zu bevor ich, mit meinem besten russischen Akzent "Can we help you?" fragte.
Matteo nickte langsam, entweder eine Antwort auf meine Frage oder ein Zeichen, dass er mich verstanden hatte. "Yes it would be much appreciated if you could tell me where this address is," sagte er langsam und hielt mir einen Zettel hin. Darauf war in kyrillischen Buchstaben eine Straße und eine Hausnummer, nicht weit weg vom Hauptquartier der Tambowskaja, vermerkt. Darunter stand auf italienisch "Lieferung für Dario hier abgeben".
Ich musste mir ein Grinsen verkneifen als ich die Frage an Mella weitergab. Immerhin kannten sich Studenten aus Jekaterinburg nicht wirklich in Moskau aus. Ich machte mir keine Sorgen um die kleine Nachricht die auf dem Zettel versteckt war. Sie war b*** genug, dass sie als Anweisung für zwei Lieferanten einer Klamottenfirma durchgehen konnte. Aber ich wusste genau was sie bedeutete. Das hier war geplant gewesen. Diese Adresse musste irgendwelche Informationen für mich erhalten.
Unwillkürlich wurde ich ein wenig glücklicher. Mein Vater hatte mich nicht vergessen. Er hatte mir etwas zukommen lassen. Jetzt musste ich es mir nur noch irgendwie abholen.
Mella
Ich hätte echt nicht lauschen sollen, Gott. Aber ... So etwas passiertr nun einmal, wenn man zu neugierig wurde. Konnte man es mir verübeln? Wahrscheinlich schon, denn auch, wenn ich nicht oft rauskam, sollte ich es besser wissen und mich zusammenreißen, doch - wie oft hatte ich schon Gelegenheit hierzu? Wirklich. Wie oft stand ich denn waschechten Italienern so nah? Oder irgendwelchen Ausländern, generell. Vater hatte mich zwar von Muttersprachlern unterrichten lassen, doch das war schon eine ganz schön lange Weile her. Wirklich. Vielleicht könnte ich ihn ja überreden, mir wieder ein wenig Unterricht zu geben ... Nur wäre es dann womöglich besser, ihn nichts von diesem Trip wissen zu lassen. Das würde mir jegliche Chancen verderben ...
Wenigstens war mein Englisch nicht allzu peinlich, aber daran hatte ich ja auch lang genug gearbeitet.
Bevor ich allerdings einen genaueren Blick auf die Männer vor mir werfen konnte, schob Alexey mich unauffällig hinter sich. Was war denn das Problem? Klar, nach dem, was gestern passiert war (ausgerechnet auch noch an seinem ersten Arbeitstag) war er vermutlich extra vorsichtig, jedoch ... Die zwei Touristen sahen wirklich alles andere als gefährlich aus. Im Gegenteil, sie sahen fast ein bisschen so aus, als sollte man ihnen ein klein wenig aushelfen. Es war leicht, sich in Moskau zu verlaufen und an die falschen Ecken zu gelangen. Zugegeben, viele dieser "falschen Ecken" waren Orte, an denen ich als Kind gespielt hatte, während mein Vater mit Besprechungen beschäftigt gewesen war, doch ... Für Normalsterbliche war es vielleicht nicht die allerbeste Idee, sich allein dorthin zu begeben. Allerdings war es schön, dass Alexey sie fragte, ob wir ihnen irgendwie behilflich sein könnten. Dann machte er wenigstens nicht nur einen leicht einschüchternden, sondern auch ansatzweise freundlichen Eindruck. Nur, weil er mein Bodyguard war, hieß das ja nicht automatisch, dass er jede Person wie einen Kriminellen behandeln und unter Verdacht stellen musste. Nein, wir konnten auch einfach ein paar netten italienischen Touristen aushelfen bevor wir uns dem eigentlicheb Zweck des Trips zuwandten.
Eine Wegbeschreibung also? Nichts leichter als das! Mein Vater hatte mir schon früh beigebracht, wie wichtig es war, dass ich mich gut orientieren konnte - selbst in unserem Zuhause war es ja mehr als leicht, sich zu verirren. Demnach konnte ich mich selbst problemlos navigieren, egal wo - und wenn es um Moskau ging erst recht! Ob sie all meine Umschreibungen verstehen würden, war eine andere Sache, aber mit den ganzen Straßennamen würden sie bestimmt etwas anfangen können.
Allerdings ... Eine Lieferung für Dario? Also arbeiteten sie für ein Klamottengeschäft! Wobei, irgendwie kam mir der Name Dario (oder war das irgendein italienisches Wort, welches ich nicht kannte?) bekannt vor, nur nicht wirklich im Zusammenhang mit Kleidung ... Himmel, woher kannte ich das nur? Aber wenn ich nachfragen würde, dann fanden sie vielleicht heraus, dass ich sie belauscht hatte ... Wobei, Dario klang schon nach einem Namen und wenn ich Englisch konnte, machte es ja wohl Sinn, dass ich zumindest die lateinischen Buchstaben lesen konnte ...
"Alright! I wrote them down for you, see? I hope you can read my messy handwriting. It's not too far from here, but I'd be careful, that ... Isn't necessarily the nicest neighborhood in town. You might not wanna go alone there."
Es fühlte sich nicht wirklich schön an, das über meine "Familie" zu sagen, aber es entsprach leider der Wahrheit.
"Uhm, I hope you know what you're doing, because ... I wouldn't go there at night, really. If you can, you should honestly go now."
Lächelnd gab ich ihnen das Stück Papier zurück und kratzte mich verlegen am Hinterkopf. Sie würden schon wissen, was sie taten, nicht wahr?
"Oh, and, uhm, by the way ... I'm sorry, I don't mean to be nosey or anything but ... What does Dario stand for? Is he a friend of yours or something? Because ... I don't know, it might be nothing but for some weird reason Dario is ringing a bell in my ear, I just don't know why ..." War das zu merkwürdig? Es konnte immerhin ein wirklich ganz normaler italienischer Name sein, aber ... Wenn ich ihnen aushalf würden sie mir die merkwürdige kleine Zwischenfrage hoffentlich verzeihen.
Alexey
Die Anspannung der vergangenen drei Minuten hob sich von meinen Schultern, als Mella die Wegbeschreibung aufschrieb. Matteo und ich sahen uns immer wieder kurz an. Was ich nur dafür geben würde, ihn jetzt um ein bisschen Hilfe, meinen Vater betreffend, zu bitten. Als Mella fertig war und Matteo den Zettel wiedergab, wollte ich mich bereits wieder umdrehen. Dann jedoch fragte das Mädchen nach Dario. Mein Herz sank. Sie musste doch etwas wissen, wenn sie so nach fragte, oder nicht? "Ah its simply an Italian name. In fact, its the name of the representative of our company in Russia",erklärte Matteo lächelnd. Er dankte Mella noch einmal und drehte sich dann um. Der andere Mann folgte ihm und zusammen verschwanden die beiden in der Menschenmenge. Ich atmete aus und legte eine Hand auf Mellas Schulter.
"Verschwinde bitte nicht einfach so auf einen Platz der so voll ist. Ich hab mir Sorgen gemacht, dass ich dich schon wieder verloren hatte,"bat ich sie, so ruhig wie möglich.
Meine Gedanken rasten während wir weiter über den Platz gingen, meine Hand immer noch auf der Schulter des Mädchens. Woher hatte Matteo gewusst, dass ich hier sein würde? Vermutlich hatten sie einen Spion vor dem Hauptquartier der Russen platziert. Trotzdem es erschien mir fast zu perfekt, dass wir uns su über den Weg gelaufen waren. Was hätten die beiden getan, wenn Mella ihnen nicht bei ihrem Gespräch zugehört hätte?
Mit leichten Kopfschmerzen schob ich die Fragen weg und konzentrierte mich darauf Mella in der Masse nicht zu verlieren.
Mella
Also sollte ich diesen Dario doch irgendwoher kennen! Zumindest schien er irgendwie wichtig zu sein, der Repräsentant ihrer Firma ... Vielleicht stellten sie ja ein paar von den Kleidern her, die Katherina immer in ihrem Laden für mich gehabt hatte. Möglicherweise sollte ich mich mal bei Tatjana erkunden, die kannte sich bestimmt mit so etwas aus. Oder sollte ich Vater fragen? Er war zwar kein Experte auf dem Gebiet, doch ... Das war schon nicht so schlimm.
Herausfinden könnte er so etwas vermutlich trotzdem.
"Ich hab mir Sorgen gemacht, dass ich dich schon wieder verloren hab."
Mit einem unschuldigen Blick nickte ich leicht und spazierte nun nicht mehr vor, sondern neben ihm her.
"Das wäre echt nicht so gut für dich, wenn man bedenkt, wie dein Job angefangen hat ... Ah, entschuldige. Aber weißt du,hier in Moskau brauchst du dir keine Gedanken machen, ich finde meinen Weg immer nach Hause. Weißt du, einmal bin ich sogar von zuhause weggerannt - es war ziemlich dämlich, ich war keine vierzehn Jahre alt und war in dieser typischen "Die Welt ist so ungerecht zu mir" Phase ... Vater hat sich echt Sorgen gemacht, aber ich hab ganze drei Tage allein ausgehalten, bevor mein damaliger Bodyguard mich gefunden und nach Hause gebracht hat."
Es war ehrlich gesagt gar nicht so schlimm gewesen. Klar, die erste Nacht hatte ich ein klein wenig Angst gehabt, weil ich sonst nie allein unterwegs war, doch ... Tatsächlich hatte es sich fast ein bisschen so angefühlt wie die Ferien, die normale Teenager immer beschrieben. Ich war erfüllt gewesen von Freiheit, Freude und diesem unbeschreiblichen Gefühl, wirklich alles tun zu können. Ach, hätte es doch nur länger anhalten können ... "Manchmal wünschte ich mir, ich könnte einfach nochmal abhauen. Natürlich klingt das super dumm und egoistisch. " Mit einem leisen Seufzen warf ich einen Blick auf den Boden und schüttelte leicht den Kopf.
"Ich weiß, dass ich es ziemlich gut hab. Selbst, wenn man mich mal mit anderen Clan-Kindern vergleicht. Ich meine ... Wäre ich ein Junge gewesen, hätte mein Vater mich bestimmt nicht so verwöhnt. Und ich hätte vermutlich auch nie die Wahl gehabt, ob ich mich am Familiengeschäft beteiligen will oder nicht ...Gott, ich kann mir kaum vorstellen, was ich machen würde, wenn ich jemanden tötén müsste." Nervös lachte ich auf, schüttelte den Kopf.
"Wahrscheinlich würde ich einfach nur heulend zusammenkIappen und selbst erschossen werden."
Re: crossfire || Amary & ich
from malitsuki on 09/06/2019 04:39 PMAlexey
Gut ich hatte zugegebenermaßen nicht erwartet, dass das Mädchen sich grade umzog. Ich hatte ihr immerhin einen Zeitrahmen gegeben, an den ich mich präzise gehalten hatte. Es war theoretisch wirklich nicht meine Schuld, dass sie sich jetzt in dieser Lage befand. Als das Mädchen mich schlug, zuckte ich zusammen. Nicht weil es besonders weh tat, denn das tat es nicht, sondern weil ich es nicht vorhergesehen hatte. Genauso wenig, wie ihr plötzliches Gekeife. Die hatte ja tatsächlich etwas Feuer in sich.
Schützend hob ich meine Hände, ließ meinen Blick einmal kurz über ihren, zum größten Teil von der Decke versteckten Körper wandern und verschwand aus ihrem Zimmer. Das Grinsen, das sich normalerweise längst über mein Gesicht ziehen würde unterdrückte ich mir, bis ich die Tür wieder geschlossen hatte. Meine Wange kribbelte leicht, aber seltsamerweise war mein anfänglicher Frust verschwunden.
Ich trat auf den Gang vor meinem Zimmer und wartete darauf, dass "Mella" aus ihrer Tür kam. Immer mal wieder liefen Männer vorbei, geschäftige Mienen aufgesetzt. Sie musterten mich, abschätzig und ich überlegte, dass, hätte mich in Italien jemand so angesehen, sie vermutlich nicht mehr leben würden. Aber das hier war nicht Italien und ich war nicht mehr Dario. Und so senkte ich meinen Blick. Meine Emotionen durften mich jetzt nicht kontrollieren, das würde Tod bedeuten.
Als die Tochter des Bosses endlich aus ihrem Zimmer kam und wir wieder den Gang hinuntereilten, blieb ich immer einen respektvollen halben Schritt hinter ihr, nah genug, dass ich mich wohl vor sie schmeißen würde können, aber nicht so nah, dass ich ihr auf die Pelle rücken würde. Das ich dabei eine ausgezeichnete Aussicht auf gewisse Körperteile des Mädchens hatte, war ein angenehmes, aber nebensächliches Detail.
"Ich möchte mich für mein unangekündigtes Eintreten vorhin ent***n. Ich hatte nicht gedacht, dass du dich umziehen würdest. Und es erschien mir unvorsichtig dich länger als nötig allein zu lassen. Es wird nicht noch einmal passieren."
Die Worte kamen mir leichter über die Lippen als ich erwartet hatte. Aber zu lügen und mich zu verstellen war mir schon immer leicht gefallen und dies war ja eigentlich auch nichts anderes.
Mella
Klar würde so etwas früher oder später mal passieren, aber ... In vermeidbaren Situationen musste ich ihm so etwas nicht durchgehen lassen. Immerhin hätte er einfach nur anklopfen müssen und wir wären dieses Problem umgangen. Wirklich, was dachte sich dieser Mann eigentlich? Das hatte auch nichts damit zu tun, dass er vom Bodyguardsein keine Ahnung hatte. Es war einfach grundsätzlich unhöflich, unverhofft bei jemandem hereinzuschneien. Insbesondere, wenn man diese Person kaum kannte.
"Entschuldigung angenommen.", murmelte ich lediglich und kratzte mich an meiner Wange.
"Aber demnächst kündigst du dich bitte vorher an, ja? Egal, ob du mir sagst wann du kommst oder nicht. Es wird dich definitiv nicht umbringen, wenn du anklopfst. U-und ... Diese Tür ist sowieso nur für Notfälle, ja?"
Wahrscheinlich würde ich sie nachts sogar abschließen, wenn das hier so weiter ging.
"Übrigens müssen wir für dich vermutlich auch bald einen Termin organisieren. Du brauchst zwar kein hübsches chinesisches Kleid - obwohl du darin sicher blendend aussehen würdest - aber ein vernünftiger Anzug würde nicht gerade schaden." Ich bezweifelte, dass es ihn allzu stark interessieren würde - sicherlich, es war ja auch nicht sein Job, wie ein männliches Model durch unsere Gänge zu stolzieren - aber wenigstens für besondere Anlässe, wie das baldige Treffen mit den Chinesen und Japanern, sollte wenigstens ein bisschen Anstand vorhanden sein.
Dieses mal war es eine graue Limousine mit getönten Scheiben, die uns von A nach B brachte. Seufzend rollte ich mit den Augen, während ich mit Alexey hinten Platz nahm und Pjotr das Loszeichen gab.
"Wenn mein Vater wirklich dafür sorgen will, dass wie unerkannt bleiben, könnte er sich vielleicht um ein anderes ... Normaleres Auto bemühen."
"Ein Taxi wäre am besten, was?"
Lächelnd nickte ich.
"Ja, Taxi würde ich gern mal fahren ... Aber du kannst vergessen, dass wir
dafür draufzahlen, Pjotr!"
"Ach, ja, übrigens, Alexey ... Warte kurz ..." Ich versank nur beinahe in meiner vermeintlich kleinen, schwarzen Handtasche, während ich nach dem robusten Telefon, welches man glatt für ein Nokia halten könnte, suchte.
"Hier, für den Fall, dass es mal notwendig wird - die wichtigsten Nummern sind bereits eingespeichert. Ein eigenes Telefon wird also nicht von Nöten sein. Die Dinger sind sogar erstaunlich kugelsicher, damit könnte man bestimmt jemanden umbringen, wenn man es nur geschickt genug anstell- Oh! Wir sind da!"
Wie immer war der Laden bereits relativ leer. Schließlich gab es auch irgendwo einen Grund, warum mein Vater zehn Tage vorher mit seiner bedrohIichsten Stimme anrief, um uns etwas Zeit zu schaffen.
Fräulin Katherina begrüßte mich wie immer mit einer herzlichen, wenn auch leicht zitternden Umarmung.
"Keine Sorge, Alexey. Das hier sollte ziemlich schnell vorbei sein. Ich muss nur ein paar Kleider anprobieren und mich dann entscheíden. Du wartest bitte vor der Umkleide, verstanden?"
Mit einem Lächeln führte die Dame mich anschließend ins Hinterzimmer, in dem bereits eine Reihe farbenfroher Kleider auf mich warteten. Normalerweise trug ich keine besondere Art von Kleidern, aber mein Vater fand es wohl passend, sich für die Chinesen besonders hübsch zu machen. Vielleicht lief es auch in letzter Zeit einfach nicht so gut und er wollte sie irgendwie beeindrucken.
"Das ist die Kleine? Hm, hätte mir irgendwie gedacht, dass Krushnikov sie bisschen besser beschützt, als nur ihren Freund mitzuschicken. Aber wenn er meint ..."
Das dréckige Flüstern hatte ich erst mitbekommen, als es bereits zu spät war. Einer der Männer mit dem schweren, srinkenden Atem drückte mich auf den Boden, während der andere sicherging, dass die Tür ordentlich verriegelt war. Wie waren sie überhaupt hier reingekommen? Seit wann gab es in diesem kleinen, harmlosen Modegeschäft bitte Geheimtüren? Das war einfach nur absolut- "Bitte lächeln für die Kamera!"
"Ale- mngh! Mnghh!"
Alexey
Ich ließ die Schimpftiraden des Mädchens über mich ergehen. Auch in der Limousine blieb ich einfach still. Ich hatte keine Lust darauf mich mit ihr anzulegen.
Als wir in dem Geschäft ankamen und ich Mella und der Dame dabei zusah, wie sie in der Umkleide verschwanden, beschlich mich ein ausgesprochen unangenehmes Gefühl. Ich ignorierte es und wand mich stattdessen der Tür zu, die sich grade öffnete. Zwei bullige Männer betraten den Geschäftsraum. Sie unterhielten sich lautstark auf einer Sprache die ich als bulgarisch oder so etwas erkannte. Ich verstand sie nicht, aber ich nahm auch nicht an, dass sie mich in geringster Weise interessieren sollten. Im Rückblick hätte mir wohl auffallen können, dass es ganz leicht komisch war, dass zwei Männer allein ein Kleidergeschäft betraten, aber in dem Moment hatte ich nicht so weit gedacht.
Spätestens als ich eine Pranke von einer Hand auf meiner Schulter spürte und dann umgedreht wurde, schrillten all meine Alarmglocken auf. Die Faust, die in meinem Bauch landete, nahm mir die Luft, der Aufprall auf dem Biden kam nicht überraschend. Der eine der beiden Männer trat mich noch einmal in die Seite und Ließ dann einen Umschlag neben mich fallen.
"Richte das deinem Boss aus, Russe," spuckte der Bulgare auf Russisch und verschwand dann mit seinem Kumpanen aus der Tür. Ich lag noch ein paar Sekunden so da, Arme und Beine von mir gestreckt, dann richtete ich mich wütend auf. Ich hätte vorsichtiger sein müssen. Ungeschickt hob ich den Umschlag auf und öffnete ihn. Aus dem weißen Kästchen fielen ein Bild und ein Zettel. Auf dem Bild war das Prinzesschen der Russen zu erkennen, wie sie mit aufgerissenen Augen und mit einer Hand vor dem Mund in die Kamera starrte. Auf dem Zettel stand eine Adresse, eine Uhrzeit und eine Summe, 1,000,000 Dollar.
Entsetzt sprang ich auf und rüttelte an der Tür der Umkleidekabine. Sie war verschlossen. Natürlich. Wütend starrte ich auf die Holztür, bis mir eine Idee kam. Ich ergriff eine der Kleiderstangen, die es in diesem Laden ja wirklich genug gab und brach sie so, dass ich eine lange Stange in der Hand hatte. Diese schob ich dann unter die Tür, wo ein kleiner Schlitz bis zum Boden war. So gut es ging versuchte ich die Hebelnutzung zu gebrauchen um die Tür aus den Angeln zu heben. Die ersten paar Male rutschte ich ab, doch schließlich funktionierte es, so halb. Der untere Teil der Tür bog sich und brach schließlich. Grade groß genug, dass ich mich hindurchzwängen konnte. Als ich mich auf der anderen Seite wieder aufrichtete, erkannte ich sofort, dass hier etwas unangenehmes passiert war. Kleider waren auf dem Boden verstreut und ein Vorhang hinuntergerissen. Hinter diesem Vorhang verbarg sich jedoch ein Loch in der Wand. Triumphierend grinste ich. Das war ja fast zu einfach. Doch dann erstarb mein Grinsen, als mir die Situation bewusst wurde in der ich mich befand. Hilfe konnte ich mir keine besorgen, denn würde ich diese Nachricht tatsächlich zu Mellas Vater bringen würde ich wohl kaum noch lange leben. Also konzentrierte ich mich und trat in das Loch.
Ich lief durch einen dunklen Gang, der nach und nach immer breiter wurde. Als ich schließlich das Ende erspähte, war ich mir sicher, dass Maria und Jesus auf mich hinunterlächelten. Dort stand ein einzelner Bulgare, den Rücken zu mir gewandt, mit einer Shotgun in der Hand. Ich schlich an ihn heran, so leise wie es mir möglich war. Als ich fast direkt hinter ihm stand platzierte ich einen präzisen Schlag gegen seine Schläfe, einen weiteren gegen seinen Hals. Der Mann sackte zusammen.
Schnell nahm ich mir seine *** und ging weiter. Ich befand mich in einem Saal, der durch eine Tür mit einem weiteren Zimmer verbunden war. Als ich hindurchsah machte sich grade jemand auf den Weg nach draußen. Jedenfalls war das anzunehmen, denn eine Tür zur Strasse wurde geöffnet und jemand ging hindurch. Ich hatte wirklich mehr Glück als ich verdiente. Ohne lange zu fackeln, trat ich um die Ecke und feuerte zweimal auf den Mann der in der Mitte des Raumes stand. Dann noch einmal auf einen der in der Ecke hockte und mit jemandem redete. Beide fielen auf den Boden. Jetzt entdeckte ich auf Mella in der Mitte des Raumes, an einen Stuhl gefesselt. Wut stieg in mir hoch, als ich bemerkte, dass sie nur ihre Unterwäsche anhatte. Mehr oder weniger im Laufen zog ich meine Jacke aus und drapierte sie über dem Mädchen. Dann blickte ich auf den Mann der vor ihr lag. Er war tot. Schnell sah ich auch nachdem in der Ecke, schoss ihm noch einmal in den Kopf. Er hatte mit der Frau geredet, die vorhin im Laden gewesen war. Ich richtete meine *** auf sie und bedeutete ihr aufzustehen. Ich befahl ihr in die Mitte des Raums zu gehen. Sobald sie jedoch vor mir stand, zog ich ihr den Griff meiner *** über den Kopf und warf sie mir über die Schulter. Sie war immerhin leicht.
Dann ging ich auf Mella zu, die zitternd an ihren Stuhl gefesselt da saß und mich ansah. Behutsam löste ich die Knoten an ihren Handgelenken und Knöcheln und half ihr aufzustehen. Dann nahm ich meine Jacke und half ihr hinein. Ihre eigene Kleidung konnte ich nicht finden und wir hatte auf keine Zeit dafür. Als sie die Jacke anhatte, fiel mir auf, dass etwas auf ihrem Bauch stand, aber ich sah es mir nicht genauer an. Dafür hatten wir im Auto noch Zeit.
Ich legte einen Arm um ihre Schultern und führte sie, so schnell wie möglich, zurück durch den Gang und in den Laden hinein. Dort öffnete ich die Tür und stieß sie fluchend auf. Das dauerte zu lange. Ich hastete aus dem Laden, Mella am Arm, die Frau auf der Schulter. Zum Glück stand der Wagen noch dort wo wir ihn verlassen hatten. Ich öffnete die Tür, bugsierte das Mädchen hinein, schmiss die Frau grad zu hinterher und rutschte schließlich neben Mella.
"Fahren sie schon!" schnauzte ich den Fahrer an und lehnte mich erst zurück, als wir uns wieder auf der Straße befanden. Ich wusste nicht was ich sagen sollte, also legte ich einfach einen Arm um Mella und zog sie an mich heran, str***te ihr sanft durch die Haare und flüsterte Nichtigkeiten auf russisch um sie zu beruhigen.
Mella
Wieso musste so etwas immer passieren. Wieso? Das- Warum- Gott.
Wäre es das erste Mal gewesen, dass so etwas passierte, dann ... Vielleicht wäre es dann nicht ganz so schlimm. Man konnte sich an so etwas einfach nicht gewöhnen - je öfter es passierte, desto schlimmer wurde es. Zumal diese Typen wirklich nicht das Recht hatten mich ... Mich ... Mich einfach so- Gott. Das ... Das durfte einfach nicht wahr sein. Nein. Das durfte es einfach nicht.
Wieso gab sich Katherina überhaupt mit solchen Menschen ab? Sie war mir normal vorgekommen.Nett. Als würde sie nichts mit diesen Dingem zu tun haben wollen, genauso wie ich - nur mit dem kleinen aber feinen Problem, dass sie tatsächlich eine Wahl gehabt hatte. Wieso? Wieso hatte sie sich ausgerechnet dafür entschieden?
Vater hätte wahrscheinlich gesagt, dass ich nicht allzu schockiert sein sollte, weil so etwas immer passieren könnte (er würde es vermutlich etwas feinfühliger ausdrücken, aber letzten Endes war es ja so).
Aber warum musste ich denn immer davon ausgehen, dass die Menschen mir grundlos das Schlimmste vom Schlimmsten wollten? Das war doch einfach nur bescheuert. Es ... es war einfach nicht fair.
"Mal sehen, wie lieb dich dein Papa hat. Er wird uns doch hoffentlich diesen kleinen Gefallen erfüllen können, mh? In letzter Zeit war der alte Mann nämlich nicht sonderlich nett zu uns und da ist es ja nur logisch, dass wir uns einmal mit ihm unterhalten wollen. Wenn er anders nicht auf uns reagiert, ist das ja nicht unsere Schuld ..."
Diese Männer waren einfach nur Schweíne, absolut ***e verdammte Árschlöcher. Ich würde nie verstehen können, wie und wieso mein Vater dieselben Dinge wie diese Männer tun konnte. Zwar versuchte er nicht kleine Mädchen zu entführen und zu erpressen, doch ... Was er sonst tat, war auch nicht zwingend besser.
Selbst dann, wenn es eigentlich besser sein sollte - wenn ich mich sicherer fühlen sollte - musste ich trotzdem Angst haben. Natürlich hatte ich Glück, dass Alexey mich fand. Ich war außerordentlich froh, dass ihm nichts weiter zugestoßen war. Was hätte ich nur gemacht, wenn er an seinem ersten Tag bereits- ... Unwichtig.
Aber es änderte nichts daran, dass Menschen starben. Sicher, es waren ekeIhafte Menschen, die so etwas schon vielen anderen Mädchen angetan haben mussten und die selbst regelmäßig Unschuldige umbrachten, aber ... Himmel. Der Schuss einer PistoIe war noch nie ein beruhigendes Schlaflied für mich gewesen, wenn man es so sah.
"Danke, Alex.", brachte ich nur zitternd heraus. Seine Jacke war warm, doch das war auch der Rest seines Körpers. Er schien aufgewühlt zu sein. Natürlich, jeder normale Bodyguard würde in dieser Stresssituation so reagieren. Schließlich war hier nicht nur mein Leben in Gefahr, sondern auch sein eigenes.
Schweigsam brachte er Katherina und mich zurück zum Wagen. Ich wusste kaum, was ich sagen sollte. Es- ... Gott. Was sollte man denn bei so etwas überhaupt sagen?
"Danke ...", brachte ich lediglich erneut vor und versteckte mein Gesicht in seiner Kleidung.
"I-ich ... Verdammt nochmal, ich wollte doch nur ein dämliches Kleid. W-was soll denn der Scheíß?"
Pjotr warf lediglich einen unsicheren Blick zu mir nach hinten.Wir fuhren gut und gerne 20 kmh zu schnell, aber hier interessierte das sowieso niemanden.
"Wieso geh ich eigentlich überhaupt noch raus ...", weinte ich leise, meine Hände im Sitz verkrampft. Nicht, dass Alexey irgendetwas davon hören wollte (oder sich dafür interessieren würde), aber ich konnte ja nicht wirklich anders, als mich an ihm und Pjotr auszulassen.
"Kannst du mir bitte was erzählen? Das- ... Irgendwas einfach.Irgendwas. Ich ... Ich hab gerade nicht unbedingt Lust auf Stille, wenn du verstehst. I-ich will einfach nach Hause und einschlafen und- ... Bitte. Einfach irgendwas. Eine Geschichte a-aus deinem Leben oder so. O-okay?"
War das eine dumme Frage? Oder ... Gott. Er würde es in seinem Kopf wahrscheinlich eh infrage stellen, aber man konnte es ja wenigstens mal versuchen. Alexey musste sowieso schon genervt sein, nachdem ich seine Kleidung für mich beansprucht hatte. Mein Bauch brannte, vermutlich wegen diesem verdammt dämlichen Spruch auf meinem Körper und- Gott. Ich wollte mich einfach nur übergeben, duschen, weinen, schlafen und mein Zimmer für heute nicht mehr verlassen.
Alexey
Mit halben Ohr hörte ich dem Geschluchze des Mädchens neben mir zu, strich ihr gedankenverloren durch die Haare und über den Nacken, aber meine Augen waren auf Katherina gerichtet, die, auf dem Boden vor unseren Füßen lag. Ich war mir nicht sicher, wie lange ihre Ohnmacht noch anhalten würde, aber ich wollte sicherstellen, dass sie nicht plötzlich aufsprang und anfing um sich zu schlagen. Als Mella mich jedoch bat ihr eine Geschichte aus meinem Leben zu erzählen, wandte ich ihr wieder meine volle Aufmerksamkeit zu. Meine Gedanken sprangen erst zu einer der wenigen Erinnerungen, die ich an meine Mutter hatte, ein Schlaflied, das sie mir früher manchmal vorgesungen hatte. Aber das schien mir viel zu privat, als das ich es dem Mädchen neben mir einfach erzählen würde.
Also suchte ich weiter. Natürlich fielen mir vor allem Geschichten aus Italien ein, Vormittage die damit verbracht worden waren mich vor meinen Verantwortungen zu drücken, Abende mit Freunden und zu viel Rotwein, aber nichts davon schien mir in irgendeiner weise beruhigende Wirkungen auf ein weinendes Mädchen zu haben. Außerdem durfte sie ja wohl kaum wissen, dass ich mich mit 17 vor den Pflichten des Erbes der italienischen Mafia versteckt hatte.
Also erzählte ich ihr eine Geschichte, die mir von meinen Beratern immer wieder eingebläut worden war. Es war ein Teil der Herkunftsgeschichte von Alexey. Das Mädchen jetzt noch etwas mehr anzulügen, würde ja wohl kaum schaden.
"Als ich 18 war, damals hab ich noch bei meiner Mutter gelebt, war meine kleine Schwester total in so einen älteren Jungen verliebt," erzählte ich, so aufrichtig-klingend wie möglich, vor mich hin, "Die beiden sind auch zusammengekommen, allerdings war er ein totaler Idi'ot und hat sie voll manipuliert. Ich hab ihn ge***t. Naja ich hab erstmal nichts gesagt, weil sie so glücklich schien. Aber sie wurde immer stiller und nahm immer mehr ab. Ich bin dann auch irgendwann ausgezogen und hab sie nur noch am Wochenende gesehen, weil ich halt studiert habe. Die beiden waren da schon ne ganze Weile zusammen. Kurz vor meinem 20. Geburtstag rief mich dann meine Mutter total aufgelöst an. Meine Schwester war mit einem blauen Auge nach hause gekommen. Naja und meine Mutter hat sie ausgefragt und dann ganz viele Narben auf ihrem Arm gesehen und auch frische Wunden und so," um die Geschichte glaubhafter wirken zu lassen gab ich ein wütendes Geräusch von mir und knirschte ein wenig mit den Zähnen, "Ich bin sofort nach hause gekommen, aber sie hat darauf bestanden, dass es ihr gut ging und so weiter. Sie wollte uns nicht sagen woher das blaue Auge kam. Am nächsten Tag kam ihr Freund zu uns nach hause. Meine Mutter war einkaufen und die beiden schienen nicht zu wissen, dass ich da war, denn meine Schwester hat gesagt, dass sie alleine war. Auf jeden Fall hat er sie total beleidigt und so, weil sie ihm kein Bier geben wollte, weil wir einfach keins mehr hatten. Dann hat er versucht sie zu...", ich ließ meine Stimme geschickt abbrechen, wie Igor es mit mir geübt hatte. Ich schniefte ganz kurz und schluckte schwer, dann fuhr ich mir mit der Hand durch die Haare und richtete mich ein wenig auf. "Ich hab ihn von ihr weggezogen, weil ich sie Schrein gehört habe, aber ich hab das Bild seit dem nicht aus meinem Kopf bekommen, wie sie da lag und weinte..." Erneut fuhr ich mir durch die Haare, das Gesicht verzogen. "Er hat sich verteidigt und dann hatte ich plötzlich ein Küchenmesser in der Hand. Ich hab zugestochen, immer und immer wieder. Meine Schwester lag nur da und weinte. Ich hab ihn abends mit der Hilfe meiner Mutter im Kohleofen in unserem Keller verbrannt, aber dann hat sie mir gesagt, dass sie nicht mit mir unter einem Dach leben konnte. Ich habe nur meine Schwester beschützt, aber das konnte sie nicht einsehen," inzwischen spielte ich mit meinen ***, "Sie hat mich rausgeschmissen und ich hab mein Studium abgebrochen und mich mit Underground Kämpfen durchgeschlagen. Das war der erste Mensch den ich je getötet habe." Schloss ich meine Geschichte. Ich nahm an, dass das nicht tatsächlich die Art von Geschichte gewesen war, die Mella gemeint hatte, aber das war mir egal. Ich wollte, dass sie mir vertraute.
"Ich hab meine Mutter und Schwester seit dem nie wieder gesehen, aber Krasnikov hat gesagt, er regelt es, dass ein Teil meiner Bezahlung auf ihr Konto übertragen wird. Er ist der einzige Mensch dem ich die Geschichte je erzählt habe," sagte ich langsam, dann sah ich sie an "Naja und jetzt habe ich sie noch dir erzählt."
Mir war schon klar, dass das kein Weg war jemanden zu trösten, aber vielleicht sah sie mich jetzt als einen guten Mensch an. Das würde sich, sei es denn überhaupt der Fall, jedoch natürlich sofort ändern, falls sie je herausfand, dass der erste Mensch den ich je getötet hatte ein Gefangener meines Vaters gewesen war, der seine Schulden nicht hatte begleichen können. Und das ich nicht 19 gewesen war sondern 13.
Leise seufzend lehnte ich mich zurück und blickte zu Mella.
"Tut mir leid, ich weiß das ist keine schöne Geschichte, aber es war die erste die mir eingefallen ist. Ich hab noch nicht besonders viel schönes erlebt," sagte ich, schwach grinsend und strich dem Mädchen mit der Hand über die Schulter. Dann ließ ich meinen Blick wieder zu Katherina wenden und betete, dass sie mir meine Geschichte glaubte und sie den gewollten Effekt erzielte.
Mella
Vater würde durchdrehen, wenn er davon hörte. Es- Gott. Dabei war es doch noch gar nicht so lange her gewesen, seit dem so etwas das letzte Mal geschehen war. Ich konnte mich zwar kaum noch daran erinnern - wobei, wollte traf es etwas besser - doch- Himmel. Okay. Es war okay. Auch, wenn es das nicht wahr, denn so etwas sollte eigentlich nie geschehen und ich konnte und wollte es nicht verstehen. Mir war klar, dass nicht alle Menschen gut waren - weiß Gott, gerade mir sollte so etwas ja klar sein - aber ... Mussten denn alle Menschen in dieser Branche so schlecht sein? Konnte es niemanden mit wenigstens einem halben guten Herz geben (und zwar einem, das auch wirklich ihres war und nicht eines, das sie auf dem Schwarzmarkt verkaufen wollten)? Wahrscheinlich war das alles viel zu viel verlangt. Es war einfach alles zu viel verlangt. Kaum merklich schüttelte ich den Kopf, mein Blick nach wie vor nach unten gesenkt, während Alexey mir über den Kopf streicheIte. Es half nicht wirklich dabei, mich zu beruhigen, doch das war nicht seine Schuld. Schließlich war es auch nicht wirklich sein Job, mich zu beruhigen oder dafür zu sorgen, dass ich nicht durchdrehte (davon, dass wir uns kaum kannten sowieso abgesehen). Vielleicht hätte ich auch gar nicht nach einer Geschichte fragen sollen, denn ... Was wollte er mir bitte erzählen? Ein Kindermärchen? Ein Lügenmärchen davon, dass alles wieder gut werden würde? Oder eine glückliche Kindheitserinnerung aus längst vergangenen Tagen, die es so für ihn wohl nie wieder geben würde? Ehrlich, es- ... Das war doch bescheuert. Wahrscheinlich hätte sogar Pjotr mir mehr zu sagen als Alexey, selbst, wenn er nicht der gesprächigste Fahrer im ganzen Land wäre.
Wie es aussah, hatte Alexey sich allerdings doch dazu entschlossen, mir eine kleine Geschichte zu erzählen - und was für eine. Ehrlich, was wollte er damit bezwecken? Dass ich wegen etwas anderem heulte? Dass ich meinen Schmerz für einen Moment vergessen konnte oder dass ich wenigstens wusste, dass ich nicht die Einzige war, der es beschíssen ging? Es- Gott. Und warum half das alles so überraschend gut? Es- Das war doch nicht fair. Klar heulte ich immer noch wie ein Schlosshund und meine Nägel steckten nach wie vor im Sitz, aber- ... Verdammt. Wieso musste denn wirklich jeder in diesem Job so etwas Schreckliches erfahren?
"I-ist schon okay. Sch-schon okay ..", stotterte ich leise und atmete tief ein und aus. Zitternd schüttelte ich den Kopf und brachte ein nervöses Lachem hervor. Gott, das hier ... Das hier war doch einfach nur der Wahnsinn. Nein, nicht der Wahnsinn. Einfach nur Wahnsinn.
"Das ist echt keine schöne Geschichte. Tut mir leid, dass dir bisher noch nicht viel allzu Schönes passiert ist ... Ich würde ja gern sagen, dass wir das ändern können, aber ... Nach heute will ich lieber keine allzu großen Versprechen machen." Unsicher blickte ich leicht zu ihm auf, aber ein ehrliches Lächeln konnte ich nicht zustande bringen. In der momentanen Situation wäre das vermutlich auch alles andere als angemessen.
Trotzdem, irgendetwas aufmunterndes musste es doch für uns geben.
"Aber ich schätze, wir können es trotzdem versuchen, hm? Dir muss ja echt eine Menge nichts Schönes passiert sein, dass du nicht mal mehr weißt, wie man jemandem Trost spendet."
Mit einem vorsichtigen, zögerlichen Zucken, welches entfernt an ein Grinsen erinnerte, lehnte ich mich wieder ein Stück an ihn. Wenn er etwas dagegen hätte, sollte er etwas sagen. Schließlich hatte Alexey bereits unter Beweis gestellt, dass er definitiv in der Lage war, sich durchzusetzen.
"Also, ich- ... Es tut mir echt leid, was passiert ist. Hoffentlich kannst du wenigstens deine Schwester irgendwann mal wieder sehen ... Du wirst ja nicht jeden Tag und jede Nacht gebraucht, vielleicht schafft ihr es ja mal euch zu treffen, wenn du frei hast ... O-oder so etwas."
"Uhm, Melly ... Vielleicht solltet ihr über etwas anderes reden. Ich kann mir vorstellen, dass dein Vater die Nachricht tausend Mal schlechter verkraften wird, wenn deine Augen ganz rot vor Tränen sind."
"Ich weiß, Pjotr, ich weiß ... Keine Sorge, an dir wird ers schon nicht auslassen. Danke, dass du uns gefahren hast."
So sanft wie nur möglich hielt die graue Limousine allmählich am Straßenrand. Er versuchte sich an einem Lächeln, auch, wenn das alles andere als leicht war und nickte uns zum Abschied zu.
"Ist okay, ich kann alleine laufen.", versicherte ich Alexey, bevor ich die Tür hinter uns beiden schloss. Nervös biss ich mir auf die Lippe und schluckte leicht.
"Ich ... Ich glaube, ich geh erst einmal auf mein Zimmer ... Bis später.", murmelte ich leise, während ich mich auf den Weg zu meiner Kleidung machte, in der Hoffnung, dass es Katherina trotz allem nicht allzu grausam ergehen würde ...
Alexey
Als das Auto endlich anhielt, zog ich die, immer noch ohnmächtige, Katherina heraus und legte sie mir wieder über die Schulter. Dann begleitete ich Mella in das Gebäude, das ich jetzt offiziell zum ersten Mal von außen sah. Als sie sagte, dass sie auf ihr Zimmer gehen würde, überlegte ich kurz ob ich sie wirklich alleine lassen konnte. Nach kurzer Überlegung entschied ich mich dafür, sie noch bis zu ihrer Zimmertür zu begleiten. Als das Mädchen ihren Raum betreten hatte, drehte ich wieder um und machte mich auf die Suche nach ihrem Vater oder Krasnikov.
Ich fand weder den einen noch den anderen, aber ein anderer, offensichtlich wichtiger Mann, sprach mich an, sobald er mich sah:
"Wen hast du denn da über deine Schulter geworfen?" fragte er, fast schon gefährlich leise.
Ich antwortete ihm nicht sofort sondern sah mich erst noch einmal nach den Männern um, die ich eigentlich suchte.
"Diese Frau hat Mella an eine Gruppe von Bulgaren verraten," erklärte ich, gespielte Wut auf dem Gesicht. Der Mann sah leicht überrascht aus, aber er nickte, machte auf dem Absatz kehrt und ging in die Richtung aus der ich gekommen war. Nach ein paar Schritten drehte er sich noch einmal um und bedeutete mir ungeduldig ihm zu folgen. Ganz leicht widerwillig setzte ich mich in Bewegung.
Der Mann führte mich vorbei an Mellas und meiner Zimmertür und durch einen angrenzenden Gang, direkt in ein großes, offenes Büro. An einem dunklen Holztisch saß der Boss der Tambowskaja und betrachtete einen Stapel Papiere. Als der Mann, welcher mich hier her geführt hatte sich sanft räusperte, hob der Russe seinen kopf und betrachtete erst den anderen Mann, dann mich und dann Katherina mit zurückhaltender Neugier.
"Der junge Bodyguard suchte dich," stellte der, mir unbekannte, Russe vor mir fest und trat dann zur Seite. Der Boss nickte ihm kurz zu, was wohl Code dafür war zu gehen, denn der Mann erwiderte die Geste und verschwand dann aus dem Raum. Unsicher stellte ich mich etwas grader hin, hier schien man sich ja nicht vor den Boss zu knien, und sah dem Mann hinterm Schreibtisch in die Augen.
"Sprich," sagte dieser schließlich, die Stimme schwer von etwas, das ich nicht identifizieren konnte.
"Wir waren in dem Kleiderladen. Ihre Tochter und diese Frau gingen in die Umkleide. Ich wartete solange davor. Dann betraten zwei Bulgaren den Raum und gaben mir diese Notiz," ich fischte das Stück Papier und das Foto von Mella aus meiner Tasche, "ich brach die Umkleide auf und fand einen geheimgang vor, der in eine, vermutlich angrenzende, Lagerhalle führte. Dort erschoss ich drei Bulgaren und schlug diese Frau ohnmächtig. Auch fand ich ihre Tochter vor. Wir fuhren sofort hier hin zurück." zählte ich die Ereignisse des Nachmittags auf.
Der, beeindruckende, Mann vor mir erhob sich langsam und kam auf mich zu. Es kostete mich überraschend viel Willenskraft nicht instinktiv zurückzuweichen.
Ich sah, dass er mich schlagen würde, wenigstens so früh, dass ich hätte ausweichen können, aber ich tat es nicht. Ich versuchte mich einfach nur darauf vorzubereiten. Mein Kopf flog zur Seite und meine Wange brannte. Ich war mir ziemlich sicher, dass der Siegelring des Mannes einen Schnitt hinterlassen hatte. Ich sah ihm stur in die Augen.
"Ich werde jetzt nach meiner Tochter sehen. Wenn ich auch nur eine Schramme an ihr entdecke, dann kriegst du eine richtige Strafe," sagte der Mann, seine Stimme kalt. Ich hatte mich in den letzten Monaten an die h***en Klänge des Russischen gewöhnt, die die Sprache, im Gegensatz zu Italienisch, so klar und strukturiert erschienen lassen, aber die kantige Betonung des Mannes war trotzdem angsteinflößend. Gleichzeitig war mir jedoch bewusst, dass er mich nicht umbringen würde. Das wäre vollkommen unlogisch.
"Du bleibst hier. Fessele die Frau an einen Stuhl," rief der Mann noch über seine Schulter. Ich atmete langsam aus und machte mich dann seufzend daran Katherina an einen der Stühle vor dem Schreibtisch zu binden.
Mella
Am liebsten hätte ich den Rest des Abends einfach nur noch geschlafen. Es wäre besser für uns alle gewesen, ohne Frage, aber ich konnte im Augenblick nicht schlafen. Wie denn bitte auch? Es- Hilfe. Vielleicht sollte ich eines der Hörspiele anmachen, die mein Vater mir immer mitgebracht hatte, wenn er auf Reisen gegangen war. Als kleines Kind hatte es mich schließlich immer beruhigen können und im Augenblick fühlte ich mich in etwa so verletzlich wie ein kleines, wehrloses Kind. Es war kein schönes Gefühl, definitiv nicht - immerhin wollte ich doch groß und stark sein, auf mich selbst aufpassen und möglicherweise sogar so weit sein, dass ich gar keinen Bodyguard mehr benötigte. Zwar bezweifelte ich, dass mein Vater dabei mitspielen würde, aber ... Möglicherweise, wenn ich die richtigen Argumente hatte? Nur ... Im Moment würde es auf gar keinen Fall dazu kommen. Das- ... So auf gar keinen Fall.
Es dauerte auch gar nicht allzu lange, bis mein Vater mich besuchte.
"Mella, Schatz, es tut mir so leid ..."
Er versuchte seine sanfte Stimme zu nutzen, doch er zitterte immer noch ein klein wenig. Vermutlich würde das alles für Alexey auch nicht sonderlich gut ausgehen ...
"Ist schon okay, Vater ... Ist schon okay." Erschöpft ließ ich mich in seine Arme fallen und schluchzte an seiner Brust.
"Weißt du, es- Ich mochte es dort echt sehr, weißt du? Katherina war immer so nett und der Laden war so süß und ich ... V-verdammte scheíße. Ich weiß es doch auch nicht. Es- ... D-das ist doch einfach nur dämlich ..."
Seufzend kuschelte ich mich für einen weiteren Moment an ihn heran und blickte auf.
"Ich- ... Ich weiß nicht, ob ich in nächster Zeit rausgehen will."
"Das musst du auch nicht, mein Mädchen. Ich kümmere mich um alles, versprochen."
Seine Stimme wurde leiser, ein klein wenig tiefer. Auch, wenn er sich bemühte, wurde sein Griff minimal fester. "Ich werde mich jetzt gleich um diese dréckige Frau kümmern. Keine Angst, Schatz, sie wird uns nie wieder irgendjemandem verraten können. Sie wird gar nichts mehr verraten können."
Stumm nickte ich, biss mir auf die Lippe. Ändern konnte ich an seiner Meinung wahrscheinlich eh nichts - da war dieses wütende Glitzern in seinen Augen, welches voller Wut und Sturheit strotzte.
"Uhm ... Was ist denn eigentlich mit Alexey?", fragte ich vorsichtig, während Vater sich langsam erhob. Er sah nicht gerade glücklicher über diese Thematik aus.
"Du meinst den Bástard, der es nicht mal geschafft hat, dich eine einzige Nacht zu beschützen? Ich bin mir noch nicht ganz sicher, wie-"
"Einfach gar nicht.", murmelte ich leise, bevor ich wankend aufstand.
"Es ist doch schließlich nicht seine Schuld, ich meine- ... Woher soll er denn wissen, dass wir ihr nicht vertrauen können? Und ... Die anderen waren viel mehr als er ... Ich- ... Kann ich mit dir mitkommen?"
Skeptisch musterte er mich, alles andere als glücklich mit der momentanen Situation. Es sah so aus, als würde er zu einem Einspruch ansetzen wollen, doch letzten Endes nickte er nur kaum merklich und nahm meine Hand.
Schweigend führte er mich in den Raum, in dem Alexey, Katherina und mittlerweile auch ein paar andere bekannte Gesichter warteten. Sie hatten sie an einen Stuhl gebunden, während er von muskulösen Männern mit einer reichlichen Anzahl von Wáffen umringt war.
"Bevor wir zu dieser Verräterin dort kommen, kümmern wir uns noch um dich, Alexey." Die Augen meines Vaters hatten sich mittlerweile zu SchIitzen verengt, während er mit gemächlichen Schritten auf ihn zutrat. Mein Atem ging flach, als ich ihm mit vorsichtigen Schritten folgte.
"Wie kannst du es wagen, so etwas zuzulassen?", raunte mein Vater in einer tiefen, dunklen Stimme und sah ihm direkt in die Augen.
"Vielleicht hätten wir doch den anderen Kandidaten einladen sollen ..." Seine Hand schnellte direkt in sein Gesicht. Alexey zuckte nicht einmal für eine Sekunde zusammen - wie es aussah, hatte er ihn bereits ein paar mal geschlagen.
Vater holte zu einem weiteren Schlag aus. Was dachte er, würde das bringen? "Hör auf.", brachte ich schließlich nach einem weiteren Moment hervor und betrachtete ihn mit einem bösen Blick, "H-hör auf. Sofort. Alexey ist mein Bodyguard und ich entscheíde, ob und wie er bestraft wird." Langsam wandte ich meinen Blick von meinem Vater zu den versammelten Männern und anschließend zu Alexey.
"Du ... Du kommst jetzt mit mir mit.", bestimmte ich leise und nahm ihn an der Hand.
"Sei nicht zu grausam zu ihr, v-verstanden? Findet lieber erst mal heraus, warum sie es gemacht hat." Ohne weiteres verließ ich den Raum mit Alexey, mein Blick gesenkt.
"Tut mir leid.", flüsterte ich schließlich, als wir uns im Gang meines Zimmers befanden.
Alexey
Kaum hatte ich den letzten Knoten an den Fesseln der Frau festgezogen, betraten vier breitgebaute Russen den Raum. Instinktiv spannte ich mich an. Die gezogenen Ak-47s konnten ja wohl eigentlich echt nichts gute behaupten. Unsicher blieb ich hinter dem Stuhl der Frau stehen und bewegte meinen Blick nicht von einem Punkt auf der Wand gegenüber von mir weg. Die Männer neben, hinter und vor mir bewegten sich auch nicht und so standen wir da wie Holzsoldaten und warteten darauf, dass etwas, irgendetwas, passierte.
Nach einigen Minuten betraten Mella und ihr Vater das Zimmer. Ich war überrascht, dass das Mädchen dabei war. Wäre sie das auch, wenn sie wüsste, dass mich ihr Vater umbringen würde? Oder bedeutete ihre Anwesenheit, dass er mir eine zweite Chance gewähren würde? Ich blieb stehen wie davor, die Arme hinterm Rücken verschränkt, den Blick nach vorne gerichtet. Der Mann trat wieder vor mich und hob die Hand. Ich fragte mich ob er die Schläge mit Absicht so voraussehbar machte. Würde er ein Ausweichen oder Zucken als Schwäche interpretieren und mich erschießen lassen? Oder war sein Arm mit dem Alter einfach so schwer geworden, dass ihm ein subtileres Manöver nicht mehr gelang? Was auch immer es war, ich wiederholte den Vorgang von davor. Dieser Schlag war deutlich kräftiger als der Erste. Ich blickte ihn sofort wieder an.
Hätte in Italien Jemand seine Hand so gegen mich erhoben hätte ich sie abschneiden lassen. So musste ich mich zusammenreißen nicht das Blut, welches sich unter meiner Zunge sammelte, neben den Mann auf den Boden zu spucken, um nicht respektlos zu erscheinen. SO gut es ging unterdrückte ich meine Wut. Mein Gesicht fühlte sich blank an, vollkommen emotionslos. Hoffentlich sah es so auch aus.
Grade als der Mann zu einem neuen Schlag ansetzte sprach Mella auf. Ich war nicht der einzige Mann im Raum dessen Blick sich überrascht auf das Mädchen richtete. Sie sprach fast schon kommandierend mit ihrem Vater. Instinktiv fragte ich mich ob mein Vater auch auf meine kleinen Schwestern hören würde. Vermutlich nicht.
Unsicher ließ ich meine Augen auf dem Mädchen, das meine Hand ergriffen hatte. Ich sah nicht zurück, als sie mich aus dem Raum führte und durch die Gänge.
Erleichterung erfüllte mich, als mir klar wurde, dass ich heute nicht sterben würde. Und ich beeilte mich mit Mella schritt zu halten. Kurz vor ihrer Tür flüsterte das Mädchen plötzlich etwas, das sich wie "Tut mir leid" anhörte. Ironisch lachte ich auf.
"Mella, du hast mir mein Leben gerettet, obwohl das eigentlich mein Job ist. Ich bedanke mich bei dir," sagte ich langsam und sah dem Mädchen in die Augen. Ich respektierte weder sie noch ihre Familie, aber ich konnte nicht abstreiten, dass ich ohne sie vermutlich tot wäre. Und ich hatte keinen Bock zu sterben.
Da die Glückshormone in mir immer noch relativ hoch waren, hielt ich dem Mädchen die Tür auf und folgte ihr dann in ihr Zimmer. Ich war mir zwar nicht sicher, ob sie das stören würde, aber wenn das der Fall war, dann könnte sie mich ja jeder Zeit wegschicken.
Sobald ich ihr Zimmer betreten hatte, stolperte ich jedoch erstmal zum Waschbecken und spuckte das Blut in meinem Mund aus, das von einer aufgeplatzten Lippe stammte. Dann wandte ich mich dem Mädchen wieder zu und sah sie an.
"Haben die Bulgaren dir eigentlich was auf den Bauch geschrieben?" fragte ich nach, als mir wieder einfiel, dass ich so etwas in der Limousine gesehen hatte. Unsicher überlegte ich ob mich ihr Vater nicht vielleicht doch noch häuten würde, wenn er das sehen werden würde.
Mella
Was hatte ich mir dabei nur gedacht? Klar, mein Ziel war es gewesen, ihn vor meinem Vater zu bewahren und das hatte ich wohl auch mehr oder weniger geschafft, doch ... Es hatte mehr sein können, nein, sollen. Es hätte mehr sein sollen, definitiv. Ich- Hilfe. Wieso hatte ich mir überhaupt erst angesehen, wie er geschlagen wurde? Was sollte das? Wieso- Himmel. Warum war ich denn so ... Gefroren gewesen? Als wäre es gar nicht ich, die dort gestanden hatte, sondern nur mein Körper, während ich aus weiter Entfernung zusah. Dabei war ich doch nicht mehr das kleine Mädchen, das noch Angst gehabt hatte, gegen ihren Vater zu sprechen. Es war sinnlos, denn ehrlich, es gab keinen Grund für mich, irgendwelche Angst vor meinem Vater zu haben. Von unseren Männern konnten sich das vielleicht nur die wenigsten vorstellen, aber er war einer der liebsten Männer in der Welt ... Solange es um seine Familie ging. Schwach kratzte mich am Hinterkopf und sah schließlich mit einem unsicheren Lächeln zu Alexey. Er lachte? Nun, es klang zwar nicht gerade nach einem fröhlichen Lachen, aber allein die Tatsache, dass er dazu fähig war, schien mir ein mehr oder weniger gutes Zeichen zu sein.
"Ich wünschte, du hättest damit Unrecht, aber ... Leider kenn ich meinen Vater dafür zu gut. Er kann manchmal ganz schön unfair sein." Und das war noch eine nett gemeinte, liebevolle Untertreibung meinerseits. Wirklich, er ... Vater konnte maßlos übertreiben. Ich wollte gar nicht erst wissen, was womöglich Katherina alles zustoßen würde.
Alexey fand seinen Weg schnell zum Waschbecken, vermutlich, um herauszufinden, wie viel Schaden mein Vater angerichtet hatte. Ob es wirklich so schlimm war, wie es sich anfühlte. Allerdings schien ihm bei der Gelegenheit ausgerechnet diese Sache einfallen müssen.
"Keine Sorge, ich hab mich schon drum gekümmert. Alles gut.", beruhigte ich ihn mit dem Versuch eines Lächelns und rieb mir leicht den Bauch. Es war okay, ja ... Eigentlich war es das nicht, aber wenn ich das ganze so schnell wie möglich los wurde, desto besser.
"Kümmer du dich lieber mal um dein Gesicht, sonst siehts am Ende noch so aus als hätten wir gerade eine Halloweenparty gehabt."
Lächelnd drückte ich ihm ein Tuch in die Hand und ließ mich auf mein Bett fallen.
"Falls es zu schlimm ist, können wir dir auch noch Eiswürfel aus der Küche holen. "
Auch, wenn ich noch nicht schlafen konnte, wusste ich nicht so ganz, was ich jetzt machen sollte. Es- ... Vielleicht wäre es das Beste, einfach einen Film zu gucken und dabei langsam einzuschlafen.
"Hey, sag mal, welchen Film willst du lieber sehen? Uhm ... Die sagen mir beide ehrlich gesagt nichts, mein Vater hat die nur von seinem letzten Trip mitgebracht, also ... Der hier ist über irgendeine verbotene Liebesgeschichte in Italien - klingt ja fast ein bisschen wie Romeo und Julia hier - und der andere ist über einen Roadtrip von Rom nach Barcelona ... " Etwas verwirrt zog ich die Augenbrauen zusammen. Ich war zwar nicht zwingend uptodate, was Popkultur anging, aber sie kamen mir beide wirklich nicht allzu bekannt vor.
"Lies dir mal die Beschreibung durch oder so, ich geh mich schnell fertig machen."
Rasch schnappte ich mir meinen Schlafanzug und begab mich in mein Badezimmer. Vielleicht wäre es am besten, wenn ich noch eine Dusche nahm ...
Keine zehn Minuten später stolperte ich auch schon wieder in mein Zimmer zurück, meine nassen Haare halb in meinem Gesicht, während sich mein kuschliges rosa Top sowie die weißen flauschigen Shorts an meinen Körper schmiegten.
"Und, schon für einen Film entschieden? Ich- ... Also, wenns dir nicht ausmacht, würde ich gern mit dir was eingucken, bis ich einschlafe ..." Lachend schüttelte ich den Kopf.
"Wird glaube ich auf jeden Fall besser funktionieren, als wenn du mir wieder etwas erzählst."
Re: crossfire || Amary & ich
from malitsuki on 09/06/2019 04:32 PMAlexey
Mein ganzes Leben lang war mir immer wieder eingebläut worden, dass es niemanden in meinem Leben geben durfte, geben konnte, für den es sich lohnen würde zu sterben. Ich kannte meine eigene Mutter kaum, meine kleinen Schwestern waren mir zwar irgendwie wichtig, sie zu beschützen wäre mir jedoch trotzdem nie in den Sinn gekommen und für meine "Freunde" würde ich, wäre es zu vermeiden, nicht einmal den kleinen Finger heben. Ich erwartete Loyalität von ihnen, nicht andersherum.
Nicht einmal für meinen Vater, der immerhin die wichtigste Person in meinem Leben war, würde ich mich selbst in Gefahr bringen. So war es mir beigebracht worden. Ich war viel zu wichtig für die Zukunft unserer Familie.
Deshalb verstand ich auch die Aufgabe nicht, die mir mein Vater aufgetragen hatte. Natürlich war die Tambowskaja ein ernstzunehmender Gegner, wenn es denn zu einem Krieg kommen würde und ich verstand auch, dass mein Vater sich in einer solchen Situation nur auf die loyalsten seiner Mit***er verlassen konnte, aber ich war dennoch der Meinung, dass er den Plan nicht richtig durchdacht haben konnte. Immerhin würde ich sterben können, ich würde gefangen genommen werden können. Ich hatte auch versucht ihm dies klarzumachen, aber mein Vater war stur geblieben. Durch mein russisches Erscheinungsbild und mein Verständnis der osteuropäischen Kultur und Sprache, erschien ich ihm wohl als ausgesprochen gelungene Wahl. Alle Proteste waren wirkungslos gewesen, weshalb ich jetzt, in einem normalen Passagierflugzeug, auf dem Weg nach Moskau auf meinen neuen Pass starrte. Alexey Danshov. Auch wenn ich meinen Mittelnamen behalten hatte dürfen, erschien mir die Konstellation verdammt ungewohnt. Man hätte mir auch gleich einen komplett anderen Namen geben können.
Seufzend blickte ich aus dem Fenster und versuchte den schnarchenden Engländer neben mir zu ignorieren. Da die Russen vermutlich nicht nur einen Hintergrundcheck ausführen würden, was meine neue Identität anging, wäre die Anreise in einem privaten Jet viel zu auffällig gewesen. Sogar ein Sitz in der Business Class war wohl nicht verhandelbar gewesen. Ich war jetzt also Alexey Danshov, ein 21 jähriger Russe, ursprünglich aus Jekaterinburg, der, nach dem Abbruch seines Literaturstudiums, Geld mit Undercover MMA-Kämpfen verdient hatte. Hätte man die Russen gefragt, hätten sie erzählt, dass ich, Alexey, eines Nachts an genau dem richtigen Ort zu genau der richtigen Zeit gewesen war. Sie hatten in mehreren Clubs nach talentierten Kämpfern gesucht und ich hatte das große Glück gehabt in genau so einem Club zu sein, als einer der einflussreichsten Capos, oder wie auch immer die Russen sie nannten, des Kartells ebenfalls dort gewesen war. Natürlich war das alles kein Glück. Ich hatte mich monatelang auf diese Nacht vorbereitet, hatte genau gewusst wann ich wo sein musste. Ich hatte die Kampfstile meiner Gegner studiert und mich in ewigem, hartem Training darauf vorbereitet sie zu besiegen. Die Russen waren genau in unsere Falle getappt, aber ich war an dem Abend auch wirklich ausgesprochen überragend gewesen.
Danach war es nur noch eine Frage von Minuten gewesen, bis mich ein Mann in einem schlichten Anzug angesprochen hatte. Mir wurde eine Summe angeboten, der ein armer Student, oder nicht-mehr-Student, niemals widerstehen könnte. Nachdem ich ihre dubiosen Verträge unterschrieben hatte, wurde ich in meine vermeintliche Heimatstadt geschickt um meine kläglichen Besitztümer zu holen. Jetzt war ich auf dem Weg zurück nach Moskau
Bis zu dem Moment, an dem ich aus diesem Flugzeug steigen würde waren alle meine Schritte geplant gewesen. Jeder Augenblick, jeder Atemzug, war einzig und allein darauf fokussiert gewesen, von der Tambowskaja entdeckt zu werden. Aber nach dem der erste Auswahlprozess beendet war, hatte niemand in Italien mehr gewusst was als nächstes geschehen würde. Ich hatte keine Angst. Vielleicht war ich ein bisschen nervös. Aber ich musste jetzt einen klaren Kopf bewahren.
Es dauerte noch eine halbe Stunde, bis wir gelandet waren und dann eine weitere bis ich endlich in der Ausgangshalle des Flughafens stand. Meine Ohren hatten bereits die ersten Fetzen russischer Worte aufgeschnappt und ich war erneut überrascht von der Leichtigkeit, mit welcher mein Gehirn sie verstand. Ich hatte, als ich vor fast vier Monaten nach Russland gekommen war, zwar theoretisch fließend russisch gesprochen, aber erst jetzt, nach dieser Zeit, merkte ich, wie viel leichter mir die Sprache nun über die Lippen kam. Ich war froh mein Sprachtalent noch etwas geölt haben zu können, bevor ich mich unter die prüfenden Augen der russischen Mafia begab.
Meine Augen wanderten suchend durch die Menschenmenge, bis ich ein Schild mit meinem Namen darauf sah. Ich ging auf den untersetzen Fahrer, dessen Augen hinter einer dunklen Sonnenbrille versteckt waren, zu und grüßte ihn. Er musterte mich abschätzend, schnappte sich dann meinen Pass, den ich noch in meiner Hand gehalten hatte, und betrachtete ihn prüfend. Er nickte forsch, gab mir das Dokument wieder und führte mich auf den Parkplatz vor dem Flughafen. Bevor mir überhaupt klar werden konnte, was der Mann tat, wurde ich in den Kofferraum eines bereitstehenden Wagen geschubst und die Klappe wurde hinter mir geschlossen. Ziemlich primitive Transportmet***, meiner Meinung nach, aber die behielt ich für mich.
Als wir nach einer ziemlich langen Fahrt endlich stehen blieben und ich aus dem dunklen Raum befreit wurde, atmete ich erleichtert aus. Ich war wirklich nicht gerne eingesperrt. Als ich mich in dem Parkhaus umsah, in dem wir geparkt hatte, fiel mein Blick auf den Mann der mich entdeckt hatte. Krasnikov legte seine Arme in einer väterlichen Umarmung um meine Schultern, was ihm etwas schwer fiel, da er immerhin deutlich kleiner war als ich.
"Alexey mein Freund. Wie schön, dass du es geschafft hast. Du hast den ersten Teil des Auswahlprozesses bestanden. Der zweite ist ein bisschen schwerer, hmm? Ein bisschen gefährlicher. Aber du bist bereit, nicht?"
Er grinste mich seltsam vertraut an und ich nickte leicht.
Während er mich durch die Gänge eines Hauses führte, plauderte der Mann weiter und weiter. Es dauerte eine ganze Weile bis wir schließlich in einer Art Halle angekommen waren. Sie war bereits ziemlich voll, Männer standen an den Wänden und mehrere große Stühle standen am Kopfende des Raumes. Ich nahm an, dass der Boss der Mafia und seine Vertrauten dort Platz nehmen würden.
"Es gibt vier Kandidaten. Ihr werdet euch aneinander messen, im Kampf. Am Ende wird nur einer überleben, ja? Ich bin mir sicher, dass du das schaffen wirst. Das Mädchen sucht am Ende aus. Versuch nicht erschossen zu werden, für mich gibts auch einen kleinen Bonus, wenn sie dich nimmt," raunte Krasnikov mir zu, bevor er mich in die Mitte des Saales stieß und sich dann zu den Männern an der Wand gesellte. Ich blickte mir meine Gegner an, drei Männer, allesamt deutlich älter und breiter als ich. Allesamt vermutlich etwas schwerfällig. Unwillkürlich seufzte ich. Maria steh mir bei.
Mella
Pjat, tschest, sjem, wosjem ... Wie viele waren es jetzt schon gewesen? Irgendwann hatte ich aufgehört zu zählen. Brachte doch sowieso nichts - es gab keine Zahl, die je beschreiben könnte, wie viele Bodyguards ich bereits gehabt hatte. Als ich noch ganz klein war, wollte mein Vater niemanden an mich heranlassen. Er war zu paranoid, um irgendwelche Männer zu engagieren, um auf mich aufzupassen - nicht mal meine Cousins ließ er mit mir allein. Im Nachhinein war das wohl auch besser gewesen, aber wie sollte man denn einem kleinen fünfjährigen Mädchen beibringen, dass es nicht mit seinen Cousins spielen darf? Es ... Es war eine merkwürdige Zeit gewesen.
Jetzt war zwar nichts leichter oder gar weniger merkwürdig, aber ... Es war machbar, ja. Man gewöhnte sich früher oder später daran.
"Melly. Mach dich bitte langsam fertig, ja?"
Stumm nickte ich. Zwar stand Papa vor der Tür, aber er wusste ganz genau, was meine Antwort war. Die meisten waren durchaus überrascht, wenn sie hörten, was für ein gutes Verhältnis mein Vater und ich hatten. Es kam niemandem so vor, als hätten wir viel gemein - ich hásste GewaIt und Ungerechtigkeit, die Arbeit meines Vaters sozusagen. Ein paar Mal hatte ich ihn dazu bringen können, mir einen Gefallen zu tun, aber diese eine Sache hatte ich ihm nie abringen können.
Irgendwann war es zur Tradition geworden, immer dasselbe Kleidchen zu tragen. Ein schwarzes, kurzärmliges simples Stoffkleid, kombiniert mit knielangen weißen Ringelsocken und einer silbernen Kette, graviert mit dem Namen meines Vaters. Sie baumelte seit meinem zehnten Geburtstag um meinen Hals, weil es für ihn seit damals unvermeidlich war, meine Identität zu verbergen.
"Das ist doch wirklich albern ...", seufzte ich leise und kratzte mich am Hinterkopf. Mein Vater hatte mir ein paar Akten über die neuen Anwerber zukommen lassen. Nichts Konkretes, weder ein Name, noch ein Foto, das Alter, irgendwelche Informationen ... Im Grunde genommen waren es lediglich die Eindrücke, welche die Männer meines Vaters von ihnen hatten ... Was allerdings trinkfester Junge mit 'nem Mundwerk das so groß wie seine Fäuste ist bedeuten sollte, würde ich schon gern wissen. Es klang nicht besonders ... Ansprechend.
Mit einem letzten Blick in den Spiegel verließ ich mein abgedunkeltes Zimmer. Es war größer als das, was ich bei Mom hatte, aber ... Irgendwie fühlte es sich immer noch kalt an.
"Papa ... Sind das alle?"
"Wenn sie dir nicht gefallen, dann haben wir noch einige Reservekandida-"
"Njet. Das ... Es sollen gar nicht mehr sein." Er schenkte mir dieses halbe Lächeln mit einem knappen, verständnisvollen Nicken. Das war es, was die meisten Menschen nicht begreifen konnten - er verstand. Natürlich, ein Mann, der über sechs Sprachen beherrschte, verstand sehr Vieles, doch ... manchmal eben auch nicht alles.
"Wie alt sind die Männer dort?"
"Ich weiß es nicht. Frag am besten Krasnikov. In fünf Minuten fangen wir an."
Krasnikov war ein netter Mann, selbst, wenn man das in der Tambowskaja nicht wirklich erwartete. Er war eben so nett, wie man in der russischen Mafia sein konnte (auch, wenn man das Wort Mafia nicht gern hier hörte). "Krasnikov ... wer sind diese Männer?"
"Ah, Mellinchen! Schön dich endlich zu sehen! Groß bist du geworden!"
Lachend verdrehte ich die Augen und ließ mich von meinem Onkel umarmen.
"Und ich war noch viel größer bei meinem Geburtstag vor zwei Wochen. Oder hast du den etwa schon wieder vergessen?"
"Es fühlt sich immer wie eine Ewigkeit an, wenn wir uns nicht sehen, mein Mädchen. Und, wenn ich dir heute jemandem empfehlen darf - du sagtest doch immer, dass du eine Vorliebe für Alexeys hast, mh? Ich kenne da einen vortrefflichen jungen Mann, wenn du verstehst."
"Natürlich, natürlich, aber es wäre unfair, wenn ich mich jetzt schon entscheíde. Nicht, dass hier irgendetwas fair läuft, aber ... Ich hoffe, dass ihr jedem hier klargemacht habt, worauf sie sich eigentlich einlassen. Da wir gerade dabei sind, wie-"
"Tut mir leid, Mel, aber ich glaube, dein Vater möchte langsam anfangen. Wir unterhalten uns später, okay?"
"Ich möchte Sie alle unter unserem Dach willkommen heißen. Mögen Sie Ihr Bestes geben und Sie werden die Möglichkeit bekommen, für uns zu arbeiten. Meine Tochter entscheídet, ob sie Ihnen vertraut oder nicht. Ihnen sollte bewusst sein, dass auch der kleinste Funke Misstrauen zu ihrem Tod führen wird ... Melly, Schatz, würdest du den Kampf eröffnen?"
Jedes Mal hielt er dieselbe Vorrede - wahrscheinlich konnte er sie schon rückwärts sprechen. Mit einem schwachen Kopfschütteln erhob ich mich von meinem Stuhl, gleich zur Rechten meines Vaters, und ergriff das Wort. "Also dann ... Ich möchte keine FoIter und kein unnötiges Hinauszögern sehen ... F-fangt an."
Ich wusste nicht, wie lange es gedauert haben musste. Zu lange, natürlich, das stand außer Frage, jedoch wollte ich die Details gar nicht erst wissen. Sie hatten sich bereits schlimm genug angehört.Wütende Schreie überall, das Knallen einer PistoIe und das gestresste Aufkeuchen, wenn man feststellte, dass keine Patronen mehr vorhanden waren. Mit der Zeit hatte ich gelernt, diese Geräusche eindeutig zu identifizieren; So gern ich auch so tun würde, als wenn sie nicht zu diesem Alltag gehörten.
"Das müsste ein neuer Rekord sein.", bemerkte mein Vater, woraufhin Dimitri stumm nickte.
"Ist überhaupt noch einer übrig?", fragte ich leise. Mein Blick hing immer noch an meiner Stuhllehne. Sein Rot war nicht annähernd so beunruhigend wie das Blutbad, was die Männer dort unten verrichtet haben mussten.
"Da.", antwortete mein Vater lediglich und deutete in die Mitte des Raumes.
"O-okay ... Wenn er kann, dann soll er vortreten."
Wortlos winkte mein Vater dem Mann zu, bevor er mir sanft eine Hand auf die Schulter legte.
"Es ist okay. Krasnikov und Nikita haben die anderen weggeräumt. Du kannst gucken, Mella."
Schwach biss ich mir auf die Lippe, zählte bis zehn und dann noch einmal bis fünfzig. Anschließend drehte ich mich um, mein Blick auf meine Zehen gerichtet, und trat vorsichtig nach vorn. Erst, als ich einen Meter vor dem Mann in den schwarzen Schuhen mit ausgefransten Schnürsenkeln stand, sah ich auf. "P-privjet.", brachte ich mit stockenden Atem heraus, bevor ich ihm die Hand reichte.
"Mein Name ist Mella. W-willkommen an Bord. N-nun sag ... Wer bist du?"
Alexey
Ich hatte nicht erwartet, dass mir die W'affe gegeben werden würde, aber ich nahm die Pistole dankbar entgegen. Ich war ein passabler Schütze. Methodisch ließ ich das Magazin des alten Revolvers, der mir gegeben worden war, zur Seite schnellen und zählte drei Patronen. Ich hatte sechs erwartet, immerhin war es ja ein Revolver, aber drei machten mehr Sinn. Ein Schuss für jeden Gegner.
Ich schenkte dem Boss nur die Aufmerksamkeit meiner Ohren, während ich mich im Raum nach einem geeigneten Versteck umsah. Der größte Teil der Halle war karg, aber an einem Ende waren große, marmorne Säulen angebracht. Während der Mann seine kleine Ansprache beendete, glitt ich leise zu diesen hinüber. Die anderen drei Männer blickten gespannt nach vorne. Was für große Idioten.
Kaum war ich hinter einer der Säulen abgetaucht, ertönte eine weibliche Stimme. Vermutlich die Tochter. Ich lehnte meinen Kopf an den Marmor hinter mir und lauschte nur. Sie kam mir vor wie ein ganz schönes Prinzesschen. Vermutlich eines dieser Mädchen, die von ihren Vätern viel zu sehr verwöhnt worden waren. Langsam atmete ich aus, dann wieder ein. Als ihr Signal zum anfangen ertönte, erfüllten fast sofort Kampfgeräusche die Luft des Raumes. Jemand keuchte auf, vermutlich im Schmerz. Erst als ich das erste Klicken eines leeren Magazins hörte, lugte ich hinter meiner Säule hervor. Einer der Männer stand in der Mitte des Raums und blickte fassungslos und wütend auf seine Pistole. Er hatte wohl ebenfalls sechs Kugeln erwartet. Die anderen Männer entdeckte ich den Bruchteil einer Sekunde später. Der eine schien bereits unschädlich, denn der andere benutzte seinen Körper als eine Art Schutzschild. Jedoch verdeckte er sich selbst nur vor dem Mann in der Mitte des Raumes. Ich legte an, stabilisierte meinen Arm und schoss in die Brust des Mannes, der eben noch so auf sein Magazin fokussiert gewesen war. Dann wandte ich mich so schnell wie möglich um und zielte auf den, hinter dem dritten, am Boden hockenden Mann. Dieser schoss grade blind in die Richtung des Mannes den ich grade erschossen hatte. Das war ja zu einfach. Ich versenkte meine zweite Kugel seitlich in seinem Schädel. Er sackte in sich zusammen.
Lässig, jedenfalls nahm ich an, dass ich lässig aussah, das Adrenalin war immer noch ziemlich präsent in meinen Blut, trat ich hinter meiner Säule hervor.
Auf der Tribüne vor mir wurden ein paar Worte ausgetauscht, aber das Mädchen blickte nicht einmal in meine Richtung. Sie sah nur krampfhaft auf ihren Stuhl. Meine Güte, warum war sie überhaupt dabei, wenn sie sich das Spektakel nicht einmal ansah? Unruhig stand ich vor den Männern und dem Mädchen und wartete darauf, dass etwas geschah. Irgendetwas. Aber sie tuschelten nur unter einander. Das Mädchen wisperte irgendetwas und dann, endlich, richtete sie sich auf und kam auf mich zu, den Blick gesenkt. Ich war mir nicht sicher wie ich damit umgehen sollte, dass sie auf mich zukam. Zuhause bestimmte die Hierarchie sehr strikt wie man sich zu grüßen hatte. Ich musste meinem Vater gegenüber Demut zeigen, alle anderen Familienmitgli'eder standen unter mir.
Bevor ich noch weiter grübeln konnte, hatte mich das Mädchen erreicht. Sie hielt mir ihre Hand hin und stellte sich vor. Kurz überlegte ich, ob, würde ich jetzt etwas zu italienisches tun, ich sofort auffliegen würde. Was wäre wenn mein nächster Schritt mich sofort als Spitzel dastehen lassen würde? Aber dann wurde mir klar, dass, würde ich mich gegen eine respektvolle Geste ent***nd falsch liegen, ich ebenfalls in großer Gefahr schweben würde. Und eine übertriebene Begrüßung könnte mir, würde sie denn falsch sein, auch als Unwissenheit ausgelegt werden. Und so ergriff ich die Hand des Mädchens und ließ mich langsam auf ein Knie sinken. Ich hielt mich davon ab ihre Hand zu küssen, denn das war wirklich sehr italienisch, und betete stattdessen, dass diese Geste wenigstens akzeptiert, wenn nicht sogar erwartet war. In mir regte sich etwas, dass wohl als Wut oder Genervtheit zu verstehen war. Ich sollte nicht vor diesem Mädchen knien, sie stand unter mir, sie war eine Frau verdammt nochmal. Und ich war der Erbe der Cosa Nostra. Ich schluckte die Bitterkeit in meiner Kehle hinunter. Nun war nicht die Zeit für einen Anfall von giftigem Stolz.
"Mein Name ist Alexey Danshov. Es ist mir eine Ehre hier zu sein," antwortete ich auf die Frage des Mädchens. Dabei fühlte ich mich wieder sicherer obwohl ich immer noch kniete. Krasnikov hatte mir gesagt, dass es in einer formellen Umgebung wichtig war, meine Dankbarkeit auszudrücken. Fast musste ich spöttisch grinsen. Meine Dankbarkeit, dass ich nicht lachte. Wütend verbannte ich meinen Spott in die hinterste Ecke meines Kopfes, ebenso wie meinen Stolz. Ich konnte mich jetzt nicht ablenken lassen.
Mella
Wenigstens war Vaters Ausschussverfahren jetzt mehr oder weniger vorüber. Zumindest war die Wahrscheinlichkeit, dass der Junge überleben würde, mittlerweile recht groß. Zwar war das Oberhaupt der Tambowskaja durch und durch skeptisch zu jedem Zeitpunkt (und besonders, wenn es seine Familie betraf), doch ... Von jetzt an sollte es leichter sein. Hoffentlich.
Er sah wirklich ziemlich jung aus, kaum älter als ich, jedoch ließ die Tatsache, dass er drei Männer ohne mit der Wimper zu zucken umgebracht hatte, ihn um ein Vielfaches älter erscheinen. Jeder normale Mensch - besonders in dem Alter - wäre doch allein bei dem Gedanken, auf jemand anderen zu schießen zusammengebrochen ... Oder?
"Danshov ...", murmelte ich leise und hob verwirrt die Augenbraue, als er vor mir in die Knie ging. Es war schon so lange her, dass ich einem Fremden die Hand gegeben hatte ... War das so normal? Es ... Kam mir nicht so vor, doch vielleicht wusste er auch einfach nicht, wie er sich sonst ausdrücken sollte. Für viele Normalbürger wäre so eine Situation überfordernd. Sein Gesicht kam mir nicht sonderlich bekannt vor, also konnte er aus keinem unserer Zirkel stammen.
"Steh auf.", forderte ich schließlich leise, da ich selbst nicht ganz wusste, wie ich mit diesem Verhalten umgehen sollte.
"D-du bist schließlich mein Bodyguard ... Von da unten kannst du mich nicht beschützen."
Lachend klopfte Krasnikov erst Alexey und dann mir auf die Schulter.
"Wo sie recht hat, hat sie recht! Du willst doch nicht gleich an deinem ersten Tag einen schlechten Eindruck hinterlassen, was, mein Junge?" "Komm, Melly, zeig ihm am besten mal seinen Raum. Du hast noch eine halbe Stunde bevor du zu Fräulein Katherina gehst."
Knapp nickte ich und bedeutete meinem neuen Bodyguard, mir zu folgen.
"Fräulein Katherina ist ein Modegeschäft. Es ist in der Nähe, vielleicht eine Viertelstunde mit dem Auto. Heute wird also kein schwerer Tag.", informierte ich ihn geistesabwärtig. Wahrscheinlich wäre es besser, ein anderes Thema zu wählen, aber ... Das hier war immerhin sein Job, nicht wahr? Also war es nur fair, ihm wenigstens ein bisschen zu helfen.
"Danach kannst du noch einen Happen essen, wenn du magst, aber ich weiß nicht, ob du Essen von draußen mitbringen kannst. Sagen wirs so, mein Vater traut den meisten lokalen Geschäften nicht ... So wie den meisten Leuten, ehrlich gesagt."
War das zu viel? Oder ... Falsch? Allerdings müsste es eigentlich mehr als normal sein. Die meisten in diesem Geschäft trauten nichts und niemandem.
Die verschachtelten Gänge des Hauses waren mir mittlerweile so vertraut, dass es mir beinahe lächerlich vorkam, wie sich meine Lehrer jedes Mal aufs Neue verirrt hatten, wenn sie versuchten, mir Zuhause etwas beizubringen. Schon als kleines Kind hatte ich das Wirrwarr der scheinbar nicht endenden, türlosen Flure entknäuelt; Doch, wenn man eine Menge Fantasie und genug Zeit sowie Neugier besaß, war alles möglich.
"Versuch am besten gleich, dir den Weg einzuprägen. Ich hab zwar eine Karte von diesen Hallen gemalt, aber ..."Mit einem kleinen Lächeln schüttelte ich den Kopf und trat auf die eiserne Tür zu.
"Wenn du mit so etwas rumlaufen würdest, wirst du am Ende vielleicht noch erschossen. Die Lektion durfte mein Geigenlehrer ziemlich früh lernen."
Mit einem Ruck drückte ich die Klinke, welche manchmal ein wenig klemmte, herunter, und stieß die Tür langsam nach innen auf. Das grelle Licht flackerte anfangs, aber nach kurzem Gewöhnen stach es nicht mehr so sehr in den Augen.
"Das ist dein Zimmer. Ich weiß, es ist nicht besonders schön, aber ... Wenn mein Vater denkt, dass du deinen Job gut machst, kann es eigentlich ganz gemütlich hier werden. Mein letzter Bodyguard hatte einen Fernseher und einen Schreibtisch und was nicht alles hier drinnen, also ... J-ja."
Gott, warum war das alles hier nur so- Himmel.Es war merkwürdig.Wieso war es so merkwürdig beklemmend?
"Und wie du siehst, haben wir hier noch eine Tür ... Das ist mein Zimmer. Der Schrank in der Ecke deines Zimmers ist übrigens nicht echt, da hinter ist eine Durchgangstür zu meinem Zimmer. Wenn du willst, kannst du dich erst einmal ausruhen und umziehen, dann- ... Oh. Uhm, j-ja. Was ich vergessen hab zu sagen - du kannst ruhig mit mir reden, okay? Wir werden hoffentlich eine Weile miteinander auskommen müssen, also wenn etwas ist oder du Fragen hast, nur raus damit, ja?"
Alexey
Sobald das Kommando dazu kam, richtete ich mich langsam auf. Das Mädchen versuchte wohl einen Witz zu machen, aber ich war nicht besonders amüsiert. Warum sollte ich sie in einem Raum voll ihrer Untergebenen beschützen müssen? Respektierten die Russen einander einfach nicht? Ob es an meiner ständigen, unterschwelligen Nervosität lag, oder an meine gereizten Nerven, war mir nicht klar, aber das Geschnatter des Mädchens ging mir enorm gegen den Strich. Zuhause in Sizilien würde es niemand wagen mich so vollzulabern. All meinen Freunden war bewusst wie sehr ich Präzision schätzte.
Ich schnappte das Wort "Modegeschäft" aus dem Redeschwall des Mädchens, der konstant über mich schwappte wie Wellen, auf und war kurz davor aufzulachen. Ich sollte sie in ein Modegeschäft begleiten? Nun es machte natürlich Sinn, denn ich musste ja auf sie aufpassen, aber dieses Anliegen erschien mir trotzdem ziemlich zivil. Aber gut, vermutlich hatte sie nichts Besseres zu tun. Sie war ja wohl kaum die Erbin des Kartells und musste sich nicht auf ihre Zukunft vorbereiten. Sie würde irgendeinen Oligarchen heiraten und bis an das Ende ihres Lebens in irgendwelchen überteuerten Modegeschäften einkaufen gehen. Ein schönes, simples Leben. Jedenfalls wenn ich es nicht in einem Wutanfall beenden würde, was gar nicht so abwegig war. Das Mädchen redete immer noch.
Bedauernd musste ich feststellen, dass ich mich tatsächlich nicht auf unseren Weg konzentriert hatte. Gefährliche Unachtsamkeit. Ich musste mich in diesem Gebäude auskennen. Sie faselte noch etwas von Geigenlehrern und Karten, aber meine Gedanken schweiften schon wieder ab. Unvermittelt fühlte ich ein Verlangen nach der Küste Siziliens, nach der stechenden Sonne und dem knirschenden Sand. Stattdessen öffnete das Mädchen jetzt einen Raum. Meinen Raum, laut ihr.
Er war unglaublich hässlich.
Ich hörte dem Mädchen dabei zu wie sie von dem Raum ihres vorherigen Bodyguards erzählte, und mir erklärte, dass ich nichtmal einen funktionstüchtigen Schrank haben durfte, weil normale Türen anscheinend auf einmal vollkommen inakzeptabel waren. Als sie mir "erlaubte" zu sprechen, war ich unglaublich kurz vor einer sarkastischen Bemerkung. Ich verkniff sie mir grade noch so und stieß einfach ein karges "Okay" aus. Ich stand nah an dem Mädchen, fast direkt vor ihr, und sah auf sie hinunter. Sie war wirklich hübsch. Hätte ich sie in Italien gesehen, hätte ich ihr den Mund zugeklebt und sie einfach ein bisschen bewundert. Und dann noch ein paar andere Sachen mit ihr angestellt, im Zuge derer ich ihren Mund vielleicht wieder hätte befreien müssen. Aber jetzt stand dieses Mädchen so weit über mir, sie war so verdammt unerreichbar. Es war ganz schön frustrierend für mich. Aber für mich war auch noch nie etwas unerreichbar gewesen. Ich mochte das Gefühl ganz und gar nicht.
"Ich ziehe mich jetzt um. In," ich blickte auf meine Armbanduhr, "fünfzehn Minuten werde ich in deinem Zimmer sein," sagte ich mit kalter Stimme. Der Tonfall war fast schon unhöflich, aber eben nur fast. Es war die einzige Sättigung meiner Wut die ich mir erlaubte. Dann verschwand ich in "meinem" Zimmer und schloss die Tür hinter mir.
In einer kleinen Kommode fand ich eine schwarze Hose und ein schwarzes Shirt, beides in mehreren Größen. Ich streifte mein altes Hemd und meine Leinenhose ab und zog mir die schwarze Kleidung an. Dann verstaute ich alles und sah auf meine Uhr. Noch sieben Minuten. Unwillkürlich ließ ich meinen Blick durch den kläglich eingerichteten Raum schweifen. Besonders viele Möbel gab es nicht, nur ein Bett, meine Kommode, den falschen Schrank und ein Bücherregal. Außerdem eine kleine Badecke, die mit einem Vorhand vom restlichen Zimmer getrennt war. Seufzend fuhr ich mir durch die Haare. Die nächsten paar Monate würden wirklich anstrengend werden...
Als die 15 Minuten vorbei waren betrat ich das Zimmer des Mädchens unangekündigt durch die Verbindungstür. Immerhin war ich ihr Bodyguard und es hätte ja sein können, dass sie in Gefahr schwebte. Zufrieden grinste ich in mich hinein. Wenigstens ein bisschen unhöflich konnte ich sein.
Mella
Es hätte schlimmer anfangen können. Zwar auch definitiv besser, aber dafür, dass ich noch nie jemand so jungen hatte, der auf mich aufpasste, lief das doch ganz gut. Eigentlich sollte sein Alter keine große Rolle für mich spielen, aber ... Wie sollte man sich denn sonst verhalten? Es- Ich war es einfach nicht gewohnt, mich von jemandem, mit dem ich theoretisch befreundet sein könnte,beschützen zu lassen. Davon abgesehen hinterließ dieser Alexey eine merkwürdige Gänsehaut auf mir, doch ... Das könnte genauso gut die Nervosität sein, nichts sonst weiter. Es war eine ungewohnte Situation, mit der ich schon irgendwie klarkommen würde. Ihm ging es damit ja sicherlich nicht anders, schließlich schien er in seinem Alter noch keine weitere Erfahrung in diesem Business zu haben. Ob das nun besser oder schlechter für ihn war, würde sich zeigen. Auch, wenn es vermutlich das Beste gewesen wäre, wenn er gar nicht erst eine Stelle an diesem Ort angetreten hätte.
"In Ordnung. In fünfzehn Minuten."
Sein Ton überraschte mich. Keiner der Männer meines Vaters sprach so mit mir, geschweige denn die meines Vaters. Ob er es nun darauf anlegte oder lediglich nicht wusste, wie herrisch er tatsächlich rüberkam ... Es war egal. Es war sein erster Tag, der zum Glück sowieso bald vorbei sein würde. Es war okay, ja. Das- Wir waren beide schon ein klein wenig geschafft, huh?
Viel mehr brauchte ich von ihm auch gar nicht, um mich in mein Zimmer zu verziehen. Mit einem leisen Seufzen warf ich mich auf mein Bettund starrte an die Decke. Mit ein bisschen Glück (oder Pech, je nach dem, wie man das alles sah) würde Alexey sogar mein kleinstes Problem sein. Da war immer noch die Sache mit Japan und China. Warum mein Vater mich unbedingt dabei haben wollte, würde ich wohl nie verstehen. Ich bezweifelte, dass er versuchen würde, mich zu verheiraten - wir wussten schließlich ganz genau, dass das nie passieren würde - aber ... Seine Pläne waren mir ohnehin schIeíerhaft, da er aus Gewohnheit immer die wichtigsten Details ausließ, selbst (oder gerade) wenn diese mich betrafen.
Der kurze Blick auf mein Handy zauberte mir ein kleines Lächeln ins Gesicht. Zwei neue Nachrichten -eine von Mama und eine von Tanja.
Na Schatz, wie ist es gelaufen? Hast du einen guten Ersatz für Mitja gefunden? und Ich glaube so ein Kleid würde dir echt gut stehen!. Während ich Tanja lediglich einen Smiley schickte, bekam meine Mutter wie immer ein nettes kleines Update darüber, wie es mir denn eigentlich so ging. Die meisten Kinder in meiner Position hatten wahrscheinlich keine Mutter mehr, also ... Wenigstens in der Hinsicht konnte ich mich glücklich schätzen. Leider hörte die Glückssträhne da auch schon langsam auf.
"Wahrscheinlich sollte ich mich umziehen ...", murmelte ich zu mir selbst und warf einen Blick in den Spiegel. Es war kein auffälliger Look, aber etwas Bequemeres wäre vermutlich besser, wenn ich bedachte, wie ungewöhnlich die Stoffe bei Katherina meistens waren. Bei meinem Pech würde sie mich auch noch in ein Korsett zwingen, also sollte ich meine "Freizeit" wohl ein wenig ausnutzen.
Meine Wahl fiel ziemlich schnell auf einen weißen Jumpsuit mit roten Blüten, welcher noch ein ganzes Stück kürzer war als mein Kleid. Da ich ihn allerdings sowieso nicht lang auf den Straßen tragen würde, konnte mir da ja herzlich egal sein.
Meine Kette verstaute ich ordentlich in meinem kleinen, runden schwarzen Schmuckkästchen, bevor ich meine Ballerinas abstreifte und Sneakers hervorkramte.
Ich hatte mich gerade meines Kleides entledigt und meiner Mutter ein kurzes Update gegeben, was unsere Verabredung für Samstag anging, als ein gewisser junger Mann unverhofft herein schneite.
"Spínnst du?" Ohne es mitzubekommen, war meine Hand in sein Gesicht geschnellt, noch bevor meine andere Hand realisiert hatte, dass es eine gute Idee wäre, nach der Decke zu greifen.
"Klopf' demnächst! Ich bin sofort fertig. Bis dahin wartest du. Draußen. U-und ich will keinen Mucks von dir hören."
Sonderlich einschüchternd kam ich bestimmt nicht rüber, so halb in meine fliederfarbene Hello Kitty Kuscheldecke, die mir mein Vater zum zehnten Geburtstag geschenkt hatte, eingehüllt.
"W-worauf wartest du, Alexey? Raus!"
crossfire || Amary & ich
from malitsuki on 09/06/2019 04:30 PMKeine Ahnung, ob wirs sofort weiterschreiben oder erst mal on hold setzen, aber ich save es schon mal :)
Steckbriefe
Name: Dario Alexey Saraceno
Alter: 21
Aussehen: 1,91 m groß, schwarze Haare, Haa'rschnitt ungefähr so: http://www.fanpop.com/clubs/leonardo-dicaprio/images/19374080/title/leonardo-dicaprio-photo , blau-graue Augen, Augenbrauen und Nase auch vorhanden, definiertes Gesicht, breite Schultern, weites Lächeln.
Sonstiges: Spricht Russisch und Italienisch und ein bisschen Englisch, tiefe Stimme, nicht besonders nett, relativ guter Kämpfer, aufbrausend
Name: Mella Krushnikov, kurz Mel oder Melly
Alter: 19
Aussehen: https://cdn1.thehunt.com/app/public/system/note_images/13105526/note_view/9d8cbcdb30f5ab6a82e6585a21462123.jpeg
Sie ist 1,70m groß. Zwar sieht sie auf dem Bild "tough" (oder so xD) aus, aber meist trägt sie farbenfrohe Kleidung, auch gern Kleidchen und Blumenprint und was nicht alles.
Sonstiges: Sehr sprachen- und kulturinteressiert, dem Geschäft ihres Vaters leicht abgeneigt; liebt dennoch ihre Familie. Ist außerdem musikalisch sehr begabt und treibt gern Sport. Das einzige Problem ist, dass sie nicht sonderlich stark ist - aber dafür bekommt sie ja ihren Bodyguard ;)


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